Wir kennen den beruflichen Alltag: Kaum ist der eine Patient fertig, steht schon der nächste in der Tür. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen sind Befunderhebung und Dokumentation jedoch schwierig – dies zeigt auch eine Befragung von 120 Kollegen.

Physiotherapie in Bewegung

Die vorliegende Studie gibt einen Einblick in die berufliche Realität der Physiotherapeuten in Deutschland, unabhängig von der Art der Ausbildung (berufsbildend, dual oder akademisch). Die in dieser Studie zu untersuchenden beruflichen Tätigkeiten sind der Lehrplanfassung des Bundeslandes Bayern aus dem Jahr 2013 (1) entnommen. Darin wird folgendes Berufsprofil beschrieben: 

„Der Physiotherapeut führt auf der Grundlage der entsprechenden gesetzlichen Regelungen eine eigenständige Befunderhebung durch. […] Entsprechend seinen Untersuchungsergebnissen plant er die Therapie, führt geeignete Maßnahmen durch, dokumentiert seine Verfahrensweisen und evaluiert seine Behandlungsergebnisse (1)“. 

Zu den laut Lehrplan zu vermittelnden beruflichen Tätigkeiten gehören das Anfertigen einer schriftlichen Erstbefunderhebung, die schriftliche Therapieplanung, die schriftliche Dokumentation und Evaluation der Behandlungsergebnisse, die Wahl der geeigneten Maßnahmen sowie das Anfertigen eines schriftlichen Abschlussbefundes. Die vorliegende Auswertung soll aufzeigen, inwieweit eine Anpassung der beruflichen Realität notwendig ist. Dabei geht es nicht nur um die zur Verfügung stehende Zeit pro Behandlungseinheit, sondern auch um die Vergütung der beruflichen Tätigkeiten und die Verordnung. 

Online-Befragung 

Die übergeordnete Frage lautet: Was muss sich in der aktuell herrschenden beruflichen Realität ändern? Ziel der Analyse war es daher, ausgebildete (beruflich, dual oder akademisch) und im Berufsleben stehende Physiotherapeuten zu befragen. Durch den empirischen Feldzugang wurde eine möglichst authentische und repräsentative Stichprobe erreicht. Die Datenerhebung erfolgte über einen mit Wufoo erstellten Online-Fragebogen. Der Link zur Befragung wurde in einer deutschlandweit öffentlich geschalteten Anzeige für Physiotherapeuten über das soziale Netzwerk Facebook kommuniziert. 

Der Fragebogen bestand aus zwei Teilen. Der erste Teil enthielt offene sowie auch geschlossene Fragen, die eine genaue Definition der Stichprobe ermöglichten. Im zweiten Teil befanden sich Single-Choice-Fragen, die sich auf die beschriebenen beruflichen Tätigkeiten aus dem Berufsprofil der aktuellen Lehrplanfassung des Bundeslandes Bayern aus dem Jahr 2013 (1) bezogen. Die Physiotherapeuten wurden beispielsweise befragt, ob sie bei einem Patienten zu Rezeptbeginn einen schriftlichen Erstbefund durchführen. Folgende vier Antwortmöglichkeiten standen zur Auswahl: „immer“, „fast immer“, „selten“ oder „nie“. Wählten die Physiotherapeuten die Antwort „selten“ oder „nie“ aus, wurde eine Begründung für das Unterlassen abgefragt. 

Ab dieser Stelle standen mehrere Antworten gleichzeitig zur Auswahl, da in diesem Kontext auch Begründung, Anzahl der Nennungen und Ursachen wichtig waren. Unter den angebotenen Antwortmöglichkeiten gab es den Punkt „berufliche Rahmenbedingungen“, wie die zur Verfügung stehende Zeit pro Behandlungseinheit, das Bestehen einer Vergütung der beruflichen Tätigkeiten oder Bestandteil der ärztlichen Verordnung. Außerdem konnten die Teilnehmer ihre Antwort durch „unnötig“, „sonstiges“ oder „weil es nicht Teil der Ausbildung war“ präzisieren. 

