Physiotherapie ist Kommunikation. Wir deuten die Haltung unserer Patienten, ihre Mimik, den Tonfall eines Gesprächs, die Spannung im Gewebe. Wir interpretieren nicht nur die Anamnese, sondern auch das, was nicht mitgeteilt wird. Schweige mit mir und ich sage dir trotzdem, wie es dir geht. Das können wir. Kein Problem. Ist unser tägliches Programm.

Dazu noch ein wohltemperiertes Gespräch von A wie Angela Merkel bis Z wie Zürcher Geschnetzeltes. Mitgefühl ist unser zweiter Vorname. Wir machen (fast) alles zum Wohle unserer Patienten. Aber ist das umgekehrt auch so?

Neulich, montagmorgens, man ist noch nicht so richtig wach, steckt noch im Wochenende fest, die Wahrheit erwischt einen eiskalt. Meine Lieblingslymphdrainagepatientin (ich zitiere wörtlich): „Ihren Job könnte ich ja auch nicht machen.“

Wir hatten schon den Broterwerb verschiedener Branchen erörtert. Bundesligaprofi: „Könnte man mal versuchen, in unserem Alter (in der Altersgruppe der 45- bis 75-Jährigen) ist man vermutlich nicht schnell genug.“ Politiker: „Lukrativ. Aber immer nur die halbe Wahrheit sagen, könnte anstrengend sein.“ Leiter des Robert-Koch-Instituts: „Überhaupt keine Freizeit mehr.“ Dann kamen wir zurück auf Physiotherapeuten. Ich bedankte mich für das Statement und schwieg. Beleidigt. Es dauert eine Weile, bis mein Schweigen bemerkt wurde.

„Ja wieso denn? Ist doch so. Ihnen tun doch bestimmt abends die Finger weh.“

„Aus ethischen Gründen. Die Alternative wäre: Wir lassen die Lymphdrainage sein.“

Schweigen auf der anderen Seite.

„Nee, das wäre auch nicht sooo gut.“

Zwei Tage später bekam ich eine große Tafel Merci. Die Symbolkraft zählt. Man sollte nicht zu viel erwarten.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass Patienten uns gar nicht ernst nehmen. Wenn ich beispielsweise meine leichte, wirklich ganz leichte, eigentlich gar nicht erwähnenswerte Verspannung im Nacken erwähne … es reagiert niemand. Es kommen eher Nachfragen in die Richtung: „Aber mich können Sie heute schon noch behandeln, oder?“ oder „Melden Sie sich doch mal krank, aber bitte nicht an den Tagen, an denen ich komme.“

Mit so einem Helfersyndrom war es früher einfacher. Man hat sich irgendwie wichtig gefühlt, bedeutend, von Relevanz für das große Rad des Lebens. Heute drücken mir Patienten die Psychoseite einer Frauenzeitschrift in die Hand und sagen: „Lesen Sie sich das mal durch, könnte Ihnen helfen.“ Manchmal fühlen sich meine Hände nach der Lektüre solcher Artikel tatsächlich besser an. Achtsam durchblutet.

Sobald die pt mit diesem Text erscheint, werde ich ihn im Wartezimmer auslegen, an Wände kleben und als Flugblatt verteilen. Empathiekurse für Patienten, vielleicht will einer unserer Verbände das mal als Fortbildung anbieten. Könnte sich lohnen. Und montagmorgens sagen dann unsere Patienten: „Ach, ich hatte so eine interessante Fobi. Aber irgendwie schon alles wieder vergessen.“

Und PS: Ist natürlich alles frei erfunden. Niemanden, den ich hier versehentlich geschildert haben könnte, gibt es wirklich. Auch meine Finger, alles tippi-toppi und mein Nacken sowieso. 

Locker lassen live in eurer Einrichtung?

Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr