Physiotherapeutenhände werden täglich strapaziert. Die Erkrankung der eigenen Hände ist für viele Therapeuten ein Tabuthema, das mit Angst besetzt ist. Was tun, wenn das Daumensattelgelenk streikt? Eine Kollegin erzählt ihre ungewöhnliche Geschichte: Wie sie als Physiotherapeutin Erfinderin wurde und welche Rolle Sextoys dabei spielten. Ja, richtig gelesen. Sie lesen immer noch die pt …

Kerstin Klink

Kerstin Klink schloss im Juli 1997 ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin ab. Anschließend hospitierte sie drei Monate bei Klaus Eder. Sie ließ sich von Didi van Paridon und Omer Matthijs zur Manualtherapeutin ausbilden. Im Sommer 2003 eröffnete sie ihre Physiotherapiepraxis, 2010 kam eine Zweitpraxis dazu, mittlerweile hat sie 20 Mitarbeiter. Bis hierhin ein fast normales Physiotherapeutenleben … dann schmerzten die Hände.

Hallo Frau Klink, wie geht es Ihren Händen heute?

Deutlich besser also noch vor zwei Jahren. Während der Arbeit in der Praxis habe ich zum Glück keine Schmerzen mehr.

Es gibt zu Ihrer Handgesundheit eine lange Geschichte. Können Sie uns davon erzählen?

Mit Mitte 30 bekam ich erstmals Schmerzen im linken Daumensattelgelenk. Zu diesem Zeitpunkt blickte ich auf zehn Jahre Selbstständigkeit zurück und war gezwungen, mir über meine berufliche Zukunft Gedanken zu machen. Die Hände eines Physiotherapeuten sind schließlich unser wertvollstes Kapital, recht viel mehr brauchen wir zum Überleben eigentlich nicht.

Wenn aber dieses kostbare „Werkzeug“ droht, unbrauchbar zu werden, machen sich Existenzängste breit. Damals war es mir nicht mehr möglich, mit dem Schlüssel meine Haustür zu öffnen oder einen vollen Teller mit einer Hand zu transportieren. Offen darüber sprechen mochte ich nicht, denn Patienten könnten sofort die Behandlungsqualität gefährdet sehen.

Auf der Suche nach einer Lösung bestellte ich alle möglichen Hilfsprodukte, die auf dem Markt angeboten wurden. Ich probierte wirklich alles aus. Dabei stellte ich fest, dass die meisten Hilfen aktiv festgehalten werden mussten, was in meinem akuten Schmerzzustand gar nicht möglich war.

Sie sind dann Erfinderin und Unternehmerin geworden. Wie kam es dazu?

Der nächste Schritt war für mich nur logisch: Ich musste selbst eine effiziente Hilfe entwickeln. Die Ansprüche an das Produkt waren eindeutig definiert: Es musste nicht nur eine Entlastung der Therapeutenhände bieten, es sollte sich auch noch gut in der Hand anfühlen und die Sensitivität während der Behandlung nicht beeinträchtigen. 

Außerdem sollte der Patient möglichst keinen Unterschied zur „normalen“ manuellen Behandlung spüren. Das Produkt sollte natürlich auch desinfizierbar sein und möglichst in die Hosentasche des Therapeuten passen.

Wie ging es weiter?

Erste Experimente führte ich gemeinsam mit meinem zwölfköpfigen Therapeutenteam durch, um die Form des helfenden Tools zu entwickeln. In meiner Küche goss ich damals mit Silikonkautschuk erste Prototypen, die wir bis zur Perfektion weiterentwickelten. Da sich dieses Material langfristig nicht für die Praxis eignet, recherchierte ich weiter. Meine Wahl fiel auf medizinisches Silikon, welches allerdings nur in großen Mengen erhältlich war. Ich brauchte also einen Partner, der mir Prototypen aus Silikon anfertigen konnte und mit mir den Weg der Entwicklung weiterging. Nach vielen Irrwegen hatte ich ihn gefunden: einen Hersteller für Sextoys. Mit ihm zusammen wurde die Härte des Materials ausgeklügelt, bis wir das optimale Endprodukt vor uns hatten. Das war die Geburtsstunde unseres Tools 1.

Auch meine Kollegen benutzten es regelmäßig und brachten mich auf die Idee, das Produkt auf den Markt zu bringen. Also ging der Prozess weiter. Eine Stahlform musste angeschafft werden, um größere Stückzahlen produzieren zu können und ein Großhändler sollte gefunden werden. Heute ist unser Produkt auf dem Markt und erfreut sich großer Beliebtheit.

