Es gibt Tage, an denen kein „Locker lassen“ gelingen will. Mein Vater ist vor wenigen Wochen gestorben. Meine Mutter war lange in einer neurologischen Reha-Klinik. Ich habe in dieser Zeit, begleitend zu meinen normalen Jobs, noch ein Vollzeitpraktikum als Formularausfüller gemacht. Man kann ja nicht einfach sterben, respektive trauern. 

Angehörige müssen zunächst Formulare ausfüllen. Beispielsweise wollen bestimmte Behörden wissen, ob der Verstorbene nicht noch entfernte Verwandte von entfernten Verwandten hat, die um die Ecke kommen könnten und sagen: „Die olle Schrankwand, die will ich aber erben.“ Sie könnten sie ja haben, die olle Schrankwand, da wäre ich ganz locker, aber ich musste sozusagen nachweisen, dass es diese Verwandten nicht gibt. Mit jeder Menge nicht vorhandener Lebensläufe und innerhalb von 24 Stunden. Nur so als ein Beispiel.

Grandios war zum Glück die Entwicklung meiner Mutter. (An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Klinik W. in Bad W.!) Das Akutkrankenhaus hatte mir wenig Hoffnung über ihren Zustand gemacht. Wegen Corona herrschte zudem ein striktes Besuchsverbot. Ich konnte mir also selbst kein Bild machen. Dementsprechend niedrig waren meine Erwartungen und groß die Sorgen. Doch schon nach kurzem Aufenthalt in der Reha-Klinik begann meine Mutter erst wieder zu laufen, dann Treppen zu steigen. Und überhaupt hatte sie unter den Therapeuten schnell den Spitznamen „Flummi“ (Ganz der Sohn!). Ein kompetentes interdisziplinäres Team hat sich große Mühe gegeben und sehr viel erreicht.

Es war für mich eine bereichernde Erfahrung, den Wert unserer physiotherapeutischen Arbeit mal von der anderen Seite zu erleben und auf einer weiteren Erfahrungsebene zu realisieren: Wir machen wirklich einen richtig guten Job! Wir bewahren Menschen vor Lähmungen, vor Rollstühlen, vor Pflege, vor massiven Einbußen der Lebensqualität. Unsere Arbeit ist richtig wichtig! Das sollten wir immer wieder und wieder kommunizieren! Und selbst nicht vergessen.

In diesen ganzen Diskussionen um Systemrelevanz, in denen Firmen, die Menschen von A nach B fliegen oder fahren, viel Geld bekommen, sollten wir nicht nur Schilder hochhalten, auf den „Klatschen reicht nicht!“ steht, sondern auch „Es kann jeden treffen!“ und „Plötzlich gelähmt? Physiotherapeuten können helfen!“ Man muss uns nur auch arbeiten lassen und ordentlich bezahlen und wertschätzen. Welche Fähigkeiten nutzen sonst noch in diesem Ausmaß dem Allgemeinwohl? Nicht viele!

Also, frei nach Ina Deter: Schreibt es an jede Wand! Therapeuten braucht das Land! 

Hinweis

Auf dieser Seite erscheint normalerweise die Glosse „… und wieder locker lassen!“