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pt Mai 2022

Salbe für Beine und Seele

Einsatz für den Senior Experten Service im Togo

Die Therapeutin Beate Laupitz stockt, kämpft mit den Tränen: "Das geht mir immer noch nahe." Fast entschuldigend berichtet sie von ihren zahlreichen Begegnungen mit afrikanischen Kindern "Sie brauchen wirklich so wenig, um glücklich zu sein. Aufmerksamkeit schenken, vorlesen, in den Arm nehmen." Einige Male hat sie in Kinderheimen gearbeitet, etwa in Lomé, der Hauptstadt von Togo.

Ein Beitrag von Thomas Geisen
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Beate Laupiz

Auch in Agbodrafo ist die Unterstützung von Beate Laupitz gefragt, aber es geht dann doch schon etwas robuster zu. Agbodrafo ist eine kleine togolesische Küstenstadt, rund 30 Kilometer östlich von Lomé, am Lake Togo und am Atlantik gelegen. Bis nach Benin sind es 17 Kilometer. Nachdem sie zunächst vorrangig privat unterwegs gewesen war, absolvierte sie zwischen 2018 und 2021 drei Einsätze für den Senior Experten Service (SES). Der SES, Deutschlands größte Entsendeorganisation von ehrenamtlichen Fach- und Führungskräften im Ruhestand, vermittelte die Kölnerin für therapeutische Kurzeinsätze in der Liberty Sports Academy in Agbodrafo. Die Academy ist weiterführende und Fußballschule in einem. Auf der anderen Seite des Lake Togo liegt zudem ein Waisenhaus, aus dem ein Großteil der jungen Sportler kommt. In der Academy trainieren jedoch auch Spieler, die sich auf die Landesmeisterschaft vorbereiten und gleichzeitig eine gute sporttherapeutische Behandlung genießen wollen.

Die Aufgabe für Beate Laupitz beinhaltete die Aus- und Weiterbildung des Personals im Bereich Sportphysiotherapie. Durch Vermittlung von theoretischem Wissen und praktischer Anleitung sollten die Beteiligten befähigt werden, Kompetenzen zur Verletzungsprävention und Wiederherstellung optimaler physischer Funktionen im Rehabilitationsbereich zu erlangen. Ziele dabei sind die Verbesserung der physischen Gesundheit und eine Leistungsoptimierung. Also Alltagsgeschäft in der Sport- und Physiotherapie. Gerade für die Sportler beziehungsweise ihre Betreuer waren manuelle Untersuchungsmethoden unter Anwendung standardisierter Diagnostiktests sowie individuelle Aufbauübungen im jeweiligen Behandlungsstadium wichtig. Beate Laupitz zeigte, wie man Salben anwendet und funktionelle Verbände sowie Kinesiotapes anbringt. Präventionsprogramme sollten den Sportlern die Bedeutung von Aufwärm- und Dehnungsübungen aufzeigen.

Keine Wunder, aber professionelle Therapie

Bei allem guten Willen und therapeutischen Fähigkeiten – Wunder konnte die Kölnerin nicht vollbringen. „Entgegen meiner Annahme gab es keinen Physiotherapeuten vor Ort, was die Bedingungen für die Anleitung praktischer Behandlungsrichtlinien und -Maßnahmen erschwerte“, berichtet sie von ihrem ersten Einsatz. Diese Schwierigkeiten betrafen allerdings nicht nur die Anleitung und den Unterricht, sondern auch die konkrete Therapie von Sportlern: „Viele der Schüler hatten Verletzungen, die sie sich teilweise vor längerer Zeit zugezogen hatten – ohne angemessene Behandlung“, so Laupitz. Die Folge: Fragwürdige bis unzutreffende Diagnosen, schlimmstenfalls und meistens allerdings überhaupt keine. Schmerztabletten waren dort fast die Standardtherapie, denn ohne die Medikamente kamen die Schmerzen meist schnell zurück. „Mit wenigen Tests konnte ich zum Beispiel bei einem Spieler, der stets mit Pillen behandelt wurde, feststellen, dass der junge Mann eine Achillessehnenproblematik hatte.“ Neben der akutphysiotherapeutischen Behandlung führte die Therapeutin vor Ort Übungen zur Prävention und Rehabilitation mit dem entsprechenden gezielten Training durch, je nach Verletzung und individuellen anatomischen Gegebenheiten (Abb. 1).

