Die Physiotherapie im Bereich der Inneren Medizin ist sehr viel mehr, als ein bisschen Atemtherapie und Hockergymnastik. Wer sich in diesem Tätigkeitsfeld spezialisiert, kann sich auf interessante Aufgaben freuen. Die pt hat mit zwei jungen Kollegen gesprochen, die diesen Fachbereich direkt nach der Ausbildung für sich entdeckt haben.

Warum habt ihr euch für die Innere Medizin als Tätigkeitsfeld entschieden?

Théo: Wir haben bereits in den Praktikumseinsätzen während der Ausbildung gemerkt, dass wir Interesse an der Inneren Medizin haben. Wir finden, dass das Handlungsfeld sehr vielseitig ist, aber leider eben auch unterschätzt wird. Zudem wussten wir, dass es gerade in diesem Fachbereich noch an spezialisierten Therapeuten und therapeutischen Teams fehlt – das hat uns zusätzlich motiviert.

Wie ging es dann weiter?

Isabel: Ich persönlich wollte mich gern im ambulanten Bereich spezialisieren. Dabei musste ich feststellen, dass es wirklich schwierig war, gute Einrichtungen mit dieser Ausrichtung zu finden. Nachdem das dann zum Glück geklappt hat, haben wir gemeinsam Fortbildungen besucht, um wirklich fit für die Arbeit mit internistischen Patientinnen und Patienten zu werden. Wichtig sind da unserer Erfahrung nach die Bereiche Pneumologie und Kardiologie.

Théo: Ich bin in der Klink tätig und dort sind neben den externen Weiterbildungen natürlich auch die teaminternen Fortbildungen wichtig, die bei uns oft interdisziplinär ausgerichtet sind.

Was sind für euch die besonderen Herausforderungen bei der Arbeit im internistischen Bereich – ihr kennt ja sowohl die ambulante, als auch die stationäre Perspektive?

Isabel: Im ambulanten Bereich brauchen wir vor allem Geduld und einen langen Atem. Gerade in der Inneren Medizin kann man in den ersten Behandlungen nicht gleich große Effekte erwarten. Alle Beteiligten müssen am Ball bleiben und auch manchmal mit Frustration umgehen können. Die Betroffenen brauchen viel Edukation, der kommunikative Aspekt ist also enorm wichtig. Unsere Aufgabe ist es vor allem, die Patientinnen und Patienten so gut zu schulen, dass sie möglichst lange selbstständig bleiben und gut mit ihrer chronischen Erkrankung leben können.

Théo: Im Bereich der stationären Versorgung sind die Herausforderungen ähnlich. Es geht einfach nicht immer so gut und schnell voran, wie wir uns das vielleicht wünschen würden. Zu berücksichtigen ist auch, dass diese Zielgruppe oft multimorbide ist. Es gibt also meist ganz viele „Baustellen“, an denen die Physiotherapie angreifen kann und muss. Dabei ist für mich eine gute Struktur und die Konzentration auf einen Hauptschwerpunkt wichtig.

In dem Kontext ist der Einsatz von krankheitsspezifischen und generischen Assessments von Bedeutung. Nur so bekommen wir schnell die Informationen, die wir brauchen, um effizient zu arbeiten. Der Klassiker im Krankenhaus ist natürlich der Barthel Index. Den schaue ich mir immer an, bevor ich zu einem neuen Patienten gehe. Anhand der dort schon sichtbaren Probleme kann ich dann weitere spezifischere Assessments aussuchen.

Isabel: Im ambulanten Bereich nutze ich oft den Sechs-Minuten-Gehtest, um die Belastungsfähigkeit der Patientinnen und Patienten zu evaluieren und im Verlauf Veränderungen sichtbar machen zu können. Für den Bereich der Untersuchung von Atemwegserkrankungen nutze ich ein spezielles Schema des Vereins Mukoviszidose e.V. Ich muss aber sagen, dass der Einsatz von Assessments im ambulanten Bereich bestimmt noch ausbaufähig ist. Eine wichtige Anlaufstelle für Fachinfos ist für mich auch die AG Atemtherapie.

Wer sich spezialisiert, muss auf sich aufmerksam machen, vor allem im ambulanten Bereich – gibt es diesbezüglich eine spezielle Strategie, die zu empfehlen wäre?

Isabel: Ich war zuerst in einer Praxis tätig, die schon ein gutes Standing im Fachbereich Innere Medizin hatte. Die umliegenden Kliniken und ärztlichen Praxen kannten uns und haben uns empfohlen.

Kürzlich habe ich in eine neue Einrichtung gewechselt und dort ist noch Aufklärungsarbeit zu leisten – sowohl bei den Verordnern, als auch bei den Betroffenen. Mein erster Schritt in Sachen Öffentlichkeitsarbeit ist die Registrierung auf der Plattform der Muko e.V. und bei der AG Atemtherapie, damit wir als spezialisierte Praxis gelistet sind und gefunden werden können. Dann folgen Vorstellungen und Gespräche bei Fachärzten in der Region und in der Uniklinik zu unseren speziellen Therapieangeboten. Irgendwann greift dann natürlich auch die Empfehlung von Betroffenen, die schon bei uns waren und zufrieden sind.

Was sagt ihr Kolleginnen und Kollegen, die noch unsicher sind, ob die Arbeit im internistischen Bereich etwas für sie ist?

Théo: Auf jeden Fall lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem Tätigkeitsspektrum. Und da diese Zielgruppe oft noch andere Erkrankungen mitbringt, ist man auch bei der Spezialisierung auf die Innere Medizin nie ganz weg von den Themen aus der Orthopädie und Neurologie.

Isabel: Und im ambulanten Bereich sehen wir auch viele Kinder und jüngere Patienten, die wir dann zusammen mit ihren Familien auf ihr Leben mit der Erkrankung gut vorbereiten. Das ist ein dankbares Handlungsfeld!

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Dr. Tanja Boßmann

Isabel Seibert

Isabel Seibert

Sie ist seit 2018 Physiotherapeutin und hat sich unter anderem zu den Themen Mukoviszidose und pädiatrische Atemtherapie weitergebildet. Von 2018 bis 2021 war sie in der Praxis RespiForm in Saarbrücken tätig. Seit 2021 ist sie Physiotherapeutin in der Praxis Bergmann Physiotherapie in Mainz.

Kontakt: isabelseibertphysio@web.de

Théo Höchst

Theo Höchst

Er ist seit 2019 Physiotherapeut und hat sich unter anderem zu den Themen Atemtherapie und Manuelle Therapie weitergebildet. Er arbeitet im interdisziplinären Team in der pneumologischen Abteilung des Universitätsklinikums Homburg Saar.

Kontakt: hochsttheo@gmail.com

pt Online 21.07.2021