Als Physiotherapeut und Trainer ist es wichtig zu erkennen, ob es sich bei dem eigenen Sportler, um einen hochsensitiven Athleten handelt. Dies ist ein noch weitgehend unverstandenes Persönlichkeitsmerkmal. Ausschlaggebend ist, diesen Wesenszug nicht zu unterdrücken oder gar „abgewöhnen“ zu wollen, denn das wird nicht funktionieren. Im Gegenteil, es führt zu Leistungseinbußen bis hin zu gesundheitlichen Folgen. Wer sich hingegen mit der Empfindsamkeit auskennt, der kann lernen, seinem Sportler zur Höchstform zu verhelfen.

Intuition kennen wir alle, denn jeder von uns erbringt täglich intuitive Meisterleistungen: Haben Sie schon einmal beim ersten Wort eines Anrufers gespürt, dass die Person wütend ist? Oder erinnern Sie sich an das Gefühl, einen Raum zu betreten und sofort zu bemerken, dass andere gerade über Sie reden? Wir nehmen in diesen Fällen kleine, subtile Anzeichen wahr und spüren so intuitiv, was vor sich geht (1). 

Der US-amerikanische Sozialwissenschaftler und Nobelpreisträger für Wirtschaft, Herbert Simon, führte psychologische Tests mit Schachgroßmeistern durch und beschreibt sein Verständnis von Intuition so: „Die Situation liefert einen Hinweisreiz, der dem Experten Zugang zu Informationen gibt, die im Gedächtnis gespeichert sind. Diese Informationen geben ihm die Antwort. Intuition ist nicht mehr und nicht weniger als Wiedererkennen.“(2).

Voraussetzungen für funktionierende Intuition

Damit sich ein Sportler voll auf seine unbewusste Reizwahrnehmung verlassen kann, braucht er kognitive Leichtigkeit, also eine gute Stimmungslage. Sie hat direkten und starken Einfluss auf die intuitive Leistung. Und das gilt übrigens für jeden Menschen. Kognitive Leichtigkeit hilft dabei, intuitiver und kreativer zu sein. Positive Gedanken sind die Voraussetzung für ein Flow-Erlebnis. Der „Flow“ zeichnet sich dadurch aus, dass wir uns in einem Zustand der mühelosen Konzentration befinden. Fühlen wir uns unwohl oder machen uns Sorgen, ist es mit der Intuition schnell vorbei. Wir schalten auf analytisches, „langsames“ Denken um (1). 

Die US-Psychologin Elaine N. Aron war die erste Person, die mit Menschen mit erhöhter Reizempfänglichkeit eine umfassende Studie durchgeführt hat. Sie nanntediese Menschen „highly sensitive“. Ihr im Jahr 2005 erschienenes Buch „The Highly Sensitive Person: How To Thrive When The World Overwhelms You“ wurde in 18 Sprachen übersetzt und gilt als Standardwerk (3). „Highly sensitive“ wurde mit hochsensibel ins Deutsche übersetzt (4). 

Leider trifft diese Übersetzung nur in Teilen den Kern. Denn es geht tatsächlich um die Reizwahrnehmung und nicht etwa um weinerliche Zimperlichkeit. Daher spreche ich in diesem Text von „Hochsensitivität“.

Neurologische Erklärung

Die These besagt, dass das Nervensystem von Hochsensitiven Personen (HSP) anders konstituiert ist. Der Thalamus filtert bei ihnen anders als bei Nicht-hochsensitiven, sodass mehr innere und äußere Reize als „wichtig“ eingestuft werden und damit das Bewusstsein erreichen (5,6). Da hochsensitive Menschen oft auch kreative Menschen sind, kann eine weitere Parallele zur Hirnforschung bezüglich Kreativität gezogen werden. Bei besonders kreativen Menschen, wie zum Beispiel Künstlern, Designern, Forschern oder Schriftstellern, ist der Filter des Thalamus durchlässiger. Das heißt, sie gewöhnen sich nicht so schnell an sich wiederholende Reize. Beispielsweise können sie Geräusche nicht so gut ausblenden wie weniger kreative Menschen und fühlen sich von banalen Dingen im Hintergrund schneller belästigt (7,8).

Evidenz

Sensitivität ist überwiegend angeboren, wobei natürlich auch das weitere Leben auf die persönliche Entwicklung Einfluss nimmt. Sensitivität ist kein Syndrom, das sich ablegen lässt, sondern ein vererbtes Persönlichkeitsmerkmal, das auch in der Tierwelt zu finden ist.