Abb. 1 Physiotherapeutin Beate Laupitz im Einsatz Beate Laupitz

Es gab aber auch betreuungstechnische Lücken. Bei den Diagnosen und Behandlungen waren nicht immer alle Trainer anwesend, die die Methoden erlernen und später hätten anwenden können. Je häufiger die Kölnerin jedoch vor Ort war, desto strukturierter gelang die Arbeit, desto nachhaltiger zeigten die Erklärungen der Therapeutin aus Deutschland Wirkung.

Weltdienst 30+

Was den Einsatz von Beate Laupitz angeht, ist sie keine „typische“ SES-Expertin. In seinen Ursprüngen bestand das Brotgeschäft des SES darin, engagierte Fachleute im Ruhestand in Auslandseinsätze zu entsenden. Aber seit mehreren Jahren besteht über den SES auch die Möglichkeit, dass Interessierte, die noch voll im Berufsleben stehen, sich für einen Einsatz eine Auszeit nehmen. Dafür nehmen sie Urlaub, Sonderurlaub oder Bildungsurlaub (das Programm heißt „Weltdienst 30+“). Auf diese Sparte stieß Beate Laupitz, Jahrgang 1962, bei ihrer Internetrecherche, wo sie von der Academy in Togo und deren Bedürfnissen erfuhr. Nach einem unkomplizierten Bewerbungsverfahren reiste die Frau, die zunächst eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht hatte und sich dann in zahlreichen Kursen physiotherapeutisch weiterentwickelte, nach Togo. Der Manager der Liberty Sports Academy, Tschakale Tschanile, war so begeistert, dass er ihr schon nach ihrem ersten Aufenthalt eine feste Stelle anbot.

Selbstbewusstsein und Empathie

Es wäre nicht völlig unvorstellbar gewesen, wenn die dreifache Mutter zugesagt hätte: „Ich habe schon so ein bisschen ein Helfersyndrom“, witzelt sie über sich selbst. Eine gesunde Mischung aus Selbstbewusstsein und Empathie spricht aus ihrer Selbstbeschreibung: Sie habe viel Potenzial, die Menschen in sozialen Kontexten zu sehen, die Arbeit mit Menschen mache ihr Spaß, sie sei belastbar – und glücklich. „Aus der Arbeit schöpfe ich die Kraft. Andere wandern im Urlaub, ich schreibe Trainingspläne.“

Den großen Schritt, ganz nach Togo zu gehen, hat sie noch nicht umgesetzt, obwohl ihr große Richtungsänderungen im Leben durchaus bekannt sind. Beate Laupitz ist in der DDR aufgewachsen, durfte nicht studieren, weil sowohl sie als auch ihre Eltern gegen das Regime kämpften. Erschwerend kam hinzu, dass sie einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Ihre Freiheit hat sie zum Teil wohl auch Franz Josef Strauß zu verdanken: Als durch Vermittlung des bayerischen Ministerpräsidenten im Sommer 1983 ein Milliardenkredit an die DDR gezahlt wurde, konnte die Unbeugsame als humanitäre Gegenleistung ein Jahr darauf in den Westen ausreisen.

Seit 1985 lebt sie in Köln, ließ sich im Jahr 2000 zur Ergotherapeutin umschulen. Was in der DDR nicht möglich war, holt sie nach: Reisen – nach Äthiopien, Ghana, Benin, Togo. In Togo hatte sie schon 2014 in einem Kinderheim gearbeitet. „Ich fühle mich in Togo sehr wohl, ein Stück zu Hause, mit großer Herzlichkeit und Solidarität, ohne diese Reizüberflutung, bescheiden. Weniger ist mehr.“ 2018 schließlich war sie das erste Mal in dem Waisenhaus und in der Fußballschule in Agbodrafo. Zur sportphysiotherapeutischen Vorbereitung war sie neben Prüfungen und Kursen auch in der Jugendabteilung von Fortuna Köln und bei der Ersten Herrenmannschaft von Worringen tätig.

