Spätestens seit sich Greta Thunbergs Schulstreik zu einer weltweiten Bewegung entwickelt hat, sind die Themen Klimawandel und ökologische Verantwortung wieder verstärkt in unserem Bewusstsein. Die Zeit drängt, jeder Einzelne ist gefragt. Was können wir Physiotherapeuten tun? Unser Autor hat die Environmental Physiotherapy Association mitbegründet. 

 

Weltweite Umweltkrisen

Wir leben in einer Zeit, die von Umweltkrisen in einer noch niemals dagewesenen Dimension gekennzeichnet ist. Ohne Ausnahme durch menschliche Aktivitäten seit der industriellen Revolution verursacht, beinhalten diese die globale Erderwärmung, das Schmelzen der Polarkappen, das Aussterben von etwa 60 Prozent aller Tierarten und die Plastikverschmutzung der Ozeane und anderer Ökosysteme (1–4).

Es gibt aber auch ein stetig wachsendes Bewusstsein über diese Situation, weltweit werden Lösungen erforscht und implementiert (5, 6). 

Ein grundlegender Aspekt dieser Lösungen besteht darin, unser Verhältnis zur Umwelt und unsere Art, auf dieser Welt zu leben, neu zu konzipieren. Die Gesundheitsberufe haben auf diesem Feld bislang eher langsame Fortschritte gemacht.

In der jetzigen Situation stehen aber alle Teile der Gesellschaft gleichermaßen in der Pflicht, ihr Verhältnis zur Umwelt zu überdenken. Somit geht es eben auch darum, eine ökologischere, also umweltbewusstere und umweltverantwortlichere Gesundheitsfürsorge anzubieten.

Einfluss des Gesundheitswesens schlechter als gedacht?

In einer Studie aus den USA wurde beispielsweise deutlich, dass das Gesundheitswesen im Jahr 2013 für einen erheblichen Anteil der nationalen Luftverschmutzung verantwortlich war, insbesondere durch den mit Dienstleistungen und Gütern verbundenen Energie- und Rohstoffverbrauch (7). 

Dies legt nahe, dass die Gesundheitsberufe einen deutlich größeren negativen Einfluss auf die Umweltkrisen unserer Zeit und somit paradoxerweise auch auf die öffentliche Gesundheit haben, als bislang angenommen. Es steht also zum einen zur Debatte, wie die Gesundheitsberufe ihren eigenen ökologischen Fußabdruck verringern können, um effektiver und nachhaltiger zur Bevölkerungsgesundheit beizutragen (8). Zum anderen stellt sich auch die Frage, ob die Gesundheitsberufe nicht auch direkter zur Verbesserung der Gesundheit unserer Umwelt beitragen sollten und wie sie dieser neuen therapeutischen Möglichkeit und Verantwortung gerecht werden wollen.

Es gibt keinen Menschen ohne Umwelt

Ein möglicher Grund für den eher langsamen Fortschritt der Gesundheitsberufe in eine positivere Richtung liegt vermutlich in der Art, in der dominante biomedizinische Diskurse den Menschen bislang als getrennt von seiner Umwelt betrachtet und behandelt haben. Mit wenigen Ausnahmen hat die westliche Gesundheitspflege den gelebten Erfahrungen kranker Menschen oder ihrem sozialen Kontext noch bis vor Kurzem kaum Beachtung geschenkt und sich auf den Körper als isoliert von seiner Umwelt fokussiert (9).

Diese Situation beginnt sich nun zu ändern: Wir beschäftigen uns zunehmend mit dem Verhältnis zwischen Mensch, Umwelt und Gesundheit. Zu den ersten Schritten in diese Richtung gehören praktische Ansätze wie die Verordnung von Freiluftaktivitäten zur Gesundheitsförderung sowie psychotherapeutische Ansätze wie die Ecotherapy, die sich mit psychologischen Ursachen und Auswirkungen der heutigen Umweltkrisen befassen. Weitere Maßnahmen sind die theoretische und empirische Erforschung des Verhältnisses zwischen Behinderung und Umwelt sowie neue Ansätze wie Sustainable Healthcare Education, die daran arbeiten, Umweltbewusstsein und Umweltverantwortung fest in die Ausbildung von Gesundheitsfachkräften einzubinden (10–15). 

Starke Wurzeln in natürlichen Methoden

Im Laufe ihrer Geschichte hat die Physiotherapie bislang nur ein loses Verhältnis zur Umwelt gepflegt. Wir denken jedoch, dass die Physiotherapie einer wachsenden Umweltverantwortung in der Gesundheitsfürsorge viel zu bieten haben sollte. Dies ist vor allem durch ihre starken Wurzeln in natürlichen Methoden wie Berührung und Bewegung der Fall. Weitere Evidenz für ein Verhältnis zwischen Physiotherapie und Umwelt findet sich aber auch in therapeutischen Methoden für und mit Tieren, außerdem in der Anerkennung und Behandlung von Problemen bei der Teilnahme an bedeutungsvollen Freiluftaktivitäten, die durch Verletzungen entstehen können (16, 17). 

In Anbetracht der Dringlichkeit, mit der wir Lösungen für die heutige Umweltkrise suchen und implementieren müssen, scheint es höchste Zeit, dass wir eine bewusstere Anstrengung unternehmen, das Verhältnis zwischen Physiotherapie und Umwelt in all seinen Facetten zu überdenken und neu anzugehen. Unser professioneller Hintergrund scheint dafür in jedem Fall eine gute Grundlage zu liefern.

Was können wir tun?

Ein signifikanter Beitrag, den wir leisten könnten, wäre, die Physiotherapie als umweltfreundliche Gesundheitspraxis zu identifizieren und auszubauen, um die hohen Umweltkosten von technologie- und ressourcenabhängigeren Methoden wie der bildgebenden Diagnostik, medizinischen Screenings und chirurgischen Eingriffen deutlich zu reduzieren. 

Gleichzeitig könnten wir auch die Umweltkosten unserer Arbeit in den Blick nehmen: Wie viele nicht erneuerbare Ressourcen wie Papierunterlagen und Einwegprodukte sind im Praxisbetrieb notwendig? Wie viel Strom benutzen wir, um unsere Praxen zu betreiben, und wie viele technologieabhängige Methoden verwenden wir anstelle von anderen? Wie viele Reisen zu Fortbildungskursen, Konferenzen et cetera sind in einer Zeit, in der moderne Technologien uns schneller und mit vermutlich geringeren Umweltkosten zusammenbringen können, noch zu rechtfertigen? 

Auch wenn all dies vielleicht nur einen kleinen Beitrag zur Verbesserung leistet, ist dennoch klar, dass es einer Vielfalt von kleinen und großen Änderungen bedarf, um die Gesamtsituation nachhaltig zu verändern.

In welcher Umgebung wollen wir arbeiten?

Es gibt auch Fragen bezüglich unserer klinischen Umgebungen: Wie konzipieren und rechtfertigen wir den Zugang zu frischer Luft und natürlichem Tageslicht in unseren Praxen oder den Mangel daran, sowohl für unsere Patienten als auch für Therapeuten? Warum die meist sterile Abtrennung unserer klinischen Arbeitsumfelder von natürlichen Ökosystemen? Diese Fragen hängen wiederum mit noch fundamentaleren Aspekten zusammen, die es in der Physiotherapie dringend zu erforschen gilt: Wie ist beispielsweise der speziell für die Physiotherapie relevante Zusammenhang zwischen Gesundheit und Umwelt zu verstehen? Welche Beziehung besteht zwischen Körper, Funktion, Bewegung und Umwelt? 

Internationales Netzwerk

Dies ist nur eine erste Skizze der möglichen Richtungen, durch die sich erforschen ließe, wie die Physiotherapie den neuen Herausforderungen unserer Zeit gegenübertreten kann. 

Eines unserer zentralen Argumente ist, dass sich dabei zusätzlich das gänzlich neue, aber dringend notwendige Forschungs- und Praxisfeld der ökologischen Physiotherapie (environmental physiotherapy) eröffnet (18, 19). 

