Meine Patientin war sehr zufrieden mit der Behandlung. Nur unter Mühen hatte sie vor einigen Wochen humpelnd die Praxis erreicht. Jetzt hüpfte sie wieder wie ein junges Reh. Ihr Knie: voll beweglich, schmerzfrei und nicht mehr geschwollen.

Zur letzten Sitzung brachte sie mir einen mittelgroßen Präsentkorb mit und bedankte sich „fürs Fummeln“. Ich freute mich, war aber von ihrer Wortwahl irritiert. Der reflektierende Praktiker fummelt nicht, er therapiert. Ich hob zu einem Statement an, blieb dann aber zunächst still. Ich musste nachdenken. Dazu führte ich mir zunächst etwas Herrenschokolade aus dem Verpflegungsmitbringsel zu. Dann noch einige Weinbrandbohnen, die schmeckten gut zum Knoblauch in Trüffelöl. Gesättigt und in guter Stimmung verteilte ich großzügig Sekt an die Kollegen und einige Patienten, die sich im Wartezimmer aufhielten.

Dachte dann über die Neugestaltung meiner Visitenkarte nach: „Evidenzbasiertes Fummeln nach Stanko“, vielleicht kursiv geschrieben, das würde sich doch gut machen. Wozu alles auflisten, was man sich in knapp dreißig Jahren Berufserfahrung angeeignet hat. Kurz, prägnant, mutig. Eine neue Offenheit sozusagen. Patienten würden nachfragen, ob sie hier richtig seien, zum Fummeln. Das könnte auch Missverständnisse aufwerfen, aber die wären schnell geklärt. Hoffentlich.

In Gedanken schweifte ich ab. Mir kamen Erinnerungen an meine Jugend. Fragmente von Dr. Sommer-Texten streiften mich. Das genügte, um mich in die Gegenwart zurückzuholen. Umringt von Kollegen und Patienten hielt ich aus dem Stehgreif einen Vortag über den Unterschied zwischen Berührung und therapeutischer Intervention, die Wirksamkeit von Nähe und Körperkontakt, das Heilsame in der Physiotherapie – das sich im Spannungsfeld von interner und externer Evidenz, Vertrauen, Hingabe und den richtigen Zielsetzungen entwickelt und entfalten kann. Ich ließ die Sprachmemo-App mitlaufen, daraus könnte man sicher noch was machen. Ich würde Lehraufträge bekommen und Einladungen zu Symposien. Der Mann aus der Praxis, der auch die Theorie beherrscht … und natürlich umgekehrt.

Im Allgemeinen finden es meine Patienten interessant, dass ich auch für eine Fachzeitschrift schreibe. Manche denken vielleicht, dass, wer gerne schreibt, nicht so gut fummeln kann. Diese Hypothese ist nun widerlegt.

Es bleibt vielleicht die Frage, warum wir in der Außenwahrnehmung mit unseren Patienten immer noch turnen, warum wir kneten, drücken, ziehen? Vielleicht, weil „Vielen Dank fürs Drainieren und Trainieren“ zu schwer über die Lippen kommt?

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