Es gibt Themen, von denen möchte man nichts mehr hören. Corona ist so ein Thema. Für uns Physiotherapeuten gibt es noch viele weitere Themengebiete, die gerne mal von Patienten angeschnitten werden, wenn die Behandlungszeit es zulässt: Die Frage nach der besten Matratze, dem richtigen Schuhwerk oder dem Nutzen von geerbten Bandagen, Stützmiedern oder geliehenen Gehstöcken. Beliebt ist mittlerweile auch die kurative Wirkung von allem, was vegan ist.

Kommt man im Gespräch auf die äußerst positive Wirkung von Bewegung, wird gerne zurückgefragt: „Machen Sie das denn alles?“

Ja, wir Physiotherapeuten bewegen uns in der Regel gern und viel. Und in den letzten Monaten sind noch einige Moves dazugekommen. Wenn ich abends auf meine Schrittzähler-App schaue, bin ich über die ständig steigernde Zahl von Schritten erstaunt. Die Kurve ist fast exponentiell. Aber das ist ja auch kein Wunder. Man geht nicht mehr den geraden Weg von A nach B. Auf dem Trottoir schlägt man Haken um Mitmenschen. Hüpft vom Gehsteig auf die Straße, formt Halbkreise während des Laufens oder ändert spontan die Gehrichtung. Da kommen einige zusätzliche Meter zusammen. Im Supermarkt macht man (wenn möglich) große Bogen um Menschen, die den Mund-Nasen-Schutz unter der Nase tragen oder als Stütze für ihr Doppelkinn. Das kommt immer mal vor, ich weiß nicht warum. Ich beginne dann eine nonverbale Kommunikation mit meinem Gegenüber, zeige auf eine imaginäre Schutzmaske und platziere sie ordnungsgemäß im imaginären Gesicht, wenn meine Frau mich nicht davon abhält. Steht jemand hüstelnd vor der Schinkenwurst, nimmt man gleich den übernächsten Gang. Da kommen pro Einkauf einige Extrarunden zusammen. So ein Virus hält auf Trab.

Meine Halswirbelsäule ist um einiges mobiler als noch vor einem halben Jahr. Ich drehe meinen Kopf ständig weg von potenziellen Infektionsherden, die beispielsweise in Form von lauten Handygesprächen in der Straßenbahn lauern. In Ausweichschritten bin ich geübt wie schon lange nicht mehr, wenn schwerhörige Patienten freundlich näher kommen, weil sie mich hinter der Maske nicht verstanden haben. Überhaupt, Behandlungen. Ein Getänzel. Halten Patienten Abstand, rücke ich näher. Rücken Patienten näher, halte ich Abstand. Da ist Bewegung drin. Immerhin. Wenn man der ganzen Situation etwas Positives abringen möchte: Wir bewegen uns mehr. Vermutlich auch im Kopf. Nicht alle, aber einige.

Und wenn das Thema Nähe und Distanz ist, könnten wir die Gelegenheit auch gleich nutzen, um zu überprüfen, wie viel Nähe Physiotherapie wirklich braucht. Muss ich Patienten anfassen, nur weil es lange eingeübte Gewohnheiten sind? Wer braucht die manuelle Behandlung wirklich? Mundschutz on, hands off, so oft es geht, ist die Coronaregel Nummer eins für unser tägliches Tun.