Lehre
pt Dezember 2021

Promotionsstipendium in der Physiotherapie

Hanna Brandt absolviert derzeit ihre Promotion an der OTH Regensburg. Wir haben sie befragt, wie es dazu kam, wie sie ein Promotionsstipendium für sich gewinnen konnte und was sie über die Zukunft und die Vollakademisierung der Physiotherapie denkt.

Im Gespräch mit Hanna Brandt
Lesezeit: ca. 14 Minuten
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Frau Brandt, Sie haben ein Promotionsstipendium der Landeskonferenz der Frauen und Gleichstellungsbeauftragten an bayerischen Hochschulen (LaKoF Bayern) für das Jahr 2021 erhalten, dazu erst einmal herzlichen Glückwunsch! Wie sind Sie auf dieses Stipendium aufmerksam geworden?

Vielen herzlichen Dank! Ich habe mir zunächst einmal einen Überblick über die vielen unterschiedlichen Stipendien verschaffen und dann detailliert recherchiert, welche Kriterien für die Stipendien erfüllt sein müssen. Es war tatsächlich ein reiner Zufall, dass ich auf das Stipendium aufmerksam wurde. Über eine Werbekampagne bei LinkedIn „Professoren sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Werde Professorin!“ wurde ich zum ersten Mal aufmerksam auf die LaKoF Bayern. Auch meine Betreuerin Frau Prof. Dr. Andrea Pfingsten war bei dieser Werbekampagne beteiligt. Auf der Webseite der LaKoF Bayern stieß ich bei meinen Recherchen, rein zufällig, auf die Förderangebote für Hochschulen angewandter Wissenschaften (HAW), hierbei hat mein Profil schon sehr gut auf das Stipendienprogramm „Für Frauen mit Berufspraxis: Promotionsstipendium“ gepasst. Nachdem ich hinter jeden Punkt ein Häkchen setzen konnte, habe ich daraufhin alle notwendigen Bewerbungsunterlagen erstellt und mich beworben. Ich freue mich immer noch total, dass ich eine Zusage bekommen habe!

Wie ging der Auswahlprozess vonstatten?

Zunächst einmal werden die formalen Kriterien geprüft und anschließend geeignete Kandidatinnen zu Auswahlgesprächen eingeladen. Nach vier Wochen wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, welches aufgrund der aktuellen SARS-CoV-2-Situation online über Zoom stattfand. Mir saßen fünf Frauen gegenüber (davon drei Professorinnen), was zunächst meine Nervosität gesteigert hat. Nach der anfänglichen Vorstellungsrunde musste ich auf einem virtuellen Whiteboard meinen Werdegang mit seinen Höhen und Tiefen graphisch darstellen, nach anfänglichen Schwierigkeiten und der Hoffnung, dass die Internetverbindung stabil bleibt, skizzierte ich meinen Lebenslauf. Anschließend wurden mir methodische und inhaltliche Fragen zu meinem Dissertationsthema gestellt und natürlich, warum ich das Thema gewählt habe. Nach eineinhalb Stunden war das Gespräch vorbei und ich erfuhr schon eine Woche später von der Zusage für das Stipendium.

Was wäre die Alternative gewesen, wenn es mit dem Stipendium nicht geklappt hätte?

Das ist schwierig zu sagen. Tatsächlich habe ich viel Hoffnung und Energie in die Bewerbung gesteckt und meistens habe ich nur einen grob gesteckten Plan B. Zunächst hätte ich weiterhin meinen Nebenjob als Physiotherapeutin ausgeübt und mich nebenbei für ein anderes Stipendium beworben oder es ein Jahr später wieder bei der LaKoF versucht. Allerdings wäre ich dann bei Weitem nicht so weit fortgeschritten wie ich es jetzt schon mit dem Stipendium konnte. Die Zeit, die ich durch die monetäre Unterstützung erhalte, ist Gold wert und lässt mich nur so dem Ziel des erfolgreichen Abschlusses meiner Dissertation erreichen. Ansonsten könnte ich nicht in der geplanten Zeit und mit machbarem Aufwand die Doktorarbeit erfolgreich abschließen.

