Wir Physiotherapeuten sind Superhelden. Das habe ich hier, soweit ich mich erinnere, schon hin und wieder erwähnt. Wir sind immer freundlich und gut drauf, lindern Schmerzen, machen Gelenke beweglich, therapieren Lähmungen. Wer kann das sonst noch? In dieser Bandbreite an Möglichkeiten? Nicht viele. Aus diesem Grund kursierte vor einigen Jahren im Netz der nette Versuch, uns als „Halbgötter in Jogginghose“ zu bezeichnen. Denkt man an das Zitat des Modeschöpfers Karl Lagerfeld („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren!“), ist diese Bezeichnung gegebenenfalls suboptimal.

Jetzt kommen wir in der Corona-Pandemie wegen des Mund-Nasen-Schutzes eher auch noch Darth-Vader-mäßig rüber („Ich bin dein Therapeut!“). Stimmung und Mimik des Therapeuten sind für Patienten nicht unbedingt zu erkennen. Das Bemühen, die Augen wohlwollend leuchten zu lassen, hat sich irgendwann, nach einem langen Arbeitstag, erledigt. Ausgeleuchtet, sozusagen. Wir sind häufig schlecht zu verstehen und verstehen schlecht. Auch wir müssen die Befindlichkeit unserer Patienten hinter den Masken lesen. Das ist mühsam. 

Einer meiner Kollegen versucht, die Maskenpflicht und die damit einhergehenden Herausforderungen durch ein modisches Trendsetting aufzulockern. Er trägt jetzt ausschließlich Spiderman- und Superman-T-Shirts. Batman wäre noch frei – aber ich habe abgelehnt. Wenn ich mich nach einigen Stunden Praxisalltag wie Hannibal Lecter fühle, käme ein Batman-Outfit eventuell wenig kurativ rüber.

Stattdessen bin ich zu einer eigenen T-Shirt-Produktion übergegangen, im Lockdown hat man ja viel Zeit. Eine Auswahl der Aufdrucke: „Ich mag immer noch keine Zartbitterschokolade.“, „Klatschen können Sie im Theater, Gesundheitsberufe sind kein Ehrenamt.“, „Sie könnten mich in Ihrem Testament bedenken.“, „Ja, wir Physiotherapeuten sind super!“, „Systemrelevanz muss auch systemrelevant bezahlt werden!“ Das ein oder andere Zehncentstück ist durch diese Aktion schon in meinem Sparschwein gelandet. Vielleicht ist die Strategie noch nicht ganz ausgereift.

Ich freue mich schon auf die Jahresrückblicke auf 2021, in denen die Helden des vergangenen Jahres gewürdigt werden: Menschen aus der Pflege und Altenpflege, Erzieher, medizinische Fachangestellte und Therapeuten männlichen, weiblichen oder diversen Geschlechts, und alle anderen, die in den Rankings der Ansteckung mit Corona ganz oben stehen. Physiotherapeuten liegen immerhin auf Platz zehn der Berufsgruppen „mit den höchsten […] Fehlzeiten im Zusammenhang mit COVID-19“, mit 1.853 Erkrankten je 100.000 erwerbstätigen AOK-Mitgliedern im Erhebungszeitraum März bis Oktober 2020.

Vermutlich gibt es für die Rückblicke dann FFP2-Masken mit aufgedrucktem Lächeln. Wir werden sie brauchen.

Locker lassen live in eurer Einrichtung?

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Quelle: Wissenschaftliches Institut der AOK. 2020. Krankschreibungen wegen Covid-19: Erziehungs- und Gesundheitsberufe am stärksten betroffen. pt.rpv.media/covidbetroffen; Zugriff am 4.2.2021