Der deutsche Biologe Max Wolf untersuchte mit Hilfe von Computersimulationen, wie sich in der Evolution bei Tieren und Menschen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale herausbilden. „Es gibt sensible Tiere, also Tiere, die sehr stark auf Umweltveränderungen reagieren und andere Tiere, die im Prinzip Umweltveränderungen ignorieren. Das ist eine Beobachtung, die man sehr häufig bei Nagetieren gemacht hat – und beim Menschen.“ (9). So zeigte sich bei unterschiedlichen Tierarten, dass jeweils ein gewisser Anteil der Population die Umgebung genauer wahrnahm als andere und sich vorsichtiger verhielt, die Tiere hatten also eine Art Frühwarnfunktion. Früher sprach man von 15 bis 20 Prozent bei allen Lebewesen, die diese Hochsensitivität mitbringen, mittlerweile wird diese Zahl wissenschaftlich diskutiert. An etwa 100 Universitäten wird inzwischen zu Hochsensitivität (teils unter anderen Bezeichnungen) geforscht.

Häufige Merkmale hochsensitiver Athleten

Arons Studien (4) haben gezeigt, dass HSP häufig:

  • besonders gut bei Aufgaben sind, die Umsicht, Sorgfalt, Schnelligkeit und das Aufspüren von feinen Unterschieden erfordern,
  • viel mehr von versteckten Hinweisen, Nuancen, Widersprüchen oder Zweideutigkeiten wahrnehmen,
  • durch die Launen und Gefühlsäußerungen anderer sehr beeinflussbar sind,
  • Spezialisten bei feinmotorischen Arbeiten sind,
  • auf Stimulanzien wie Koffein empfindlicher reagieren,
  • körperempfindlicher reagieren,
  • mehr als andere über sich selbst nachdenken.

Das Nervensystem von HSP reagiert stärker auf Reize. Dadurch kann es natürlich auch zu mehr Erholungsbedarf kommen, wenn sie an einem Tag mit vielen Reizen konfrontiert waren. Darin liegt die Kehrseite der Hochsensitivität, denn sie kann zur Übererregung führen, wenn nicht ausreichend Erholung möglich ist. So können viele HSP von Einschlaf- oder Durchschlafproblemen berichten, wenn sie eine Zeit lang (zu) vielen Reizen ausgesetzt sind. Das darf man gerade auch als Trainer nicht fehlinterpretieren.

HSP sind nicht chronisch angespannt und auch nicht neurotisch; sie sind quasi nur früher alarmiert als andere Menschen. Damit können sie feine Geräuschunterschiede, visuelle Eindrücke und körperliche Empfindungen und Schmerzen feiner wahrnehmen. Aber es kommt auch häufiger zu Fehlalarm im Nervensystem.

Ein Dilemma, in dem sich übrigens viele HSP befinden: Gruppen fühlen sich von ihnen manchmal abgelehnt, weil Hochsensitive mehr Rückzug suchen. Genau das kann dann leider zu Mobbing führen. Dabei hat diese für HSP typische Zurückgezogenheit und Nachdenklichkeit auch ihr Gutes für jedes Team: Menschen sind in dieser Stimmung aufmerksamer und weniger anfällig für logische Fehler (5). Hochsensitive können also beides – je nach Stimmungslage: nüchtern, analytisch und präzise oder eben warmherzig, mitfühlend und intuitiv. Vorausgesetzt, sie sind nicht überstimuliert.

Für diesen Beitrag wurden Auszüge aus dem Buch „Brutal Mental“ verwendet.

Literatur

  1. Kahneman, D. 2012. Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag, München. 
  2. Simon, H. A.1992. What is an explanation of behavior? Psychological Science 3:150-161.
  3. Aron, E.N.1996.The highly sensitive person: How to thrive when the world overwhelms You, Kensington Publishing Corp.
  4. Aron, E.N.2009. Sind sie hochsensibel? Wie sie ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen, MVG Verlag.
  5. Klages, W.1991. Der sensible Mensch. Psychologie, Psychopathologie, Therapie. Enke Ferdinand Verlag.
  6. Benham, G.2006.The highly sensitive person: Stress and physical symptom reports. Personality and Individual Differences, 40:1433-1440.
  7. Beck, H.2014.Hirnrissig, Carl Hanser Verlag.
  8. Zabelina, DL, et al. 2015.Creativity and sensory gating indexed by the P50: Selective versus leaky sensory gating in divergent thinkers and creative achievers. Neuropsychologia; 69:77-84.
  9. Hubert, M. 2014. Tiere haben Persönlichkeit. pt.rpv.media/22y. Online Zugriff am 02.11.2014.