Die Freischaltung des Online-Fragebogens erfolgte über einen Zeitraum von zehn Tagen, vom 14. bis zum 24. Januar 2019. Dabei wurde der Anzeige-Link 273-mal angeklickt und der Fragebogen 170-mal vollständig beantwortet. Die ersten 50 fertig ausgefüllten Fragebogen wurden dem Pre-Test zugeordnet und später nicht mit in die Wertung einbezogen, da das Design bis dahin nochmals optimiert wurde. Die Auswertung erfolgte computergestützt mit Excel. In der erfassten Stichprobe von 120 Physiotherapeuten mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren sind 24 Personen männlich und 96 weiblich. Sechs der Befragten gaben als höchsten Abschluss in der Physiotherapie einen Bachelor- und drei weitere einen Masterabschluss an. 111 Teilnehmer nannten das Staatsexamen als höchsten Abschluss. Die Berufserfahrung der Teilnehmer lag bei durchschnittlich 8,41 Jahren. Neun Physiotherapeuten hatten eine zusätzliche Heilpraktikerausbildung absolviert. Alle Befragten gaben an, hauptsächlich gesetzlich versicherte Patienten zu behandeln, mit einer durchschnittlichen ermittelten Behandlungszeit von 22 Minuten pro Patient. 87 von 120 Befragten arbeiteten zum Befragungszeitraum hauptsächlich in einer Praxis und 33 in einer Klinik. 

Gegenüberstellung von Berufsprofil und beruflicher Realität 

Schriftliche Erstbefunderhebung 

85 von 120 Befragten gaben an, immer oder fast immer eine schriftliche Erstbefunderhebung durchzuführen, wohingegen die übrigen 35 dies nur selten oder nicht tun. Als Begründung wurde genannt, dass dafür keine extra Zeit (29-mal) und keine extra Bezahlung (elfmal) vorgesehen sei. Eine weitere Antwort war, dass es kein Bestandteil der Verordnung sei (siebenmal). Zwei Teilnehmer fanden den Befund „unnötig“, fünfmal wurde „sonstiges“ als Begründung angegeben. Keiner der Befragten wählte die Antwortoption „weil es nicht Bestandteil der Ausbildung war“ (nullmal). 

Schriftliche Behandlungsplanung 

120 Physiotherapeuten gaben Auskunft darüber, ob sie ihre Behandlung schriftlich planen. Während zwölf Teilnehmer ihre Behandlung immer oder fast immer schriftlich planen, gaben 108 Teilnehmer an, dies selten oder nie zu tun. Sehr viele Teilnehmer nannten als Begründung, dass dafür keine extra Zeit vorgesehen sei (74-mal). Weitere Antworten waren „sonstige Gründe“ (26-mal), „unnötig“ (16-mal), „nicht Teil der Verordnung“ (zehnmal), „keine Bezahlung“ (einmal) und „nicht Teil der Ausbildung (einmal). 

Schriftliche Behandlungsdokumentation 

Immer oder fast immer dokumentieren 80 von 120 Physiotherapeuten ihre Behandlungen schriftlich, während 40 Physiotherapeuten eher darauf verzichten. Viele nannten Zeitmangel als Grund dafür (32-mal). Neunmal wurde genannt, dass diese berufliche Tätigkeit nicht bezahlt sei, achtmal wurden „sonstige Gründe“ angegeben, viermal „weil es nicht Teil der Verordnung ist“ und zweimal „unnötig“. Von keinem Teilnehmer wurde als Grund genannt, dass es nicht Teil der Ausbildung war.

Schriftliche Evaluation 

53 von 120 Physiotherapeuten evaluieren ihre Behandlungserfolge immer oder fast immer schriftlich. 67 entschieden sich dagegen, weil keine extra Zeit dafür vorgesehen sei (50-mal genannt) und weil es nicht vergütet werde (20-mal). Elfmal folgte die Nennung „sonstige Gründe“, siebenmal „weil es nicht Teil der Verordnung ist“. Viermal wurde es als „unnötig“ erachtet und weitere viermal wurde genannt, dass es nicht Teil der Ausbildung war. 

Schriftlicher Abschlussbefund 

Von 120 Physiotherapeuten erstellen 40 regelmäßig (immer oder fast immer) einen schriftlichen Abschlussbefund. 52 Teilnehmer tun dies eher selten und 28 nie. 58-mal wurde als Grund genannt, dass dafür weder extra Zeit noch Vergütung vorgesehen sei (21-mal). 20-mal wurde es aus „sonstigen Gründen“ abgelehnt. 16-mal wurde als Grund das Fehlen auf der Verordnung angegeben. Sechs Teilnehmer fanden den Abschlussbefund unnötig und einmal wurde angegeben, dass dies nicht Bestandteil der Ausbildung war. 