Wie verlief Ihr bisheriger Werdegang?

Mit 13 Jahren habe ich durch eine Freundin mit Kampfsport Taekwondo angefangen und hierdurch meine Leidenschaft zum Sport entwickelt. Schon davor habe ich Tischtennis und Tennis gespielt, allerdings hat mich der Kampfsport durch seine Präzision, Disziplin und das Entwickeln einer mentalen Stärke sehr gefesselt. Letztendlich bin ich durch sportliche Erfolge in den „Leistungskader Niedersachsen Taekwondo im Vollkontakt“ aufgenommen worden und wollte nach dem Abitur in ein Sportinternat für Taekwondo und gleichzeitig an der Sporthochschule in Köln Sportwissenschaften studieren. Nach einem erfolglosen Eignungstest in Köln wusste ich nicht so recht, was ich machen soll, da das Studium der Sportwissenschaften erst einmal ins Wasser fiel (eine Rolle rückwärts mit anschließendem Handstand kann ich immer noch nicht und würde mich immer noch durchfallen lassen) und die Bewerbung erst wieder in einem Jahr möglich war. Aus diesem Grund absolvierte ich sämtliche Praktika, von der Raumausstatterin, Tischlerin, Bankkauffrau bis hin zur Mediengestalterin war alles dabei. Letztendlich war das Praktikum in einer ambulanten Praxis das Entscheidende für meinen beruflichen Werdegang. Mich hat es fasziniert zu sehen wie Patientinnen und Patienten durch das Anleiten von Bewegungen und Handtechniken zur Mobilisation von Gelenken wieder rehabilitiert werden können und diese sich wieder besser bewegen konnten. Kurzentschlossen habe ich mich, trotz abgelaufener Bewerbungsfrist, noch für einen Ausbildungsplatz am Henriettenstift in Hannover beworben und wurde nach einem Vorstellungsgespräch noch mit in das Ausbildungsjahr 2007 aufgenommen. Parallel hierzu habe ich mit dem Laufsport angefangen und konnte hier in den zwei darauffolgenden Jahren ein paar Erfolge feiern, u.a. die silberne Ehrennadel im Team für 10 km und den zweiten Platz bei den Deutschen- Junioren-Meisterschaften über 10 km.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Physiotherapie-Ausbildung wollte ich erst einmal Praxiserfahrung sammeln und arbeitete ein Jahr in unterschiedlichen ambulanten Praxen und wechselte anschließend noch für ein Jahr in eine ambulante Reha-Einrichtung in Hannover. In den zwei Jahren habe ich sämtliche Fortbildungen in der Physiotherapie absolviert von Manueller Therapie bis Lymphdrainage, KG-Geräte und (Kinesio)-Tapen.

Allerdings hatte ich das Gefühl mich dadurch zwar mehr Behandlungskompetenz auf der praktischen Ebene zu erlernen, suchte aber nach einer anderen Möglichkeit mich weiterzubilden und Kompetenzen zu erwerben, die ich bislang in den Fortbildungen vermisst habe. Ich recherchierte im Internet und sah eine Lösung in dem Bachelorstudiengang Physiotherapie. Ich wollte mich auf einer anderen Ebene, des kritisch reflektierenden Praktikers weiterbilden und mehr über evidenzbasiertes Handeln lernen. Im April 2012 begann ich den Bachelor in Physiotherapie an der HAWK in Hildesheim und hatte durch das Anrechnen meiner Ausbildung schon 2013 meinen Bachelorabschluss. Anschließend wollte ich mich wissenschaftlich weiterentwickeln, allerdings mehr über das allgemeine Gesundheitssystem wie auch den präventiven und rehabilitativen Ansatz in den Gesundheitswissenschaften erfahren und entschied mich für einen Master in Public Health an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Den Abschluss in der Tasche, habe ich zunächst keine Stellen gefunden, die meinem Abschluss entsprachen. Aus dem Grund habe ich als Physiotherapeutin in Teilzeit in einer ambulanten Praxis in Hannover angefangen zu arbeiten und nebenbei noch als Trainerin im Bereich der Gesundheitsförderung und als Physiotherapeutin in der Geriatrie gearbeitet. Bis eine Stelle als Trainerin und Therapeutin für die untere Extremität bei Ottobock HealthCare GmbH in Duderstadt ausgeschrieben war und ich mich sofort darauf bewarb. Seit dem Bachelor hat mich das Thema „human-machine-interaction“ fasziniert, schon in meiner Bachelor- und Masterarbeit wollte ich mich mit dem Thema zur Effektivität exoskelettaler Unterstützung beim Gehen von Querschnittspatientinnen und -patienten auseinandersetzen. Leider gab es zu dem Zeitpunkt meines Bachelorabschlusses noch nicht ausreichend Literatur und zum Masterabschluss keine Betreuenden, die sich zutrauten das Thema zu unterstützen.

