Angesichts der Corona-Krise scheint es mir heute unangemessen, einen satirischen Text zu schreiben. Wie viele von Ihnen wissen, hat die Printausgabe der pt einen gewissen zeitlichen Vorlauf. Bei der rasanten Geschwindigkeit, in der sich gerade alles verändert, ist es auch für uns in der Redaktion schwierig einzuschätzen, wie sich die gesamte Situation entwickeln wird. Selbst exzellente Virologen kommen zu sehr unterschiedlichen Prognosen. 

Heute ist der 23. März und ich beobachte folgende Situation: Unsere Profession polarisiert sehr stark in der Frage, ob Praxen weiterhin geöffnet bleiben sollen. Viele Kollegen wollen ihre Praxen schließen, weil sie aus Mangel an Schutzkleidung und Hygienematerialien nicht mehr für die Sicherheit ihrer Patienten und Angestellten sorgen können. Auf der anderen Seite gibt es seitens des Bundesgesundheitsministeriums die Einstufung der physiotherapeutischen Versorgungsstrukturen in „kritische Infrastruktur“, also zugehörig zu der Infrastruktur, die auch in der Krise erhalten werden muss. Wir sind also endlich systemrelevant. Eine Definition und Anerkennung, für die wir schon lange eintreten und kämpfen. Ergänzt oder eingeschränkt wird die aktuelle Versorgungssituation zusätzlich durch eine neue Vorgabe, die besagt, dass nur noch medizinisch notwendige Behandlungen durchgeführt werden sollen.

In Italien gibt es jeden Tag Hunderte von Corona-Toten. Diese Zeit, die wir gerade durchleben, wird in unserer Erinnerung vermutlich mindestens den Stellenwert von 9/11 einnehmen; es gibt Politiker, die im Zusammenhang mit Corona schon die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erwähnen. Wirklich niemand kann aktuell sagen, wie viele Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre uns das Virus beschäftigen wird. Die Welt wird nach dem Virus eine andere sein. 

Aber ich will nicht noch jemand sein, der zu mehr Gemeinschaftssinn in schweren Zeiten aufruft oder sich lobend für Hinterhofapplaus für Pfegekräfte ausspricht. Das sind alles sinnvolle Gesten, aber auch nur Gesten.

Was jetzt aus meiner Sicht aber vor allem nötig ist – und ich hoffe, dass sich dieses Thema erledigt hat, wenn Sie dieses Heft in der Hand halten – ist die finanzielle Absicherung der physiotherapeutischen Strukturen. Niemand trifft gute Entscheidungen für die Gesundheit seiner Patienten, wenn er gleichzeitig existenziellen Bedrohungen gegenübersteht. Die Bedrohung durch das Virus ist existenziell genug. Wir brauchen jetzt verbindliche Zusagen aus der Politik, dass unsere Praxen gesichert werden. Es kann doch nicht sein, dass beispielsweise große Luftfahrtunternehmen nach gefühlten drei Tagen über eine bedrohliche Insolvenz sprechen und damit zur zweiten Meldung in der Tagesschau avancieren und der Ruf unserer Verbände nach schnellen, existenzsichernden Ausgleichszahlungen ungehört verhallt. 

Vizekanzler Olaf Scholz hat auf die Frage, ob wir aus der Krise schon etwas lernen können, geantwortet, dass wir wieder eine solidarische Gesellschaft werden müssen. Dem kann ich mich nur aus vollem Herzen anschließen.

Hinweis

Auf dieser Seite erscheint normalerweise die Glosse „… und wieder locker lassen!“