Politik
pt Juni 2022

Lasst die Bestimmer im Sandkasten

Warum die Sehnsucht nach einfachen Wegen keine Lösung ist

Seit Jahren geistert das Konzept eines Maschinenbauers und einer Ärztin durch die Fachwelt. Die Methoden des Ehepaars Liebscher-Bracht polarisieren. In einer schon seit Langem hitzigen Debatte hat es nun eine Abmahnung gegeben. Unter anderem darf der Claim "Schmerzspezialist Nr. 1" nicht mehr benutzt werden. Wir können aufatmen.

Ein Kommentar von Jörg Stanko
Lesezeit: ca. 6 Minuten
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Schöne einfache Welt

Wir leben in einer komplexen Welt, in der A nicht zwangsläufig zu B führt. C muss berücksichtigt werden, D nicht übersehen. E ist nicht auffindbar. Dafür werden X und Y verstanden. So eine Welt macht Angst. Wir haben die Freiheit, fast alles tun und lassen zu können, was wir möchten. Dabei tragen wir aber auch die Verantwortung für die Konsequenzen unseres Handelns oder Unterlassens. Wie schön sind in so einer Situation einfache Behandlungskonzepte. Ein Triggerpunkt wird hier behandelt, eine Dehnung dort angesetzt, schon ist man Schmerzspezialist Nummer 1. Das fühlt sich prima an, funktioniert aber selten. Die Erde ist keine Scheibe und auch nicht Bullerbü, auch wenn wir es gerne so hätten.

Ich habe schon zweimal in meinem Therapeutenleben einen Kaffeebecher mit der Aufschrift „Jörg der Heiler“ von Patienten geschenkt bekommen. Das schmeichelt. Das Ego freut sich. Jetzt, nach ungefähr 30 Jahren Berufserfahrung und vielen therapeutischen Orientierungen und Neuorientierungen, habe ich das Gefühl, dass ich meinen Patienten in ihrer ganzen Komplexität gegenübertreten und ihnen auch helfen kann. Nicht immer, aber häufig und solide.

Profilierungssüchte überall

Wir kennen das von unseren Kindern. In froher Runde wird darum gewetteifert, wer der Bestimmer ist, oder die Bestimmerin. Wer hat das Sagen? Wer wird wahrgenommen? Wer gibt eine Richtung vor? Darum geht es beim Bestimmen. „Ich bin hier, also habe ich Recht. Ich brülle am lautesten, also muss es so sein.“ Was im Sandkasten vielleicht eine gute Schule ist, um sich seinen Platz im Leben zu erkämpfen – ich persönlich bezweifle das –, hat in der Medizin nichts zu suchen.

In der Medizin und damit auch in der Physiotherapie geht es darum, möglichst gute Lösungen für und mit unseren Patienten zu suchen. Auch wenn es mittlerweile Mode ist, Zeitschriften mit niedrigschwelligen Gesundheitsinformationen herauszugeben, wenn der Bruder beispielsweise mit Liedern über Männer, die verlorene Liebe oder Städte im Ruhrgebiet bekannt wurde. Es scheint ein natürlicher Drang im Menschen zu sein, selbstersonnene Methoden, halbgare Gedanken oder einfach nur das eigene Gesicht oder die gut gebaute Hüfte in der Öffentlichkeit zu exponieren. Früher fuhr man über Land und bot Aderlässe zu allen möglichen Gelegenheiten an, Social-Media-Kanäle machen es uns heute einfacher.

Ich wäre auch gerne Experte für alles. Und manchmal halte ich mich auch für einen Experten für alles. Meine Patienten holen mich dann gerne auf den Boden der Tatsachen zurück. Was gestern half, hilft heute nicht, so einfach ist es manchmal. Es gibt keine einfachen Lösungen. Es gibt evidenzgesicherte Vorgehensweisen, es gibt jahrzehntelange Erfahrungen. All das zusammen macht eine gute (Physio-)Therapie aus. Wir müssen unser Wissen, unser Handeln und unsere Vorstellungen jeden Tag neu hinterfragen. Unser Wissen von heute sind die Irrtümer von morgen. Niemand segelt heute mehr los und hat die Befürchtung, vom Rand der Welt zu fallen. Vor 500 Jahren kamen solche Ängste vor. Ängste, vom Sockel zu fallen, wird es wohl immer geben.

