Es gibt einen Konsens unter reflektierenden Menschen, der besagt, dass man den Verdienst und das Werk eines Mannes oder einer Frau immer aus dem Blickwinkel der Zeit betrachten muss, in der er oder sie gelebt hat. Auch wenn es aus der Gegenwart manchmal wünschenswert erscheint, man könnte in die Vergangenheit eingreifen, so ist und bleibt sie doch vergangen. Es ist also mühsam, sich darüber Gedanken zu machen, wie sich der Lauf der Welt verändert hätte, wenn sich Galileo Galilei mit Stephen Hawking hätte austauschen können oder überhaupt, sich alle klugen Köpfe aller Zeiten über alle Zeiten hinweg hätten kennenlernen können.

Die Vorzüge von Social Media berühren fast diese Grenzen- und Zeitlosigkeit. Ich kann ein Posting toll finden, das gerade jemand am anderen Ende der Welt absetzt. Ich kann mich in Foren mit Kollegen austauschen oder per Webcam sehen, wie das Wetter gerade in Buxtehude oder Malmö ist. Das sind eindeutige Vorteile unserer Zeit!

Leider haben die meisten Vorteile auch Nachteile. Ratzfatz rutschen dem ein oder anderen Kommentare zwischen den Fingern hindurch, die manchmal nicht ganz so nett sind. Man stelle sich vor, ein Physiotherapeut bekommt das Bundesverdienstkreuz. Nicht, dass ich mir etwas aus Orden mache. Aber so ein Bundesverdienstkreuz steht für etwas. Da hat sich jemand um etwas verdient gemacht. Eine Entwicklung, unser Land oder besondere sportliche Leistungen erbracht.

Wenn Menschen sich ein Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft anschauten, konnten sie jahrelang den Klaus Eder flitzen sehen. Und fast jeder wusste: Aha, das ist der Physiotherapeut. Der muss wohl gut sein, sonst würde ihn der Trainer vermutlich nicht an die Knie seiner Spieler lassen. Ist das nicht gut? Führt Prominenz nicht zu einer Wertschätzung der ganzen Profession? Er hat es schließlich gut gemacht. Oder hat schon mal jemand gehört, dass ein Spieler aufhören musste, weil Klaus Eder ihn nicht gut behandelte?

Natürlich ist Klaus Eder auch ein Kind seiner Zeit. Und natürlich verändert sich Physiotherapie gerade rasant. Aber mal ehrlich Leute, was wir da an Kommentaren auf unserer Facebookseite gefunden haben: Bestimmte Dinge gehören sich einfach nicht! Das hat etwas mit Anstand zu tun. Und das haben alle Menschen durch alle Zeiten hindurch (fast) immer gewusst und meine Oma hat es mir gerade nochmal bestätigt: Man darf und soll über Inhalte diskutieren, aber die Lebensleistung eines verdienten Kollegen sollte jeder Physiotherapeut wertschätzen. Und dabei vielleicht auch im Hinterkopf haben: Über unsere heute hochgeschätzten Erkenntnisse werden Kollegen in 50 Jahren vermutlich lächeln und sagen: Sie haben es halt nicht besser gewusst. 

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