Angestellte und Selbstständige – seid ihr glücklich, zufrieden und erfolgreich? Ihr habt Erfahrung und Routine, wagt Veränderungen oder geht neue Wege. Vielleicht seid ihr auch wegen bestimmten Zuständen einfach nur frustriert. Auf jeden Fall könnt ihr viel berichten: von Missständen, skurrilen Situationen oder schönen Momenten – mit Patienten, Kollegen, Mitarbeitern und anderen. Wir räumen euch hier Platz ein, interessieren uns dafür.

Ich erkenne meine Kollegen nicht wieder. Vor Jahren waren wir in derselben Klasse, schimpften über dieselben Prüfungen, zitterten gemeinsam vor dem ersten Praktikum. Vor allem aber waren wir (manche mehr, manche weniger) mutig, bohrten nach, gaben uns nicht mit einfachen Antworten zufrieden. In uns wuchs, wenn auch zaghaft, ein kleiner Keim der wissenschaftlichen Skepsis: Will jemand Recht haben, muss er es ausreichend begründen, sonst bleibt es bei der Nullhypothese. Wir fragten den Ärzten Löcher in den Bauch, störten so lange, bis eine ordentliche Erklärung vorhanden war.

Heute  muss ich jedoch hilflos zusehen, wie viele meiner ehemaligen Ausbildungsgefährten evidenzlosen Konzepten zum Opfer fallen. Teure Fortbildungen, jahrelange Kurse, mehrere Module werden anstandslos hingenommen, wenn nur die Aussage schön klingt und schnelle Erfolge verspricht. Halsbrecherische Behauptungen, nachweisarme Theorien, kunterbunte Hypothesen ohne jegliche wissenschaftliche Unterbauung: „Wer heilt, hat Recht“ ist die neue Devise. Und schlimmer: Pseudoargumente wie „die Wissenschaft ist doch sowieso völlig verzerrt“, oder „die Pharmaindustrie steckt hinter allem“ sind keine Seltenheit mehr.

In einer Zeit, in der Information und Bildung jedermann zugänglich sind, in der wie nie zuvor Transparenz herrscht und differenzierter Austausch möglich ist, stimmen mich solche Äußerungen gleichzeitig traurig und besorgt. Sie erinnern an dunkle Epochen der menschlichen Gesundheit, an mittelalterliche Umgänge mit Wissen, und schwören schon fast einen neuen Kult der Ignoranz herauf, welcher Diskussion und Komplexität durch Heraushalten und Verallgemeinerung ersetzt. Der Dozent hat es gesagt, dann wird es schon stimmen. Aus Skepsis wird Dogma, aus kritischem Hinterfragen wird Glauben.

Ist es nur die Resignation vor einem Gesundheitssystem, welches evidenzbasierte Physiotherapie schier unmöglich macht? Das weder Zeit für den Patienten, noch finanzielle Wertschätzung für jahrelanges Lernen erlaubt? Ist es unser physiotherapeutisches Milieu, das sich erst noch in die wissenschaftliche Logik einarbeiten muss? Oder ist es nur der einfachere Weg, der ermüdende Argumentation erspart und dem Patienten im 20-Minutentakt einfacher zu erklären ist, egal, mit welchen Konsequenzen?

Wann hat unsere Generation aufgehört zu fragen: „Stimmt das denn wirklich? Beweis es mir“! Seit wann fallen wir auf fragwürdige Konzepte herein, riskieren die Gesundheit unserer Patienten, obwohl ausreichend sichere Alternativen vorhanden sind? Warum fragen wir uns nicht mehr ernsthaft, wieso es dem Patienten nach 18 Einheiten der Krankengymnastik nicht besser geht, und bitten ihn nur noch um ein neues Rezept?

Der Kampf um bessere Bedingungen in der Physiotherapie soll auch ein Kampf sein dafür, dass uns das Denken wieder bezahlt wird. Vor allem aber müssen wir uns selbst auffordern, die Leichtgläubigkeit aufzugeben und kritisch mit unserem Umfeld – und unserer eigenen Denkweise – umzugehen.

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