Wir sind überzeugt, dass sich hier bedeutungsvolle Möglichkeiten auftun werden, und sind gespannt, wie sich die ökologische Physiotherapie in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Im August 2019 wurde zu diesem Zweck auch die Environmental Physiotherapy Association gegründet – das erste internationale Netzwerk im Bereich der ökologischen Physiotherapie (siehe Kasten). Wir hoffen, dass auch die deutschen Physiotherapeuten zu diesem zukunftsträchtigen Projekt einen erheblichen Beitrag leisten werden. 

Literatur

1. The Intergovernmental Panel on Climate Change. 2018. Summary forPolicymakers. Geneva: IPCC.

2. Mikanowski J. 2017. A different dimensionofloss:insidethegreatinsectdieoff. www.theguardian.com/environment/2017/dec/14/a-different-dimension-of-loss-great-insect-die-off-sixth-extinction. Zugriff am 10.4.2019

3. Starr C. 2016. WeeklyAnimation ofArcticSeaIceAge with Graph of Ice Age By Area: 1984 – 2016. svs.gsfc.nasa.gov/4510. Zugriff am 5.4.2019

4. World Wildlife Fund. 2018. Living Planet Report – 2018: Aiming Higher. Gland: WWF 

5. Hawken P. 2017. Drawdown. The Most Comprehensive Plan Ever Proposed to Reverse Global Warming. New York: Penguin Books 

6. UN Environment Program. 2018. The Emissions Gap Report 2018. Nairobi: UNEP

7. Eckelman MJ, Sherman J. 2016. Environmental Impacts of the US Health Care System and Effects on public Helath. PLoS ONE 11:e0157014

8. Lancet. 2017. Welcome to The Lancet Planetary Health. Lancet Planet. Health1:e1

9. Nicholls D. 2017. The End of Physiotherapy. London: Routledge

10. Walpole S, Barna S, Richardson J, Rother H. 2019. Sustainable healthcare education: integrating planetary health into clinical education. Lancet Planet. Health 3, 1:e6

11. Carpenter M. 2013. From „healthful exercise“ to „nature on presription“: the politics of urban green spaces and walking for health. Landscape Urban Plan. 118:120–7 

12. Carell S. 2018. Scottish GPs to begin prescribing rambling and birdwatching. www.theguardian.com/uk-news/2018/oct/05/scottish-gps-nhs-begin-prescribing-rambling-birdwatching. Zugriff am 8.4.2019

13. Jordan M, Hinds J. 2016. Ecotherapy: Theory, Research and Practice. Basingstoke: Palgrave

14. Møller M. 2018. Health Care Professionalism without Doctors: Spatial Surroundings and Counter-Identification in Local Health Houses. Qual. Stud. 5:72–94

15. Reinhardt JD, Miller J, Stucki G, Sykes C, Gray DB. 2011. Measuring impact of environmental factors and disability: a review of various scientific approaches. Disabil. Rehabil. 33:2151–65

16. Coen S, Mitchell C, Tillmann S, Gilliland J. 2018. „I like the outernet Stuff: girls perspectives on physical activity and their environments. Qual. Res. Sport Exerc. Health. Dec 31. [Epub ahead of print]

17. Sudmann TT. 2018. Equine-facilitated physiotherapy – devised encounters with daring and compassion. In Manipulating practice: A critical physiotherapy reader, ed. DA Nicholls, BE Gibson, KS Groven, J Setchell. Oslo: Cappelen Damm Akademisk

18. Maric F. 2018. Global warming and the etymological responsibility of Physiotherapy. www.motionandstillness.net/global-warming-and-the-etymological-responsibility-of-physiotherapy/. Zugriff am 12.12.2018

19. Maric F, Nicholls D. 2019. A call for a new environmental physiotherapy. Physiother. Theory Pract. 35, 10:905–7

Mitmachen

Interessierte können sich auf www.environmentalphysio.com registrieren oder sich direkt an Dr. Filip Maric wenden: info@environmentalphysio.com.

Danksagung

Der Autor bedankt sich bei David Nicholls (Mitbegründer der EPA) für die Zusammenarbeit an diesem Projekt.