Ich bin ein begeisterter Anhänger der Multikulturalität. In der Vielfalt eine Einheit zu erkennen, hat mir schon immer Freude bereitet. Ich bin Weltbürger. Ein Mensch unter Mitmenschen in der großen Menschenfamilie. Das ist mein Ideal. Was uns noch fehlt, ist eine gemeinsame Sprache. 

Manchmal habe ich nach einem langen Praxistag so ein Gefühl von babylonischer Sprachverwirrung. Ich habe zwanzig Therapiesitzungen in gefühlten vierzig Sprachen geführt – die heimischen Dialekte nicht mitgezählt. Habe litauische Fitnessvideos auf Tauglichkeit geprüft und kommentiert, Heranwachsenden Übungen für deren Eltern gezeigt und erklärt, die sie wahlweise in Mandarin, Nord- oder Südkoreanisch, ins Oberbayerische oder Ostfriesische übersetzen, und habe nebenher Abstracts auf Englisch gelesen.

Die Kommunikation mit Hand und Fuß im wörtlichen und übertragenen Sinn bestimmt mein tägliches Tun. Als – über alle kulturellen und sprachlichen Unterschiede hinweg – verständlich haben sich bisher „Daumen hoch“, „Daumen runter“ und eine waagerecht ausgeführte Wackelbewegung mit der Hand, kombiniert mit einem indifferenten Brummen, erwiesen.

Keinerlei Verständigungsprobleme gibt hinsichtlich des Wortes „Massage“. Es scheint weithin über den Globus verständlich zu sein und ruft im Allgemeinen Begeisterung hervor. Das Vertrauen in die kurative Wirkung von Massagen ist groß, sehr groß, auch wenn man in mehreren Sprachen widerspricht und weitaus wirksamere Therapiemaßnahmen anführt.

Das Wort „Aktivität“ hingegen scheint auch nach zahlreichen Simultanübersetzungen, unterstützt von erklärender Gestik (ich gebe alles) schwer verständlich zu sein. Wenn ich auf der Stelle jogge, hüpfe, den Sonnengruß vormache oder im Einbeinstand auf einer Faszienrolle balanciere, ruft das in der Regel eher Unverständnis hervor. Zumindest wird honoriert, dass ich mir Mühe gebe. Regelmäßige Baklava-Lieferungen, auch während des Ramadans, sind mir sicher.

Überhaupt, die Welt ist ein Fest. Ob nach Ostern, Samhain, Thanksgiving, Karneval oder Chanukka, am besten kann Patient sich auf der Therapieliege von den Strapazen der Feiertage erholen. Wer an solchen Tagen durch die Wälder läuft, sind wir Physiotherapeuten. Wir haben es begriffen! Aktivität und so. Muss ich euch ja nicht erklären.

Und, nach den zahlreichen Maifeiertagen, so unter uns, ach, nicht weitererzählen, ich fände es toll, wenn mich mal jemand massiert. Ganz evidenzfrei. Freiwillige vor! Nur nicht drängeln. Hand aufs Herz und an den Rücken. Eine Sprache, die jeder versteht.

Locker lassen live in eurer Einrichtung?

Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr