Eine Figur aus der Geschichte der Philosophie, die mich in meiner Kindheit sehr beeindruckte, war Diogenes an der Tonne – nicht zu verwechseln mit Oskar aus der Mülltonne, dem bekannten und beliebten Monster aus der Sesamstraße.

Diogenes, so die Überlieferung, machte sich nichts aus materiellen Dingen, schlief in öffentlichen Säulengängen oder Vorratsgefäßen. Seinen Trinkbecher warf er weg, nachdem er feststellte, dass man auch aus den Händen trinken kann. Selbstgenügsamkeit ist das Stichwort, das man mit ihm verbindet.

Wenn ich mich abends mit einem Schlafsack auf meine Behandlungsliege zurückziehe und die Reste des Kuchens vertilge, den mir Patienten mitgebracht haben, denke ich: „Mensch! Da lebst du jetzt ein ganz ähnliches Leben wie dein altes Vorbild, hast nicht viel, brauchst nicht viel. Tust den ganzen Tag Gutes, wirst dafür geschätzt, ist doch alles ganz prima. Wenn du noch die Heizungsrechnung bezahlen könntest, wäre es perfekt.“ Ich mache mir eigentlich auch nichts aus Shoppingtouren. So komme ich ganz gut durch die Pandemie. Brauche keinen Schnelltest, um irgendetwas zu kaufen, das ich eh nicht brauche. Solche Sorgen habe ich nicht.

Vor einigen Tagen sprach ich mit einem alten Freund. Er findet diesen neuen Trend zum Minimalismus ganz erfrischend und probiert das ein oder andere auch aus. Er hat ein Reihenhaus mit Garten und eine Ferienwohnung mit Pool. Seinen alten Wohnzimmertisch hat er weggeworfen und durch eine Holzpalette ersetzt. Die reicht, um einen guten Rotwein oder ein Glas Whiskey darauf abzustellen. So reduziert lebt es sich gleich ganz anders, meint mein Freund. Er plant auch so langsam seinen Ruhestand, „ganz ruhig, mit so zwei, drei ganz reduzierten Urlaubstrips im Jahr, nichts Aufwendiges, ein bisschen Indien, den Winter irgendwo in der Wärme des Südens verbringen und ab und zu einen Städtetrip: Amsterdam, New York, Vancouver, Sidney.“ Ansonsten: Whiskey trinken, gute Bücher lesen, aus dem Fenster schauen und gelegentlich die Enkel besuchen.

Ich werde nach solchen Gesprächen inzwischen wütend. Wegen Corona ist es ja sowieso gerade schwer, Reisen zu buchen. Aber ich dachte, ich versuche es demnächst mal mit einer Anfrage, was ich für mein antikes Bobath-Zertifikat so vom Reisebüro bekomme, vielleicht drei Wochen Sri Lanka? Oder ob man sich als evidenzerprobter Physiotherapeut gelegentlich eine Suite in guter Lage ausleihen kann, Couchsurfing mal anders, biete im Austausch eine alte, aber gut erhaltene Behandlungsliege dafür.

Gelegentlich wirft man mir Sozialneid vor. Ich finde eher, es hätte was mit Gerechtigkeit zu tun, uns endlich mal fair zu entlohnen. Dank und Anerkennung bekomme ich seit 25 Jahren, davon habe ich genug. 

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