Nachrichten & Menschen
pt Januar 2022

… und wieder locker lassen!

Die Zukunft des Gesundheitswesens
Eine Glosse von Jörg Stanko
Lesezeit: ca. 2 Minuten
JUVART / shutterstock.com

Neulich war ich zur Booster-Impfung gegen das Corona-Virus in einer mir unbekannten Arztpraxis. Nahezu alles lief perfekt. Ich bekam zeitnah einen Termin, musste kaum Wartezeit einplanen, die Medizinische Fachangestellte schritt umgehend zur Sache, ich hatte den Ärmel meines Polo-Shirts gerade hochgekrempelt, da zog sie die Spritze schon wieder aus meinem (wohltrainieren) Deltamuskel heraus. Keine Nebenwirkungen.

Die Frau, die mir das Vakzin verabreichte, kam mir bekannt vor. Ich sprach sie darauf an. Sie erzählte mir, dass sie am Wochenende immer Extraschichten an der Supermarktkasse machen würde. „Um mir noch etwas dazu zu verdienen.“ Ich nickte, daher kannte ich sie. Ich versuchte, meine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen. „Ist bestimmt ganz lukrativ“, sagte ich, und dachte gleichzeitig, dass es ein Skandal ist, wenn jemand in diesem Job so wenig verdient, dass er noch einen Nebenjob braucht. Außerdem überschlug ich im Kopf die Anzahl der Kontakte, die sie wohl am letzten Wochenende im Supermarkt gehabt hatte und bilanzierte meine Gefährdung bis zur Wirkung des Boosters. Sie missverstand meinen Blick. „Wir brauchen da immer fähige Aushilfen.“ Ich sagte: „Klar!“

Keine 24 Stunden später hatte ich meine erste Schicht. Es war grausam. Was Menschen alles einkaufen. Die ersten Kartoffel-Chips-Tüten ließ ich noch passieren. Ravioli in der Dose zunächst auch. Massen an Süßigkeiten. Alkohol vor dem Frühstück. Mit Koffein gepanschte Getränke. Ich brauchte eine Weile, bis ich mir meiner Berufung wieder bewusst wurde. Ich war Physiotherapeut. Ein Mensch, dem die Gesundheit seiner Mitmenschen nicht egal ist. Ich stoppte das Band. Musterte den jungen Mann, der es mit einem Sixpack Zuckerlimonade und drei Tüten Gummibärchen belegt hatte. „Das wollen Sie nicht wirklich kaufen? Sie sind doch noch jung und schlank!“ Er erschrak. „Nein, natürlich nicht.“ Er rannte zurück in den Markt. „Obst ist um die Ecke!“ Er kam mit Äpfeln und Bananen zurück. „So ist richtig!“

Es hatte sich schnell im Ort rumgesprochen, dass ich jetzt auch im Supermarkt Dienst täte. Ich beantwortete Fragen zur Ernährung bei Osteoporose und Allergien, zeigte den Menschen in der Schlange effektive Kurztrainings, ließ Schweinespeck zurückgehen, packte Brokkoli dazu. Meine Kolleginnen hinter den anderen Kassen taten es mir nach, am Nachmittag führten wir ein neues Rabatt-Kartensystem ein. Für zehn Liegestütze gab es einen Aufkleber mit einer Möhre drauf. Für zehn Möhrenaufkleber gab es fünf echte Möhren. Und so weiter …

Am Abend rief Olaf Scholz an, er bräuchte einen neuen Gesundheitsminister. Ich fühlte mich wertgeschätzt, sagte aber ab. „Ich kann die Leute am Band nicht alleine lassen. Vielleicht in der nächsten Regierung … mit der gehen wir dann auch unsere Honorare noch mal richtig an.“ Olaf sicherte mir zu, dass ich jederzeit willkommen bin.

Locker lassen live in eurer Einrichtung?

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Erschienen am 11. Januar 2022