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Sehr geehrte Frau Lamprecht,

mit diesem Schreiben beziehe ich mich auf Ihren Artikel in der Septemberausgabe 2021 der pt Zeitschrift.

Sie ziehen darin das Fazit, dass die traditionellen Weiterbildungskonzepte nicht den aktuellen Wissensstand vermitteln. Dieser Aussage möchte ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen als Teilnehmerin in der PNF-Ausbildung vor einiger Zeit widersprechen.

Die mir vermittelten Inhalte entsprachen durchaus den von Ihnen dargestellten wichtigen Bestandteilen einer modernen, evidenzbasierten Neurorehablitation. Mit folgenden Beispielen möchte ich dies erläutern:

Das oberste Ziel in der Befundung und Therapie der Patienten ist, sie gemäß ihren individuellen Zielen auf den Ebenen der Aktivität und Teilhabe zu fördern. Die Defizite auf Körperstruktur- und Funktionsebene werden dann berücksichtigt, wenn eine Verbesserung auf dieser Ebene der ICF eine verbesserte Leistungsfähigkeit oder Teilhabe ermöglicht. Zu keiner Zeit wurde der Fokus ausschließlich auf Tonussenkung oder Rumpfstabilität zum Selbstzweck gelegt.

Im Rahmen des Themenblocks Gangschule habe ich eine detaillierte Ganganalyse, evidenzbasierte Tests und eine für mich sehr gut einsetzbare Gangfazilitation kennengelernt. Diese kann man mit der Laufbandtherapie kombinieren und dadurch in meinen Augen sehr gut ergänzend gestalten.

Im Rahmen des Mattenprogramms bekam ich Strategien vermittelt, um die Patienten in der Sturzprophylaxe bestmöglich zu unterstützen und sie gemäß ihrem Anspruch auf Aktivitätsniveau in unterschiedlichen Ausgangsstellungen und Kontexten zu fördern. Das Thema Hands on versus Hands off wurde diskutiert und ergibt sich meiner Ansicht nach von selbst. Da, wo Hilfe/Fazilitation nötig ist, wird sie geleistet – mit dem Ziel, den Übenden so weit wie möglich in die Selbstständigkeit zu führen.

Sehr profitiert habe ich von den vorgestellten und integrierten Studienergebnissen, zum Beispiel von G. Wulf und R. Lewthwaite zum motorischen Lernen. Die Wichtigkeit des externen Aufmerksamkeitsfokus, der Motivation und Aufmerksamkeit und der Autonomie des Übenden waren mir in diesem Ausmaß vor der Weiterbildung nicht bewusst. Dies beeinflusst meine Arbeit mit Patienten nachhaltig. Die Berücksichtigung der Lernphasen war ebenfalls Bestandteil der Weiterbildung. Seitdem verstehe ich, dass Fehler für den Lernprozess wichtig sind und zugelassen werden sollen, um durch eigene Erfahrungen die beste Strategie zur Bewältigung der Aufgaben zu finden.

Spannend waren für mich auch die Vorträge, in denen auf die neurophysiologischen Veränderungen bei neurologischen Erkrankungen wie beispielsweise dem Upper Motor Neuron Syndrome (UMNS), dem idiopathischen Parkinsonsyndrom und den ataktischen Bewegungsstörungen detailliert eingegangen wurde.

Im Rahmen der Ataxie wurden neue Behandlungsstrategien (D. Brötz et al. mit dem Schwerpunkt des PNF-typischen Mattentrainings) vorgestellt, die nicht die von Ihnen erwähnte Rumpfstabilität zum Ziel hatten. Im PNF-Kurs wurde die Studie zu PREP (Predicting Recovery Potential) vorgestellt, die klar zeigt, dass die Berücksichtigung der Bewegungsqualität in der Therapie an das Schädigungsausmaß und den zeitlichen Rahmen der Rehabilitation angepasst sein sollte. Dass es einer häufigen Wiederholung bedarf, um Bewegungsverhalten wieder zu erlernen, ist jedem Therapeuten klar. Im PNF-Konzept wird an der individuellen Leistungsgrenze gearbeitet unter dem Leitspruch: „repetition without repetition“

Mein Bestreben als Therapeutin ist es seit vielen Jahren, evidenzbasiertes Wissen bestmöglich in meine Therapie einzubinden. Dabei hilft mir die Definition von Sackett, dass das therapeutische Handeln immer eine Kombination von evidenzbasiertem Wissen, der individuellen Situation des Patienten und der persönlichen Expertise des Therapeuten sein sollte. Die Weiterbildung im PNF-Konzept hat mir diesbezüglich sehr viel vermittelt. Vielen Dank an die Referentin.

