Das wahrscheinlich erfolgreichste Förderprogramm für mittlerweile über 6.000 Kinder zwischen drei und acht Jahren in Deutschland: die Ballschule Heidelberg. Die Ballschule des Sportinstituts der Universität Heidelberg wurde 1998 von Professor Doktor Klaus Roth ins Leben gerufen und ist bislang ein elementarer Bestandteil in der Lehrer-und Erzieherausbildung.

Gerade bei den Themen integrative Vermittlung, Inklusion, Gleichberechtigung und Förderung findet das Konzept nicht nur in der Schule und in Kindergärten seine Anwendung, sondern auch in Sportvereinen. Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über den Umgang und das Spielen mit dem Ball formten die Idee für eine Grundausbildung für Kinder und Anfänger, die taktische, technische und koordinative Basiskompetenzen beinhaltet. Diese Grundausbildung nennt sich das „ ABC des Spielenlernens“ und fördert neben der Spielfähigkeit auch die soziale Einbindung in die Gruppe. Grundkompetenz ist dabei die Koordination.

Die koordinativen Fähigkeiten konnten bis heute nicht in eine allgemeine Taxonomie gebracht werden und das, obwohl sich viele Sportwissenschaftler mit den Inhalten auseinandersetzten und immer noch auseinandersetzen. Dennoch fallen immer wiederkehrende Übereinstimmungen in wissenschaftlichen Arbeiten auf:

  • Differenzierungsfähigkeit: Fähigkeit zur Feinabstimmung von Körper- beziehungsweise Teilkörperbewegungen.
  • Orientierungsfähigkeit: Bestimmung und Veränderung der Lage des Körpers in Raum und Zeit.
  • Gleichgewichtsfähigkeit: Halten und Wiederherstellen des Gleichgewichts.
  • Reaktionsfähigkeit: Schnellstmögliche zweckmäßigste Ausführung eines Bewegungsmusters auf ein Signal hin.
  • Rhythmusfähigkeit: Zeitliche Gliederung eines wiederkehrenden Bewegungsmusters.
  • Koppelungsfähigkeit: Koordination von Teilkörperbewegungen.
  • Umstellungsfähigkeit: Anpassung einer zielgerichteten Handlung aufgrund von Situationsveränderungen.

Zu der allgemeinen Einstellungsmöglichkeit wäre eine zusätzliche Teilung in „Fähigkeit zur präzisen Bewegungsregulation“, „Fähigkeit zur Koordination unter Zeitdruck“ und „Fähigkeit zur situationsadäquaten motorischen Umstellung und Anpassung“ sinnvoll.
Im Grunde geht es um die Ausbildung der Fähigkeiten durch anspruchsvolle, ganzheitliche koordinative Aufgaben, die eine adäquate Reaktion aus komplizierten Bewegungsfolgen zeitgerecht abverlangen.

Bereits Mitte der 60erJahre belegten Untersuchungen von Bernstein, dass solche Aufgaben in ihrer Vielfältigkeit nicht nur im Sport, sondern auch in Alltagsbewegungen von großer Bedeutung sind, denn diese Fähigkeiten sind eng gekoppelt mit der Wahrnehmung und der motorischen Realisierung. Immer wiederkehrende Schleifen oder Handlungsprogramme führen letztendlich dazu, dass andere Fähigkeiten schneller und genauer erlernt werden können.
Zusammenfassend stellen die koordinativen Fähigkeiten das Fundament des körperlichen Könnens dar. Gut ausgebildete koordinative Fähigkeiten bedeuten eine optimale, ökonomische, harmonische und präzise Bewegungssteuerung. Durch das Koordinationstraining wird nicht nur intra- und intermuskulär trainiert und somit eine Verbesserung in allen Arbeitsbereichen geschaffen, sondern auch kognitiv. Neue Synapsen bilden sich aus, neue Leitungen werden gelegt und somit neue Möglichkeiten für den aktiven Menschen geschaffen.

