Kribbelparästhesien im Arm in Verbindung mit einem Taubheitsgefühl können verschiedene Ursachen haben. Sehr wichtig für die Diagnosestellung ist eine genaue Anamnese – denn in der Geschichte des Patienten sind meist viele zusätzliche Schlüsselinformationen verborgen, die zu verschiedenen Hypothesen führen. Angehende Therapeuten müssen lernen, diese Hinweise systematisch zu analysieren.

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Einleitung

Der Clinical Reasoning (CR)-Prozess von Physiotherapeuten umfasst alle Denk- und Entscheidungsprozesse, die im Verlauf des therapeutischen Prozesses vollzogen werden (1). Zur Anbahnung von CR-Fähigkeiten können in der Ausbildung unterschiedlichste Methoden eingesetzt werden (1–3). Eine davon ist die Bearbeitung von Fallbeispielen (4, 5): Lernende werden darin unterstützt, Informationen über einen fiktiven Patienten zu erfassen, sie zu strukturieren und zu kategorisieren, zu interpretieren und daraus eine begründete klinische Entscheidung abzuleiten. In diesem Beitrag werden ein Fallbeispiel und eine zugehörige Übungsaufgabe vorgestellt, durch die Lernende dazu angeregt werden, diesen Denk- und Entscheidungsprozess systematisch und reflektiert durchzuführen. Fallbeispiele greifen berufstypische Situationen auf. Somit ermöglichen sie es den Lernenden, schon am Lernort Schule / Hochschule realitätsnah zu lernen und zu arbeiten. Die Schule / Hochschule kann als „Schonraum“ bezeichnet werden, in dem die Lernenden bei der Bearbeitung von Fallbeispielen therapeutische Entscheidungen treffen können, ohne dass diese unmittelbar Folgen für Patienten hätten (6). Hier haben die Lernenden in den Lernsituationen genügend Zeit, um sich mit Fallbeispielen in Ruhe auseinanderzusetzen. Im beruflichen Alltag sind Therapeuten hingegen gezwungen, Situationen schnell zu erfassen und angemessene Behandlungsmaßnahmen abzuleiten (6). Es erscheint sinnvoll, die Lernenden schon früh auf diese spezifische Herausforderung der Praxis vorzubereiten. Bei der Konzipierung von Fallbeispielen muss sich der Lehrende im Rahmen der Adressatenanalyse (6, 7) Klarheit darüber verschaffen, über welche kognitiven Voraussetzungen die Lernenden verfügen und welche Gedankengänge bei der Bearbeitung der Fallbeispiele ausgelöst werden sollen. Die Entwicklung von Fallbeispielen erfordert einen mehrstufigen Planungsprozess (6, 8). Mit diesem Artikel wird die Intention verfolgt, Lehrenden ein Beispiel für die Konzipierung und die anschließende Bearbeitung eines Fallbeispiels im Rahmen der (hoch-)schulischen Ausbildung anzubieten. Exemplarisch wird ein Fallbeispiel mit zugehörigem Arbeitsauftrag, Erwartungshorizont und methodisch-didaktischer Kommentierung vorgestellt. Mit dem Arbeitsauftrag wird die Strategie des hypothetisch-deduktiven Reasonings aufgegriffen (1, 9, 10).