Die aktuelle Forschunglage zeigt: Schmerz kann neben der biologischen Schutzfunktion auch ein erlerntes Verhalten ohne biologische Funktion darstellen. Diese neuen Erkenntnisse müssen unbedingt auch in der Untersuchung und Behandlung von Patienten mit Nackenschmerzen berücksichtigt werden. Patienten mit noziplastischem Schmerzprofil brauchen eine andere Therapie als jene, deren Anamnese auf eine mechanische Irritation hinweist.

Eine eindeutige Diagnose ist schwierig

Nackenschmerzen sind ein verbreitetes Problem und stellen global die vierthäufigste muskuloskelettale Störung dar: Circa 4,8 Prozent der Weltbevölkerung sind davon betroffen (1). In Deutschland beträgt die Lebensprävalenz für Nackenschmerzen 33 bis 42 Prozent. Als Risikofaktoren konnten in zwei unabhängigen Reviews lediglich das weibliche Geschlecht und eine bereits vorhandene Nackenschmerzepisode identifiziert werden (2). Frauen sind häufiger betroffen als Männer (3) und trotz enormer technischer Weiterentwicklungen bezüglich bildgebender Verfahren kann bei einer großen Mehrheit der Nackenschmerz-Patienten keine eindeutige Diagnose gestellt werden (4). Hingegen kann mittlerweile eine Vielzahl von sensomotorischen Störungen im Zusammenhang mit Nackenschmerzen identifiziert und behandelt werden. Nackenschmerz-Patienten zeigen unter anderem eine reduzierte Beweglichkeit der Halswirbelsäule (5), größere Körperschwankungen bei Gleichgewichtsmessungen (6), eine ungenauere Winkelreproduktionsfähigkeit (7) und andere morphologische Veränderungen, wie Verfettung oder Atrophie der HWS-Extensoren-Muskulatur (8, 9) bis hin zu Veränderungen in der zeitlichen Aktivierung der HWS-Flexoren-Muskulatur (10). Aktive Therapieverfahren wie Beweglichkeitstraining, Gleichgewichtstraining, spezifisches Training für die Nackenmuskulatur, Yoga oder Tai-Chi können Schmerzen reduzieren und Körperfunktionen mit geringen bis moderaten Effekten verbessern (11, 12); Gross et al. stellen jedoch fest, dass der Beweislage „high quality evidence“ fehlt (12). Ein Grund dafür könnte sein, dass Patienten in den Studien zwar als chronische Schmerzpatienten beschrieben werden, diese Klassifikation der Symptomdauer aber keine Aussage über die zugrunde liegenden Mechanismen der Schmerzen ermöglicht.