Bei Ottobock habe ich sehr viele wertvolle Erfahrungen sammeln können, sowohl in der internationalen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Amputation und der Versorgung von Querschnittspatientinnen und -patienten mit den neuesten orthopädietechnischen Versorgungsmöglichkeiten von mikroprozessor-gesteuerten Prothesen wie auch intelligenten Orthesen. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit und dem daraus generierten Wissen aus Orthopädietechnik, Biomechanik und Ergo- wie auch Physiotherapie sehe ich immer noch sehr große Vorteile. Zudem konnte ich einige Auslandserfahrungen sammeln, zum Beispiel in Saudi-Arabien und in der Ukraine. Hier habe ich Seminare für Ergo-, Physiotherapiefachkräfte zum Gangtraining mit unterschiedlichsten Prothesen gegeben.

Trotz der vielen großartigen Erfahrungen wollte ich doch wieder in die Wissenschaft zurück und habe mich nach zweieinhalb Jahren von Ottobock verabschiedet. Durch ein Stellenangebot in Regensburg im Fachbereich Physiotherapie und einem spannenden interdisziplinären Forschungsprojekt mit der Biomechanik bewarb ich mich erfolgreich und fing 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ostbayerischen Technischen Hochschule an zu arbeiten. Dort bin ich bis heute in einem interdisziplinären Kolleg aus Physiotherapie, Logopädie, medizinischer Informatik, Biomechanik und Pflegewissenschaften beschäftigt.

Sie haben einige Berufserfahrung hinter sich, was hat Sie dazu bewegt, sich nun für eine Promotion zu entscheiden?

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin wird einem dieser Weg schon vorgelebt, gerade durch die enge Kooperation mit der Biomechanik wurde bereits eine Basis geschaffen. Durch die mir vermittelten persönlichen Erfahrungen des promovierenden Kollegs habe ich mich ermutigt gefühlt, auch diesen Schritt zu gehen. Zudem gab es für mich eigentlich immer noch den spannenden Bereich der exoskelettalen Unterstützung, welches mittlerweile kein unbekanntes Thema in der Forschung mehr war.

Ihre Promotion beschäftigt sich mit dem Thema: „Untersuchung der muskuloskelettalen Belastung bei exoskelettaler Unterstützung von Pflegefachkräften beim Transfer Bett-Rollstuhl.“ Wie sind Sie auf diese Thematik gekommen und inwiefern spielt Physiotherapie hier eine Rolle bzw. inwiefern ist das Thema für Therapiefachkräfte relevant?

