Ich habe einen jungen Kollegen, der hat eine Dauerpatientin, die ihm zweimal pro Woche ein Käsebrötchen mitbringt. O-Ton: „Damit der Junge überhaupt was frühstückt!“ Wir kennen das, hat man das Frühstück verschlafen, ist es schwer bis unmöglich, die verpasste Mahlzeit während eines Praxisvormittags aufzuholen. Die kluge Patientin weiß natürlich: Nur ein satter Physiotherapeut ist ein guter Physiotherapeut. Entsprechend groß ist hier die Bereitschaft zur Mitarbeit. Erstaunlich, was Therapieerwartende alles an organischen und halborganischen Lebensmitteln anschleppen, von denen sie meinen, sie könnten gegessen werden. 

So gewöhnt sich der durchschnittliche physiotherapeutische Verbrennungsmotor an fast alles, Hauptsache es geht schnell. Bonbons und Lakritzstangen im Vorbeigehen. Sechs Buletten-Häppchen in drei Behandlungspausen. (Wobei hier das Wort Pause irreführend ist.) Drei Gummibärchen vor dem Händewaschen, zwei danach und so viele wie möglich unter der Zunge bunkern. Fällt beim Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gar nicht auf. Internationale Pralinenköstlichkeiten, selbstgebackene vegane Törtchen, saisonale Obstbrände, lokale Grillspezialitäten. Die geneigte Leserin kennt die Situation und weiß, wie nah hier Fluch und Segen von exponentiell steigenden BMI-Kurven und wohliger, gesättigter Zufriedenheit beieinander liegen.

Während Kollegen in Kliniken und größeren Rehabilitationseinrichtungen meist mit ausufernden Salatbuffets und veganen 12-Gänge-Menüs verwöhnt werden, muss man als Physio in der freien Praxis seine Mahlzeit innerhalb kleiner Zeitfenster in der freien Wildbahn respektive der nahen Fußgängerzone erlegen. Seltsamerweise kommen mir immer schneller Pommes, Currywurst und Dönertaschen vor die Flinte, als hübsch sortierte Obstsalate.

Über die Jahre habe ich deshalb die Müsli-Strategie entwickelt. Egal, ob hungrig oder satt, egal, ob es draußen schneit oder die Sonne scheint, egal, was immer auch passiert, es gibt ein gepflegtes Therapeuten-Müsli. Macht satt, hält fit, ist gesund. Egal, wie viele Schaumküsse noch irgendwo rumstehen, egal, wie intensiv Waldmeisterlutschpastillen auf sich aufmerksam machen, Tiramisu aus dem Kühlschrank winkt, Rotwein in den frühen Feierabend lockt … ich bleibe fast immer … meistens … ab und zu … naja, gelegentlich, standhaft. Die gesunde Mischung macht es ja schließlich. Und Essen soll ja auch Spaß machen … und kleine Portionen kann man sowieso besser verdauen … und überhaupt, guten Appetit allerseits!!

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