Wer ist ein Experte?

Eindrucksvoll hat der Gesundheitsexperte Dr. Karl Lauterbach in den ersten Jahren der Coronakrise gezeigt, dass es bei der evidenzbasierten Betrachtungsweise gesundheitliche Fragestellungen, hier die Beurteilung der Gefährlichkeit einer Pandemie, häufig darum geht, Meinung und Handeln (schnell) dem aktuellen (und manchmal auch widersprüchlichen) Wissensstand anzupassen, was nicht zwangsläufig zu großer Beliebtheit führt. Das Gegenteil ist jemand, der für alles eine Lösung hat und der gerne bei altbewährten (und nicht zwangsläufig erprobten) Rezepten bleibt. Das mag für die Linie einer erfolgreichen Pralinenproduktion von Vorteil sein oder bei Omas Kaiserschmarrnrezept.

„Hilft dir sofort bei Schmerzen“

Die Mitarbeiter des Projekts „Faktencheck Gesundheitswerbung“ der Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben Aussagen und Angebote von Liebscher und Bracht geprüft und einige Vorgehensweisen abgemahnt. Verschiedene Werbeaussagen verstießen beispielsweise gegen die Nahrungsergänzungsmittel- und die EU-Lebensmittelinformationsverordnung sowie das Heilmittelwerbegesetz.

Die „Liebscher & Bracht Schmerzfrei GmbH“ hat dazu eine Unterlassungserklärung unterzeichnet. Beispielsweise ist die Aussage „Hilft dir sofort gegen Schmerzen“, mit der ein „Schmerzfrei-Drücker“ vertrieben wird, unzulässig, schreibt die Medizinjournalistin und Chefredakteurin des Blogs „MedWatch, der Recherche verschrieben“, Nicola Kurth. Andere Produkte bewarben Liebscher und Bracht, so Kurth, mit der Werbeaussage „entwickelt von Nr. 1 Schmerzspezialist Roland Liebscher-Bracht“. (1)

Roland Liebscher-Bracht ist studierter Wirtschaftsingenieur oder Maschinenbauer, hier finden sich im Netz und in Publikationen unterschiedliche Angaben. Schmerzbehandlungskernkompetenzen werden in anderen Berufen erlernt, sollte man meinen.

„Ohne Korrelation und Kausalität“

„Die Analyse der aktuellen Fachliteratur zeigt keine Evidenz für die Erklärungsmodelle muskuloskelettaler Erkrankungen nach Liebscher & Bracht“, bescheinigt eine aktuelle Publikation in „Orthopädie und Unfallchirurgie aktuell“. Die Autoren räumen mit den gängigen Behauptungen des Konzepts auf und kommen zu folgender Aussage: „Viele Menschen suchen Linderung ihrer Beschwerden bei muskuloskelettalen Erkrankungen, wie Arthrose, oder chronischen Schmerzen bei alternativen Anbietern. Die Liebscher & Bracht Ausbildungen GmbH bietet in Kursen, Online-Videos und Büchern sowie mit Geräten, spezieller Ernährungsberatung und Therapien bei eigenen Vertragspartnern Methoden an, welche die Kunden „innerhalb kürzester Zeit“ von den Beschwerden befreien sollen. Dabei werden weder evidenzbasierte, wissenschaftlich bestätigte Erklärungen von Erkrankungsursachen noch bewiesene Zusammenhänge von Maßnahmen und Erkrankungsverlauf verwendet und den Kunden damit kein wissenschaftlich begründbarer Zusammenhang von Korrelation und Kausalität in Bezug auf vorhandenen Symptome und die eigene angebotene Therapie vermittelt.“ (2)

Was ist zu tun?

Wie sollen wir mit „Kollegen“ umgehen, die kräftig dort mitfischen (wollen), wo unser Pool ist? Vielleicht helfen die ethischen Prinzipien der World Confederation for Physical Therapy (WCPT) weiter. Unter Prinzip Nr. 3 finden wir unter anderem Folgendes: „Physiotherapeut*innen sollen Aufgaben ihres Fachgebiets, die die spezifischen Fähigkeiten, sowie das spezifische Wissen und Urteilsvermögen eines*r Physiotherapeuten*in erfordern, nicht an andere Gesundheitsberufe oder Assistent*innen delegieren.“ (3) Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Seien wir uns, wie immer, unserer Stärken bewusst, unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten. Wir sollten nicht müde werden, wenn es um die Aufklärung unserer Patienten und Patientinnen geht. Wir sind die Experten. Und gegen Einmischung sei hier noch ein etwas in die Jahre gekommenes, aber immer noch bedeutsames Zitat aus dem Eid des Hippokrates erwähnt: „Ich werde niemals Kranke schneiden, die an Blasenstein leiden, sondern dies den Männern überlassen, die dies Gewerbe versehen.“ (4) (Allen Maschinenbauern oder Wirtschaftsingenieuren zum Geleit.)