Einsätze bringen Erfahrungen und Erlebnisse

Und die Einsätze in Togo bringen Erfahrungen, Erlebnisse, von denen Beate Laupitz immer noch zehrt. Salbe auf ihre Seele: „Wir, die Familie und die Jungs freuen uns so auf dich“, sagt Manager Tschanile bei der Ankunft. Abschiedsrituale am Strand: Die in sehr unterschiedlichen Konfessionen beheimateten Jugendlichen beten, jeder auf seine Art: „Auf dass Gott dich segne und dir eine gute Heimreise gebe.“ Und Beate Laupitz erinnert sich an zwei Jungs, die vor dem Behandlungsraum vier Stunden warteten – um sich dann, als sie dran waren, nur für die wirksame therapeutische Hilfe von ihr zu bedanken.

Was ist der Senior Experten Service?

Der Senior Experten Service (SES) ist die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit. Seit 1983 fördert der SES die ehrenamtliche Weitergabe von Wissen und Erfahrung – in allen Branchen und Sektoren. Mit etwa 60.000 ehrenamtlichen Einsätzen in 160 Ländern ist der SES eine der bedeutendsten Organisationen ihrer Art. Träger des SES sind der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH).

Derzeit sind beim SES rund 12.000 Expertinnen und Experten registriert. Sie bringen das Fachwissen aus 50 Wirtschaftszweigen mit. Der Altersdurchschnitt liegt bei 70 Jahren, der Frauenanteil bei 23 Prozent. Mit dem Weltdienst 30+ fördert der SES das ehrenamtliche Engagement der mittleren Generation und ermöglicht es Berufstätigen, ihr professionelles Wissen in Entwicklungs- und Schwellenländern weiterzugeben. Finanzielle Unterstützung erhält der SES von der öffentlichen und der privaten Hand: vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und von vielen unternehmensnahen Stiftungen.

Mehr Informationen finden Interessierte hier: www.ses-bonn.de

Wie läuft ein Einsatz ab?

Das Prinzip der ehrenamtlichen SES-Einsätze ist, dass den Experten durch den Einsatz direkt keine Kosten entstehen. Reise, Unterbringung, Visum et cetera sind abgedeckt. Der SES vereinbart mit den Partnern auch die Abholung vom Flughafen am Zielort. Der SES-Projektleiter oder der lokale SES-Repräsentant sind zusätzliche Ansprechpartner, wenn nötig. Der SES schließt mit den Experten eine Beauftragung ab und mit dem Auftraggeber (der Partner am Einsatzort, der die Anfrage geschickt hat) eine Einsatzvereinbarung, sodass ein Dreiecksverhältnis entsteht, das dem Schutz der Helfer dient, die keine direkte vertragliche Bindung mit den Projektpartnern haben. Sie sind dort als Ratgeber, aber nicht weisungsbefugt. Umgekehrt stehen die Experten auch nicht innerhalb der betrieblichen Hierarchie des Auftraggebers, dieser ist also ebenfalls nicht weisungsbefugt.

Innerhalb der SES-Zentrale haben die Experten zunächst die Fachbereichsleiter als Ansprechpartner. Sie stimmen das Profil ab, das dann dem Partner zugeht. Von diesem Moment an sind die SES-Projektleiter die direkten Ansprechpartner für die Vorbereitung und Abwicklung der Reise. Die Experten lernen die beteiligten Personen persönlich kennen, wenn sie vor dem ersten Einsatz nach Bonn zu einem zweitägigen Vorbereitungsseminar kommen. Der SES versichert die Experten für die Dauer des Einsatzes. Wichtig ist, dass die Experten krankenversichert sind.

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pt Mai 2022

Erschienen am 10. Mai 2022