Dialog
pt Oktober 2021

Unter uns

Antizipieren mal anders

Angestellte und Selbstständige – seid ihr glücklich, zufrieden und erfolgreich? Ihr habt Erfahrung und Routine, wagt Veränderungen oder geht neue Wege. Vielleicht seid ihr auch wegen bestimmter Zustände einfach nur frustriert. Auf jeden Fall könnt ihr viel berichten: von Missständen, skurrilen Situationen oder schönen Momenten – mit Patienten, Kollegen, Mitarbeitern und anderen.

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Das Antizipieren ist ein Teil der motorischen Kontrolle, so wie wir es in der Physiotherapie-Ausbildung auch erlernen. Einer Bewegung geht die Vorausberechnung der Ausführung im Gehirn voraus. Einen Ball zu fangen, ist also hochkomplex. So gesehen haben wir einen direkten Bezug zu dem Thema – nur ist dieser Anteil der Bewegungsausführung bei unseren Kunden in der Therapie nicht so offensichtlich. Sogar in den Neurowissenschaften wurde festgestellt, dass einer Entscheidung die Festlegung im Gehirn, vor dem Bewusstwerden, vorausgeht. Daraus ergeben sich hochphilosophische Diskussionen, ob der Mensch überhaupt frei ist in seinen Handlungen! Es scheint nun zwei Möglichkeiten zu geben, dem freien Willen Ausdruck zu verleihen: Tun oder nicht tun.

Das Thema Handeln ist heute gesellschaftlich mehr denn je aktuell, bezogen auf die Umweltverschmutzung, die Verknappung der Ressourcen und die Unmöglichkeit der grenzenlosen Expansion in der Industrie, bei einem nur endlich möglichen Wirtschaftswachstum. Viele Menschen fragen sich hier also berechtigterweise, warum von der Politik nicht gehandelt wird, obschon die Folgen absehbar sind.

Der Vater einer ehemaligen Mitschülerin arbeitete vor fast 30 Jahren an einem Institut im Bereich der Technik- und Zukunftsfolgenabschätzung. Ich dachte damals: „Das ist bestimmt eine ziemlich sinnvolle Arbeit“, die Folgen der Entdeckung der Atomspaltung, beispielsweise nach Hiroshima und Tschernobyl, hatten mich sehr geängstigt. Leider hatte ich, im Verlauf der letzten 30 Jahre, in den mir zur Verfügung stehenden Medien, über dieses Fachgebiet nicht mehr viel gehört. Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen nicht rein rational handeln und eine typische Eigenart sind unsere „Bauchentscheidungen“. Man bleibt bei dem, was man kennt, Änderungen rufen Ängste hervor, die Macht des Geldes spielt eine große Rolle. Und die wirklichen Entwicklungen in der Zukunft voraussagen kann man nicht!

Wir erleben in der Physiotherapie seit geraumer Zeit einen Umbruch und hier braucht es ein radikales Umdenken. Wir haben das Zeug dazu, aus unserer Berufung, in Deutschland, mehr zu machen. Den etablierten Lobbyverbänden können wir etwas entgegensetzen. Klug ist es, einen Schritt vorauszudenken. Auf Altem zu beharren hilft nicht. Die Physiotherapie hat ein sehr großes Veränderungspotenzial. Es gibt vermutlich viele bisher unentdeckte Argumente, warum die Physiotherapie, beispielsweise neben der ärztlichen Tätigkeit, eine hohe Relevanz hat. Ökonomische Gründe spielen eine Rolle. Wo sind also die versteckten Nischen, in denen wir unsere Kompetenz einbringen können? Und ich meine hier keine Igel- oder Wellness-Leistungen! Wir können eine junge Wissenschaft sein und bestimmen in diesem Moment, wohin sich die Profession entwickeln wird – im medizinischen Markt. Nutzen wir die Fähigkeit, antizipieren zu können!

Stephan G. Allmendinger

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pt Oktober 2021

Erschienen am 12. Oktober 2021