Mit freundlichen Grüßen

L. Kreitmair

Sehr geehrte Frau Kreitmair,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung zu unserem Artikel in der pt Zeitschrift.

Evidenzbasiertes Handeln in der Therapie sollte sich an den aktuellen Leitlinien orientieren. Leider wird dies von unseren Berufsverbänden nicht gefördert und auch von den Krankenkassen nicht entsprechend honoriert. Das Gegenteil ist der Fall: Egal ob man PNF, Vojta oder Bobath macht, alles lässt sich mit KG ZNS abrechnen. Die Therapie sieht bei den verschiedenen traditionellen Methoden sehr unterschiedlich aus, trotzdem wird alles gleich honoriert. In den Leitlinien hingegen gibt es für die traditionellen Methoden keine Empfehlungen oder sogar negative Beurteilungen. Auch in vielen Ausbildungen wird nicht evidenzbasiert gearbeitet.

Wenn in Ihrer Fortbildung wissenschaftliche Publikationen benannt wurden, ist das gut. Man muss aber auch immer genau hinsehen und gegebenenfalls die Studien individuell durcharbeiten. Sie erwähnen zum Beispiel Gabriele Wulf. Wenn man diese Arbeit aber im Detail betrachtet, lässt sich daraus nicht ableiten, dass eine Gangfazilitation auf dem Laufband sinnvoll ist.

Die Effektivität eines Mattenprogramms bei Ataxie ist fraglich. Darüber hinaus erfordert die motorische Transferproblematik ein aufgabenzentriertes Vorgehen. D. Brötz beleuchtet die Effektivität ihres eigenen Ansatzes selbst ebenfalls kritisch. Zudem ist nicht nachgewiesen, welche Inhalte bei diesem Ataxieprogramm wirklich die wirksamen Bestandteile sind.

Die Kombination von Mattenprogramm und Sturzprophylaxe ist nicht evidenzbasiert und spiegelt nicht die aktuellen wissenschaftlichen Empfehlungen wider. Ursachen für Stürze sind Muskelschwächen der unteren Extremitäten. Deshalb ist ein aufgabenspezifisches Krafttraining der unteren Extremitäten und die Therapie von Gleichgewichtsproblemen so wichtig. Man muss prüfen, welche Gleichgewichtsdomäne betroffen ist und dann genau diese Problematik trainieren. Das Gleichgewicht lässt sich nicht im Liegen oder auf der Matte verbessern. Ein Aufstehtraining ist sinnvoll, aber nur, wenn der Patient dann auch seine eigene Lösungsstrategie findet und hochrepetitiv trainiert.

Neurophysiologische Veränderungen bei Schädigungen des ersten Motoneurons (z. B. Schlaganfall) oder bei degenerativen Erkrankungen der Basalganglien (z. B. idiopathisches Parkinsonsyndrom) müssen schon in der Ausbildung erklärt werden und verstanden sein. Leider werden in den Fachschulen, zum Teil auch an Fachhochschulen, noch primär die traditionellen Konzepte gelehrt und nicht elementare Dinge wie das funktionelle Verständnis des UMNS. Eine Aussage, die Pollock et al. bereits 2014 vermittelt haben, ist für uns dabei richtungsweisend:

Evidenz weist darauf hin, dass die physische Rehabilitation nicht auf die Anwendung einzelner Konzepte reduziert werden darf. Sie sollte vielmehr klar definierte, gut beschriebene und evidenzbasierte motorische Behandlungen beinhalten – unabhängig von historischer oder philosophischer Herkunft.

Wir laden Sie herzlich zum fachlichen Austausch ein. Besuchen Sie uns gerne einmal in der Praxis oder zu unseren Kursen.

Viele Grüße

Sabine und Hans Lamprecht

Dieser Artikel ist erschienen in

pt Januar 2022

Aktuelle Ausgabe
Erschienen am 11. Januar 2022