Therapie
pt Juli 2021

suMus – eine virtuelle Physiotherapie-Plattform für Betroffene mit Muskelerkrankungen

"Die Dosis macht das Gift" (abgewandelt nach Paracelsus 1493-1541). Dies trifft sehr gut für die körperliche Aktivität von Betroffenen mit neuromuskulären Erkrankungen zu. Ohne körperliche Aktivität wird der Muskelschwund beschleunigt, aber zuviel Bewegung schädigt die ohnehin kranke Muskulatur noch weiter. Eine ausgewogene physiotherapeutische Begleitung ist daher für diese Patientengruppe ein grundlegender Bestandteil der Behandlung. Die COVID-Pandemie hat den Zugang zur Therapie weiter erschwert.

Ein Beitrag von Teresa Gerhalter
Lesezeit: ca. 4 Minuten
brownfalcon/Shutterstock

Wir an der Charité haben gemeinsam mit einem Therapieteam und Betroffenen eine digitale Physiotherapie- Plattform entwickelt:

  • suMus heißt SUmme der MUSkelaktivität
  • suMus heißt „wir sind“ – Verbundenheit durch die digitale Plattform.
  • suMus möchte Muskelaktivität kontinuierlich messen
  • suMus ist flexibel und völlig ortsunabhängig
  • suMus hilft bei täglichen Übungen
  • suMus macht Spaß

Das Projekt und die Plattform verfolgen dabei keine kommerziellen Interessen.

Keine kausale Therapie

Auf der ganzen Welt hat die COVID-19-Pandemie das Gesundheitssystem dramatisch beeinflusst. Neben der ärztlichen Versorgung ist auch die Physiotherapie stark betroffen; die Pandemie stellt große Herausforderungen an die Art und Weise, wie Physiotherapeuten die medizinische Behandlung sicher gewährleisten können.

Bei der Betreuung von Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen ist spezielle Vorsicht geboten, da sie besonders anfällig für Infektionen und einem erhöhten Risiko für schwere COVID-19 Verläufe ausgesetzt sein können (1). Durch die weitreichenden Einschränkungen sowie erhöhte Vorsichtsmaßnahmen erhielten daher viele Betroffene mit Muskelerkrankungen keine adäquate physiotherapeutische Behandlung (2) – dies war schon vor der Pandemie schwierig.

Generell gibt es über 40 schwer verlaufende neuromuskulären Erkrankungen mit unterschiedlichsten genetischen Ursachen, zum Beispiel Muskeldystrophie des Typs Duchenne, spinale Muskelatrophie und myotone Dystrophien. Klinisch zeigen alle Betroffenen eine fortschreitende Abnahme der Muskelkraft durch Muskelschwund. Abhängig vom Schweregrad müssen die Betroffenen früher oder später einen Rollstuhl benutzen und atemunterstützende Maßnahmen ergreifen.

Bis heute gibt es für keine dieser genetischen Muskelkrankheiten eine effektive kausale, korrigierende Therapie. Betroffene werden symptomatisch mit Physiotherapie behandelt. Ein kompetentes und individuelles Behandlungsprogramm kann den Krankheitsverlauf der Betroffenen positiv beeinflussen. Das immens breite Spektrum des Krankheitsbildes und Verlaufes erfordert jedoch eine speziell abgestimmte Betreuung durch gut ausgebildetes Therapiepersonal. Dabei könnte die Teletherapie einen wichtige Rolle spielen, um die Menschen auch außerhalb der Praxisbesuche zu betreuen (3).

Digitale Physiotherapie-Plattform für Muskelerkrankungen

Unser Team an der Hochschulambulanz für Muskelerkrankungen an der Charité arbeitet an einer digitalen Physiotherapie-Plattform, welche die Betreuung der Betroffenen zu Hause erleichtern und ergänzen soll. Der Name dieser Plattform, suMus, steht dabei für die Summe der Muskelaktivität. Die digitale suMus Übungsvideoplattform ermöglicht ein auf den Patienten zugeschnittenes Training und soll in Zukunft auch mit unterschiedlichen Sensoren, welche die Muskelaktivität der Betroffenen kontinuierlich messen, kombiniert werden.

Hier können sich die Therapeutinnen und Therapeuten bereits kostenlos anmelden, um für die Betroffenen individuelle, wöchentliche Übungspläne zusammenzustellen. Die Video-Plattform enthält unterschiedliche Übungen für untere, obere Extremitäten sowie Rumpf und Atemtherapie, die speziell für diese Patientengruppe zusammengestellt und angepasst wurden. Das Trainingsprogramm wird dann in der häuslichen Umgebung und somit komplett ortsunabhängig absolviert und die Betroffenen können nach jeder Übung den Schweregrad, Schmerz und Spaß bewerten.