Literatur

1. Kurth N. 2022. MedWatch. Liebscher & Bracht für Werbeaussagen und Titel abgemahnt. pt.rpv.media/4uz; Zugriff am 29.4.22

2. Suda AJ et al. 2022. Orthopädie und Unfallchirurgie aktuell. Keine Evidenz für die biomechanischen und pathophysiologischen Erklärungsmodelle muskuloskelettaler Erkrankungen nach Liebscher & Bracht. pt.rpv.media/4u-; Zugriff am 29.4.22

3. Physio-Deutschland. 2015. Die ethischen Prinzipien der WCPT – Deutsche Fassung. pt.rpv.media/4v1; Zugriff am 29.4.22

4. Ärztekammer Baden-Württemberg. Der hippokratische Eid. pt.rpv.media/4v2; Zugriff am 29.4.22

Leserbrief von Bernhard Dobler: Roland Liebscher-Bracht in der Kritik

Nach Erscheinen des Beitrags „Lasst die Bestimmer im Sandkasten“ von Jörg Stanko aus der Juniausgabe erreichte uns dieser Leserbrief. Bernhard Dobler ist Physiotherapeut und leitet ein Sport- und Therapiezentrum in Traunstein. Der Kollege schrieb uns seine Meinung zum Fall Liebscher-Bracht, die wir hier mit seiner Zustimmung publizieren.

Bernhard Dobler

„Deutschlands bekanntester Schmerzspezialist“. So bezeichnet er sich selbst. Deutschlands bekanntester Hochstapler dürfte wohl eher der Wahrheit entsprechen. Die Rede ist von Roland Liebscher-Bracht.
Er hat keine abgeschlossene Berufsausbildung. Weder im medizinischen noch in einem anderen Bereich. Immerhin hat er Wirtschaftsingenieurwesen studiert, aber nicht erfolgreich beendet. Darauf bezieht er sich oft und tatsächlich beweist er vorwiegend kaufmännisches Geschick und Marketing-Fähigkeiten.

Trotzdem ist es sehr erstaunlich, wie Kleidung – Liebscher-Bracht tritt stets in weißer Kleidung auf, Eloquenz – die muss man ihm zugestehen – und selbstsicheres Auftreten bei medizinischen Laien und manchmal sogar bei kritiklosen Fachleuten zum „Erfolg“ und zu regelrechter Anhängerschaft führen können.
Die enormen Erfolgsquoten würde man schon gerne glauben. Aber gerade diese Heilsversprechen haben eben nichts mit der Wahrheit zu tun und sind laut Heilmittelwerbegesetz auch nicht erlaubt.

Das Pikante dabei: Liebscher-Bracht ist nicht mal Arzt oder Therapeut und darf daher keine Therapie durchführen. Entweder hat er also noch nie Schmerzpatienten behandelt, weil er es gar nicht darf, oder er hat es unerlaubterweise getan und sich damit strafbar gemacht.

Fazit: Roland Liebscher-Bracht ist ein Hochstapler mit teilweise abstrusen Erklärungsmodellen. Die Therapiewelt ist aber leider voll von nicht wissenschaftlich erwiesenen Methoden und von mittelalterlichen Erklärungsmodellen, die jedes Wissen über Anatomie, Physiologie, Pathologie, Biomechanik und anderen wichtigen gesicherten medizinischen Erkenntnissen übergehen.
Wir Physiotherapeuten sind aufgefordert, in Fortbildungen nicht alles kritiklos zu übernehmen, sondern zu hinterfragen und unsere Patienten mit gesicherten Erkenntnissen aufzuklären.

Anmerkung: Leserbriefe geben nicht unbedingt die Meinung der pt-Redaktion oder der Richard Pflaum Verlag GmbH & Co. KG wieder. Für den Inhalt sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich.

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