Dieser Prozess war für mich als Therapeutin völliges Neuland. Normalerweise kommen Patienten in meine Praxis und brauchen etwas von mir. Diese geschützte Zone zu verlassen, Produktionen abzuklappern und Vertragsverhandlungen zu führen, stellten zunächst eine echte Herausforderung für mich dar. Allerdings wachsen wir bekanntlich mit unseren Aufgaben und heute macht es mir Spaß, mich mit Themen wie z. B. Marketing zu befassen.

Warum achten Physiotherapeuten so wenig auf Ihre Hände?

In medizinischen Berufen wie der Physiotherapie steht immer der Patient im Vordergrund. Fortbildungen, die zu einer qualitativ höheren Behandlung beitragen sollen, werden von Kollegen fleißig besucht, ohne einen wirklichen wirtschaftlichen Vorteil davon zu haben. Wir möchten einfach gerne helfen und das ist natürlich bis zu einem gewissen Grad verständlich und in Ordnung.

Wenn allerdings die eigene Gesundheit darunter leidet, kann diese Qualität irgendwann nicht mehr geleistet werden. Das wird häufig vergessen. Meiner Erfahrung nach fällt das Fachgebiet „Hände“ eher in den Bereich der Ergotherapeuten. Über das Handgewölbe, dessen Stabilitätsfaktoren und darüber, wie Fingergelenke aktiv in der Physiotherapie geschützt werden können, habe ich mich erst informiert, als ich schon Schmerzen hatte.

Wie können wir das mittel- und langfristig ändern?

Ich halte kostenlose Vorträge zu diesem Thema an Physiotherapieschulen. Das Feedback von Schülern und Dozenten ist durchweg positiv und daher glaube ich, dass wenigstens an diesen Schulen mehr Wert auf eine gelenkschonende Behandlung gelegt wird. Auch Praxisinhaber sollten sich zu diesem Thema informieren und interne Fortbildungen dazu abhalten. Die Erhaltung der Arbeitskraft von Angestellten müsste im Sinne eines jeden Unternehmers sein. Außerdem sollte die Rhizarthrose als Berufskrankheit bei Physiotherapeuten anerkannt werden. 

Weil es so nah liegt: Be-Handlung, was fällt Ihnen dazu ein?

Wir befinden uns in einer Zeit, in der scheinbar so gut wie jede Arbeit von Maschinen übernommen werden kann. Auf Gesundheitsmessen gibt es Erstaunliches zu sehen. Von Faszienrollen über Rüttelplatten bis hin zu Shiatsumatten. Das Angebot ist schier endlos. Be-Hand-lung jedoch kann viel mehr. Wenn Therapeutenhände einen Patienten berühren, setzt das immer Vertrauen und Offenheit voraus. Behandlung ist immer interaktiv. Therapeutenhände spüren Spannung, passen sich dem momentanen Zustand an, sind fähig, dynamisch zu modifizieren. Das Gewebe reagiert wiederum auf die Behandlung. Es ist ein Prozess, der weit über reine Mechanik hinausgeht. 

Es wird zur Zeit ja viel diskutiert über Hands-on und Hands-off. Wie ist Ihre persönliche Meinung dazu?

Meiner Meinung nach muss das von Fall zu Fall entschieden werden. Eine einheitliche „richtige“ Lösung gibt es hier nicht. Erfahrungsgemäß ist es meistens eine Mischung mit unterschiedlicher Gewichtung. Wir Physiotherapeuten haben die fachliche Kompetenz, das zu entscheiden. Das ist die eine Sache. Die andere ist die entsprechende Rezeptierung. Braucht der Patient erst eine Mobilisation, bevor er beübt wird, oder umgekehrt, so wird das mit dem Arzt offen besprochen. Automatisch die qualitativ höherwertige Therapie anzuwenden, ohne diese bezahlt zu bekommen, würde uns Wertschätzung nicht nur im monetären Bereich kosten. Unsere Arbeit ist so wertvoll, weil wir den Menschen in seiner Funktion sehen und therapieren. Welche Berufssparte kann das schon von sich behaupten? Physiotherapeuten verbessern Lebensqualität und müssen folglich auch entsprechend gehört und honoriert werden. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Anmerkung

1 Es handelt sich um den „Klimmi“.