Ich bewahre Gewohnheiten, wenn sie gut sind. Ich nenne das traditionsbewusst, meine Frau unflexibel. Ich gehe beispielsweise in meinem alten Stadtteil, in dem ich lange gewohnt und als Physiotherapeut gearbeitet habe, immer noch einkaufen. Und zum Friseur. Und zum Arzt. Und ich sitze dort auch gerne im Café und betreibe (Ex-)Patienten-Watching und „-Talking”. Der Mensch ist schließlich ein geselliges Wesen.

Fast 20 Jahre lang habe ich hier, nun ja, fast jeden einmal oder auch regelmäßig behandelt. Danach weiß man viel, ob man will oder nicht. Fällt natürlich alles unter die Schweigepflicht. Aber seien wir mal ehrlich: Welche Berufsgruppe erfährt so viel über die Menschen, mit denen sie arbeitet? Nicht viele – ein paar Mediziner, Lehrer, Friseure vielleicht. Wir Physiotherapeuten sind Nähe-Profis. Dafür muss man geschaffen sein. Eloquent während der Gelenkmobilisation noch über die Bundesligaergebnisse parlieren, offen bleiben, wenn jemand über Kummer berichtet. Beraten, wenn Beratung gefragt ist. Schweigen, wenn Schweigen nötig ist.