Schulung und Beratung 

Alle Teilnehmer gaben an, ihre Patienten während der Behandlungszeit immer oder fast immer zu schulen und zu beraten. 

Freie Wahl geeigneter Maßnahmen 

118 von 120 Physiotherapeuten wollen in der Behandlung gerne ihr gesamtes Wissen und Können einsetzen und geeignete Maßnahmen aus mehreren Therapiearten im Sinne des Patienten kombinieren. Zwei Physiotherapeuten sahen dies eher kritisch und begründeten dies damit, dass die Therapieart auf der Verordnung festgelegt sein sollte (zweimal), dass es dafür keine extra Vergütung gebe (einmal) oder dass keine extra Zeit dafür vorgesehen sei (einmal). 

Wie sieht also die berufliche Realität in Deutschland aus?

Die Stichprobe (n = 120) der Gesamtheit der in Deutschland arbeitenden Physiotherapeuten, unabhängig von der Art der Ausbildung (berufsbildend, dual oder hochschulisch), beschreibt ihre berufliche Realität wie folgt: 

  • 71 Prozent der Testpersonen machen immer oder meistens eine schriftliche Erstbefunderhebung. 
  • 10 Prozent machen immer oder meistens eine schriftliche Therapieplanung. 
  • 67 Prozent achten immer oder meistens auf eine schriftliche Dokumentation ihrer Behandlungsergebnisse. 
  • 44 Prozent evaluieren ihre Behandlungsergebnisse immer oder meistens schriftlich.
  • 33 Prozent legen immer oder meistens Wert auf einen schriftlichen Abschlussbefund. 
  • 100 Prozent schulen und beraten ihre Patienten in der Behandlung immer oder fast immer. 
  • 98 Prozent möchten in der physiotherapeutischen Behandlung gerne ihr gesamtes Wissen und Können einsetzen und geeignete Maßnahmen aus mehreren Therapiearten im Sinnes des Patienten kombinieren.

Dies bedeutet aber auch, dass

  • 29 Prozent selten oder nie eine schriftliche Erstbefunderhebung machen, 
  • 90 Prozent selten oder nie eine schriftliche Therapieplanung verfassen,
  • 33 Prozent selten oder nie ihre Behandlungsergebnisse dokumentieren,
  • 56 Prozent selten oder nie ihre Behandlungsergebnisse schriftlich evaluieren und
  • 67 Prozent selten oder nie einen schriftlichen Abschlussbefund anfertigen. 

Lediglich 0,8 Prozent der 120 Befragten kommen immer und weitere 3,3 Prozent fast immer den beschriebenen beruflichen Tätigkeiten aus dem Berufsprofil vollständig nach. Dazu gehören schriftliche Erstbefunderhebung, schriftliche Therapieplanung, schriftliche Dokumentation und Evaluation der Behandlungsergebnisse sowie eine schriftliche Abschlussbefunderhebung. Insgesamt nennen 120 befragte Physiotherapeuten 459 Gründe für das Weglassen einzelner beruflicher Tätigkeiten.

Angegeben wird, dass 

  • dafür keine extra Zeit vorgesehen ist (244-mal),
  • es sonstige Gründe gibt (70-mal), 
  • dafür keine Vergütung vorgesehen ist (63-mal), 
  • es nicht Teil der Verordnung war (46-mal), 
  • es als unnötig empfunden wird (30-mal), 
  • es nicht Bestandteil ihrer Ausbildung war (sechsmal).

Wir müssen uns daher dringend die Frage nach einem Standard für eine physiotherapeutische Behandlung in Deutschland stellen, der auch im Sinne der fortschreitenden Professionalisierung weiter auf- und ausgebaut werden kann. Es ist an der Zeit, die berufliche Realität zu überprüfen, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen berufspolitischen Entwicklungen.

Literatur

  1. Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus. 2013. Lehrplan für die Berufsfachschulen für Physiotherapie: Theoretischer und fachpraktischer Unterricht 1.–3. Schuljahr. https://www.isb.bayern.de/download/13777/lp_bfs_physio_sept_2013.pdf; Zugriff am 18.10.2019