Angetrieben von der ursprünglichen Idee, die Effektivität von exoskelettalen Unterstützung zur Gangrehabilitation von Querschnittspatientinnen und -patienten zu untersuchen, bin ich auf das spannende Thema der exoskelettalen Unterstützung von Arbeitenden in der Industrie und im Handwerk aufmerksam geworden. Aktive wie auch passive Exoskelette sollen Arbeitnehmer in ihrem Bewegungen unterstützen und Körperlast abnehmen, um präventiv zu wirken und Langzeitschäden, wie Rückenschmerzen oder Schulterschmerzen vorzubeugen. In der Logistik werden diese Exoskelette bereits erfolgreich eingesetzt, um zum Beispiel die immer wiederkehrende Bewegung zum Sortieren von Paketen zu erleichtern, wie auch die Lasten beim Heben und Tragen zu reduzieren. Ich habe mich zurück an die Zeit erinnert, als ich als Physiotherapeutin in der Geriatrie gearbeitet habe und Pflegende in ihrer täglichen Arbeit und den damit verbundenen körperlichen Belastungen erlebt habe. Dabei habe ich einen Übertrag geschaffen und mich über die Forschung und die bisherigen Untersuchungen zum Einsatz von exoskelettalen Systemen in der Pflege auseinandergesetzt.

In diesem Bereich gibt es bislang erst wenige Untersuchungen. Die zunehmende Anzahl an Pflegebedürftigen bei gleichzeitiger Abnahme der Pflegefachkräfte belastet und überlastet das Pflegesystem. Die Auswirkungen der körperlichen wie auch häufig sehr starken psychischen Belastung wird durch die hohe Anzahl an Fehlzeiten im Vergleich zu anderen Berufstätigen deutlich. Dabei stellt die häufigste Diagnose in der Altenpflege Rückenschmerzen dar. Nun gibt es in der Pflege schon ein paar technische Hilfsmittel wie Transferkräne und Rutschbretter, allerdings werden diese, nach Angaben von Pflegenden, vor allem aufgrund der fehlenden Zeit, nicht genutzt. Eine Alternative und technische Weiterentwicklung zu diesen Hilfsmitteln könnten körpernah getragene Unterstützungssysteme wie exoskelettale Systeme darstellen. Dabei betrachtet mein Thema mehrere Aspekte: Wie hoch ist die objektive Entlastung des unteren Rückens, wie empfinden Pflegende die Entlastung und wie hoch ist die Nutzerakzeptanz eines solchen Systems?

Der physiotherapeutische Aspekt meines Themas bezieht sich vor allem auf die Bereiche der Bewegungsanalyse, welche methodisch mit einem sehr hohen und komplexen technischen Aufwand erfasst wird. Über körpernah getragene Sensoren wird die Bewegung der Probandin oder des Probanden im Raum gemessen, EMG Sensoren erfassen die Muskelaktivität und Sensorsohlen geben Aufschluss über die Belastung der Füße während des Transfers. Diese objektiven Daten lassen Bewegungen quantifizieren, die wir in der Physiotherapie sonst häufig nur über Beobachtung feststellen können.

Wie kann man sich Ihre Promotion genau vorstellen? Machen Sie Beobachtungen, nehmen Sie selbst aktiv am Transfer teil? Woraus besteht der Praxisteil?

Ich untersuche die Bewegung, die Belastung des unteren Rückens wie auch die Akzeptanz des Exoskeletts bei Pflegefachkräften. Dafür verfolge ich einen Mixed-Method-Ansatz und habe einen Versuchsaufbau entworfen, der eine simulierte Situation darstellt. Die zu transferierende Person ist eine Reanimationspuppe mit einem Gewicht von 45kg und beweglichen Gelenken, welche aus einem Stuhl in ein Bett transferiert wird. Den Transfer üben Pflegekräfte aus, dabei gibt es drei verschiedene Szenarien: mit Exoskelett und eingestellter Unterstützung, mit Exoskelett ohne die Unterstützung und komplett ohne Unterstützung, durch eine Rotation der Versuchsreihenfolge soll eine Verzerrung der Ergebnisse ausgeschlossen werden. Während des Transfers tragen die Probandinnen und Probanden Bewegungssensoren, EMG Sensoren und Sensorsohlen.

Darauf aufbauend, nehme ich die Versuche mit Tiefenkameras aus der Sagittal- und Frontalebene auf, um zu untersuchen, ob sich, im Vergleich zu einem sehr aufwendigen und teuren Messverfahren, dieses verhältnismäßig günstige Messverfahren der Kameras eignet, um als valides und reliables Messinstrument zur Bewegungsanalyse in der Praxis eingesetzt zu werden. Neben der Einbindung von aktuellen Methoden der Bewegungsanalyse kann das Thema weitergehend Erkenntnisse darüber liefern, ob das Heben und Tragen eines Gewichtes bei einer rotatorischen Bewegung vom Oberkörper negative Auswirkung auf den unteren Rücken hat und ob sich die Bewegung und muskuläre Anspannung durch ein Exoskelett verändert und letztendlich dazu führt, dass Belastungen reduziert werden könnten.

Abschließend erfolgt ein kurzes Interview, in dem vor allem die Nutzerakzeptanz und Benutzerfreundlichkeit im Feld der Pflege von Interesse ist.

Was für Exoskelette kommen zum Einsatz?

Das Exoskelett ist ein rein passives Gelenk, welches ohne einen aktiven Motor auskommt. Das System wird wie ein Rucksack auf den Rücken aufgesetzt, es gibt Schulterriemen, einen Brustverschluss, einen Beckengurt und zusätzlich noch Oberschenkelschalen. Die Energie wird beim Vorneigen des Oberkörpers gespeichert. Am besten stellt man sich die Wirkung wie eine Feder vor, die gespannt wird, wenn man sich nach vorne neigt. Wenn sich die Person aufrichtet, wird die Energie über die Oberschenkelschalen abgegeben. Durch die Unterstützung in den Beinen hat die Person beim Aufrichten das Gefühl eine Art Entlastung im unteren Rücken zu spüren. Eine vergleichbare Situation mit einem ähnlichen Effekt entsteht beim Aufstehen aus einem Stuhl mit dem Abstützen der Arme auf den Oberschenkeln.

Wie wird die muskuloskelettale Belastung gemessen?

Zunächst wird nur die muskuläre An- und Entspannung über die EMG Sensoren an Bauch- und Rückenmuskulatur gemessen. Durch das Auslesen und Analysieren des markerlosen Bodytracking-Verfahrens wird eine Simulationssoftware angewandt werden, welches auf den Grundprinzipien der inversen Dynamik beruhen. Darunter wird der Prozess der Berechnung von Reaktionskräften in einer Bewegung verstanden, die zu Nettomomenten in den anatomischen Gelenken führen und somit die Belastung auf das jeweilige Gelenk darstellen kann. Durch dieses in der Biomechanik etablierte Verfahren kann auf die Be- und Entlastung des muskuloskelettalen Systems geschlossen werden.

Wie hat die Corona-Pandemie Ihr Promotionsvorhaben beeinflusst?

Tatsächlich hat die Corona-Pandemie mein Promotionsvorhaben kaum beeinflusst. Momentan arbeite ich, mehr als vor der Pandemie, im Homeoffice. Bei der Versuchsdurchführung muss ich die, momentan an der Hochschule geltenden, Corona Hygienemaßnahmen einhalten.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach der Promotion?

Zum einen würde ich gerne im Anschluss an meine Promotion etwas reisen und mich anschließend für Berufungsverfahren bewerben. Falls es zu dem Zeitpunkt noch nicht klappen sollte oder keine vakante Stelle ausgeschrieben ist, sehe ich mich weiterhin in der Wissenschaft verankert und würde gerne in einem interdisziplinären Team an einer Hochschule, am liebsten in einem Bewegungslabor, arbeiten.

Halten Sie eine Vollakademisierung in der Physiotherapie für wichtig und wenn ja, warum?

Ich persönlich befürworte eine Vollakademisierung in der Physiotherapie. Die wissenschaftliche Ausbildung bedeutet für mich das Qualifizieren von Physiotherapiefachkräften, die den zukünftigen Ansprüchen im Gesundheitssystem gerecht werden. Um die Qualität in der Versorgung von Patientinnen und Patienten zu erhöhen, braucht es reflektierte Pratikerinnen und Praktiker, die in komplexen Situationen professionell, leitliniengestützt und evidenzbasiert handeln, behandeln und beraten können. Das physiotherapeutische Handeln limitiert sich schon seit langem nicht mehr nur noch auf die reine körperliche Behandlung an Patientinnen und Patienten. Es erfordert vielmehr Therapiefachkräfte, die Patientinnen und Patienten kompetent informieren, beraten, anleiten und schulen, damit diese befähigt werden, wieder gesund zu werden.

Diese Art des Handelns spricht für eine Qualitätssicherung in der Behandlung und Versorgung von Patientinnen und Patienten und sollte auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Natürlich sollten gesichtete und recherchierte Informationen, kritisch aufbereitet und unter der Berücksichtigung der Patientenmerkmale und der individuellen Rahmenbedingungen gesetzt werden können. Diese und noch weitere Kompetenzen können durch eine Akademisierung des Berufs erworben werden. Weiterhin kann ein Studium dazu befähigen, technologische Innovationen für das physiotherapeutische Handeln und Diagnostizieren anzupassen und die eigene Profession weiterzuentwickeln.

Seit den letzten Jahren ist eine hohe Abwanderung aus dem Beruf in andere Berufe zu beobachten, dies könnte sich unter anderem durch fehlende berufliche Perspektiven und mangelnde Autonomie begründen lassen. Eine hochschulische Ausbildung kann die Attraktivität des Berufs steigern und langfristig das Rollen-, Aufgaben- und Kompetenzverständnis der Physiotherapie positiv verändern. Die Akademisierung ist zudem die Voraussetzung für den Anschluss an den europäischen wie auch außereuropäischen Standard, um das Fachgebiet weiterentwickeln zu können.

Allerdings würde ein Vollakademisierung das momentan bestehende System umstrukturieren und auch Fragen aufwerfen. Dabei muss zum Beispiel diskutiert werden, ob Zertifikatspositionen noch notwendig sind oder, ob sich die Physiotherapie analog an der ärztlichen Fortbildungspflicht orientiert.

Wie stehen Sie zur zunehmenden Digitalisierung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz im Therapiebereich?

Um dieses Thema der Digitalisierung werden wir in der Physiotherapie nicht mehr herumkommen. Gerade im Gesundheitswesen wurden viele neue Entscheidungen gefällt und der Rahmen für digitale Technologien geschaffen: die elektronische Patietenakte (ePA), die Einführung des E-Rezepts, die App auf Rezept (DiGA = Digitale Gesundheitsanwendung), die Messung von Gesundheitsdaten per App und Wearables (tragbare Sensoren z.B. in Smartwatches) und das Fortschreiten in der Telemedizin, wie z.B. die durch die COVID-19 Pandemie eingeführte Möglichkeit der Videobehandlung bei bestimmten Heilmitteln.

Die Digitalisierung schafft neue Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten wie zum Beispiel die Behandlungsform der Telemedizin. Diese Form kann bei bestimmten medizinischen Diagnosen aufgrund der Studienlage als sinnvolle Ergänzung in der Physiotherapie angesehen werden. Die „Chartered Society of Physiotherapy“ hat einen Leitfaden für die Umsetzung von telemedizinischen Konsultationen erstellt und auf der Seite der „Physiotherapy Evidence Database“ (PEDro) wurde eine Liste an systematischen Übersichtsarbeiten aus den letzten fünf Jahren zusammengestellt, welche die Effekte von Telephysiotherapie im Überblick darstellen. Unter anderem geht daraus hervor, dass ein Hybrid-Angebot im ambulanten rehabilitativen Bereich sinnvoll sein kann. Dies wäre eine Mischung zwischen professioneller Therapie in der Institution und selbstständigem Training und/oder Übungen zu Hause, unterstützt mittels modernen Kommunikationstechnologien wie zum Beispiel per Videochat am PC oder Smartphone. Auf diese Weise können bisherige Barrieren, wie der zeitliche Aufwand, abgebaut werden oder lange Anfahrtswege für Patientinnen und Patienten im ländlichen Raum vermieden und trotzdem eine individuelle, bestmögliche Therapie angeboten werden.