Umsetzung des Konzepts heute

Beim Konzept der Heidelberger Ballschule geht es nicht um eine frühzeitige Spezialisierung im Sportspiel. Vielmehr ist eine ganzheitliche geistige, emotionale und motorische Entwicklung das Hauptziel. Die Kinder sollen zum sportlichen Allrounder ausgebildet werden und damit die Möglichkeit erhalten, sich erst später auf eine Sportart zu spezialisieren. Dabei spielt das Sinnbild des Fundaments eine große Rolle, denn die grundlegenden Fähigkeiten werden hierbei als das ABC bezeichnet. Das Konzept schult das ABC des Spielens und damit sind die spielübergreifenden Fähigkeiten und Fertigkeiten gemeint, die es in jedem Sportspiel gibt. Im Vordergrund steht die soziale Einbindung jedes Einzelnen. Der Lehrplan der Ballschule beruht auf den neusten sportwissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnissen, die eine professionelle und entwicklungsgerechte Förderung verspricht. Jedes Kind kann dabei von der sportspielübergreifenden Schulung im Kindergarten, in der Schule oder im Verein profitieren.

Das ABC der Ballschule besteht aus drei Grundpfeilern:

  • Spielerisch-situationsorientierter Zugang (Kindergarten und Grundschule)
  • Fähigkeitsorientierter Zugang
  • Fertigkeitsorientierter Zugang

Letztere findet man eher im Schul- und Vereinssport der älteren Kinder wieder.

Die spielerisch-situationsorientierte Ballschule

Dieser Grundpfeiler zielt exakt auf die Reduzierung der Defizite ab, die durch den Wegfall der Straßenspielkultur verursacht wurden. Die Stichworte hierbei sind: Vielfalt, experimentieren und ausprobieren. Es wird versucht, die Spiele so zu konstruieren, dass sie stets spielerische Grundsituationen enthalten und dementsprechend auf alle Sportspiele übertragbar sind. Sie werden als elementare Taktikbausteine bezeichnet.

Die fähigkeitsorientierte Ballschule

Der zweite Grundpfeiler zielt auf technikübergreifende Voraussetzungen ab, die die folgenden Fertigkeiten bilden:

  1. Schnell und gut zu erlernen
  2. Zielgerichtet und präzise zu kontrollieren
  3. Vielfältig und situationsangemessen zu variieren

Diese Fertigkeiten sind koordinative Fähigkeiten. Sie sind die wesentliche Grundlage zur „sensomotorischen Intelligenz“, wobei es heißt, dass jemandem, der ein hohes Koordinationsniveau hat, alles bewegungsmäßig eher leichtfällt. Es ist zu vergleichen mit einem hohen IQ eines Menschen, dem alles Kognitive leichtfällt. Zwar ist ein hohes Maß an Koordination oder IQ vererbbar, aber auch in beträchtlicher Weise erlernbar. Sportliche Talente wie Cristiano Ronaldo, Michael Jordan oder Jan-Ove Waldner, schulten ihre genetischen Vorteile zu wahren Wundertalenten, die über Jahre verfeinert wurden. Koordinative Aufgaben sollen unter gewissen Druckbedingungen gekoppelt sein, um die schnelle Ausbildung der Reaktionsschleifen zu fördern.

Die fertigkeitsorientierte Ballschule

Der dritte Grundpfeiler ist technikorientiert. Dabei geht es mehr und mehr um die Spielhandlungen, wie das Erkennen einer Flugbahn des Balles oder des Laufwegs zum Ball. Vieles läuft hierbei kognitiv ab und benötigt eine gewisse Realisierungs-und Abwägungsphase des Spielers. Dieser Pfeiler ist letztendlich das Resultat aus A und B, denn der Spielanfänger kann nun aus dem erlernten Pool aus taktischen und koordinativen Puzzleteilen wählen.

Das Bewegungskonzept für Betriebe setzt Ideen aus dem Grundpfeiler B innerhalb der Wochen-Challenges und aus den Grundpfeilern A und C innerhalb des Kurskonzeptes um. In Ersterem werden grundlegende verlorene Kompetenzen in Einzelarbeit auftrainiert. Der Umgang mit dem Ball soll das allgemeine Ballgefühl zurückbringen. In den Gruppenaufgaben des Kurskonzeptes finden sich allgemeine Grundübungen wieder. Dabei stehen der Gedanke des Teambuildings und besonders die mögliche Teilnahme aller Angestellten im Vordergrund. Sicherlich ist jedem bewusst, dass keine Sportspiele in riesigen Lagerhallen oder Produktionsstätten stattfinden können. Die Spiele sind an mittelgroße Räume und auch an die Bereitschaft der Teilnehmer angepasst.

Für diesen Beitrag wurden Auszüge aus dem Buch „Der digitale Ball“ verwendet.