Ein strukturiertes Vorgehen in der Auswahl, Durchführung und Interpretation von Assessments setzt besonders in der Behandlung älterer Patienten spezifische Kenntnisse und entsprechende Erfahrungen voraus. Patrick Heldmann und Tim Fleiner, beide forschende Physiotherapeuten in der Geriatrie, arbeiten in diesem Beitrag die neuen Leitlinien zum Geriatrischen Assessment auf und liefern wichtige Hinweise für die Mobilitätserfassung im Praxisalltag.

Im Krankenhaus – akute Lebensgefahr durch körperliche Inaktivität

Neben der akuten Erkrankung sind bei einer Behandlung von älteren Menschen im Krankenhaus besonders die hohe Prävalenz der Multimorbidität und die damit verbundenen geriatrischen Symptome zu beachten. Dazu gehören zum Beispiel Mangelernährung, kognitive Störungen, Delir, Beeinträchtigungen der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADLs), Inkontinenz und sensorische Störungen (1). Die Komplexität und hohe Anzahl dieser negativen Faktoren stellen für dieses Patientenkollektiv ein außerordentliches Risiko dar, während des Krankenhausaufenthaltes ihre funktionellen Fähigkeiten abzubauen sowie die Unabhängigkeit in den ADLs zu verlieren. Eine zentrale Ursache, die zu einem Verlust funktioneller Fähigkeiten führen kann, ist die häufige körperliche Inaktivität der Patienten während einer Krankenhausbehandlung. So werden im Durchschnitt 83 Prozent der Krankenhausverweildauer in der Altersgruppe von über 65 Jahren im Bett verbracht (2). Die Folgen dieser körperlichen Dekonditionierung können vielfältig sein und reichen von einer schnellen Wiedereinweisung in ein Krankenhaus, der Unterbringung in Pflegeheimen (3), einer erhöhten Anzahl an Stürzen, schlechter Lebensqualität und einem verstärkten Einsatz gesundheitsbezogener Ressourcen (4) bis hin zu einer höheren Sterblichkeitsrate (5).