Zusätzlich können alle an der Therapie beteiligte Personen über Kommentarfelder miteinander kommunizieren. Die Therapeuten können dadurch die Rückmeldung zu den einzelnen Übungen einsehen und den Übungsplan dementsprechend anpassen. Die direkte Feedbackfunktion fördert auch das Eigenmanagement und die Motivation der Betroffenen. suMus ermöglicht und ergänzt dadurch eine unkomplizierte, individuelle Behandlung der Betroffenen auch außerhalb der Praxis.

Die ersten Schritte in der Orientierungsphase

Unser suMus Projekt befindet sich dabei noch in der Orientierungs- beziehungsweise Aufbauphase. Zurzeit holen wir gezielt Rückmeldungen von Therapieteams und Betroffenen ein, um suMus ständig weiterzuentwickeln und auf die Bedürfnisse in Bezug auf die Anwendung abzustimmen. Seit April 2021 haben sich mehr als 30 Therapeutinnen und Therapeuten aus den unterschiedlichsten Bundesländern und dem Ausland auf der suMus Plattform registriert, um die Betroffenen mit wöchentlichen Übungsplänen zu versorgen. Die Rückmeldung war bisher sehr positiv und alle befragten Therapeuten würden den Einsatz von suMus weiterempfehlen.

Dabei können alle Therapiefachkräfte, welche Betroffene mit einer neuromuskulären Erkrankung behandeln, in der Orientierungsphase mitmachen. Auf unserer Webseite gibt es diesbezüglich weitere Informationen zur Teilnahme. Zusätzlich arbeiten wir gerade an der ersten App für eine Smart Watch, welche die Bewegungen misst, um die Muskelaktivität zu ermitteln. Diese Messungen werden in den kommenden Monaten an der Charité in klinischen Studien validiert.

Gemeinsam mit den Übungsplänen und den Muskelaktivitätsmessungen soll damit der Krankheitsverlauf von Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen positiv beeinflusst werden, indem das individuelle Mittelmaß an Muskelbetätigung ermittelt wird.

Ausblick

Die Veränderungen in der Physiotherapie, welche während der COVID-19-Pandemie entstanden sind, bieten auch eine Chance, über die Zukunft der Physiotherapiedienste nachzudenken und neue Konzepte zu entwickeln. Dabei sollen die Ansichten und Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden. Die Entwicklung von sensitiven Sensoren, integriert mit flexibler und bedarfsgerechter Teletherapie, bietet die Möglichkeit einer praktischen, zugänglichen und patientenzentrierten Physiotherapie für Menschen mit Muskelerkrankungen.

Physiotherapie mit suMus

  • Einfacher Zugriff auf Übungsvideos, welche speziell für Muskelerkrankte zusammengestellt wurden
  • Regelmäßiges Aufzeichnen von Compliance und Feedback der Betroffenen
  • Enge Begleitung Betroffener und verstärkte Patientenmotivation
  • Teilnahme an innovativem medizinischem Fortschritt
  • Zukünftige Muskelaktivitätsmessung mit Sensoren

Literatur

  1. De Giorgio MR, et al. 2020. The impact of SARS-CoV-2 on skeletal muscles. ACTA Myol. 39, 4: 307-312
  2. Turolla A, et al. 2020. Musculoskeletal physical therapy during the COVID-19 pandemic: Is telerehabilitation the answer? Phys. Ther. 100: 1260-1264
  3. Aderonmu JA. 2020. Emerging challenges in meeting physiotherapy needs during COVID-19 through telerehabilitation. Bull. Fac. Phys. Ther. 25: 16

Dr. rer. nat. Teresa Gerhalter

Teresa Gerhalter

Sie absolvierte ihr Medizintechnikstudium an der Technischen Universität Graz und promovierte 2018 interdisziplinär im Bereich der neuromuskulären Erkrankungen und MRT an der Universität Paris Sud. Seit 2020 ist Teresa Gerhalter an der Charité, Berlin, in den Bereichen neuromuskuläre Erkrankungen und Physiotherapie tätig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Entwicklung von Messgrößen für klinische Studien und Patientenmonitoring.

Kontakt: teresa.gerhalter@charite.de

pt Online 27.07.2021

Dieser Artikel ist erschienen in

pt Juli 2021

Erschienen am 08. Juli 2021