Die DiGA können von Ärztinnen und Ärzten und Therapiefachkräften verordnet werden, um bei der Erkennung und Behandlung von Krankheiten oder zum Beispiel der individuellen Umsetzung von Behandlungsprozessen zu unterstützen. Gerade im Bereich der muskuloskelettalen Erkrankungen wie zum Beispiel bei Rückenschmerzen, würde ich Physiotherapiefachkräften in der Verantwortung zum Verschreiben DiGAs sehen.

Die künstliche Intelligenz wird in der Physiotherapie in Deutschland bislang noch angewandt. Ich denke aber, dass selbstlernende Systeme in der medizinischen Diagnostik beziehungsweise Bildgebung einen tiefgreifenden Einfluss haben werden. KI ist in der Lage, Informationen viel schneller zu verarbeiten als ein Mensch und erweist sich damit als ein Instrument zur Steigerung der Effizienz und kann in Zukunft eine Unterstützung in der Prävention von zum Beispiel Adipositas bieten. KI wird bereits in verschiedenen Krankenhäusern weltweit eingesetzt, um die Diagnose zu verbessern und eine schnellere und genauere Behandlung zu ermöglichen. Hierzu müssen in Deutschland noch regulatorische Fragestellungen, etwa im Bereich des Datenschutzes, beantwortet werden und Umsetzungshürden wie Insellösungen reduziert werden.

Aber nicht nur Krankenhäuser und Ärzte sind betroffen, auch Bereiche wie die Gesundheit der Verbraucher werden durch Sensoren, in Form von Wearables (zum Beispiel Fitness-Trackern), erfasst. Diese könnten die Symptome in frühen Stadien erkennen und potenzielle Gesundheitsvorfälle im Voraus vorhersagen, um sie zu verhindern. Entscheidend bei dem Einsatz ist es aber immer, die klinische Wirksamkeit und den Nutzen für die Betroffenen zu betrachten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Physiotherapie?

Ich denke, wir müssen in der Physiotherapie in Deutschland umdenken. Nicht nur die Therapiefachkräfte sind verantwortlich für die Gesundheit, Rehabilitation und Kuration der Patientinnen und Patienten, sondern wir sollten uns vielmehr in der Rolle der Berater sehen, um die Erkrankten selber zu befähigen, wieder gesund zu werden. Hierzu ist nicht nur die praktische Handlungskompetenz erforderlich, sondern auch die Strategie der Edukation und des Empowerments, um Patientinnen und Patienten zu motivieren wieder selbstständig positive Veränderungen, die ihrer Gesundheit zugutekommen, in ihrem Lebensalltag zu integrieren.

Ich finde den Beruf Physiotherapeutin sehr erfüllend: Wir können dazu beitragen, Menschen zu helfen, wieder gesund und mobil zu werden. Die Reformierung des Berufsgesetzes für Therapieberufe und die damit verbundene neue Ausgestaltung einer hochschulischen Ausbildungsstruktur kann einen enormen Beitrag leisten und bringt eine Attraktivitätssteigerung des Berufs mit sich, sodass wir weiterhin Menschen zu mehr Mobilität und Autonomie verhelfen können, mit wesentlich besseren Rahmenbedingungen.

Vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Dr. Julia Röder

Hanna Brandt

Hannah Brandt

Sie ist Physiotherapeutin und hat ihr Bachelorstudium 2013 erfolgreich absolviert. Danach folgte ein Masterstudiengang in Public Health , den sie 2015 erfolgreich abschloss. Sie war bis 2018 Therapeutin und Trainerin für Prothetik bei Ottobock. Seit 2018 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der OTH Regensburg im Fachbereich Physiotherapie und dort auch als Lehrbeauftragte tätig. Derzeit arbeitet sie an ihrer Promotion. hanna1.brandt@oth-regensburg.de

Dieser Artikel ist erschienen in

pt Dezember 2021

Erschienen am 10. Dezember 2021