Der Klimawandel wird zunehmend spürbar – auf vielen Ebenen und nicht nur in weit entfernten Ländern. Die moderne, evidenzbasierte Physiotherapie hat eine größere Bedeutung für Nachhaltigkeit und Umweltschutz, als viele auf den ersten Blick vermuten. Mittlerweile sorgen nationale und internationale Organisationen dafür, dass das Bewusstsein für dieses Thema auch in unserer Berufsgruppe steigt.

Die Bewegung Fridays for Future sendet wegweisende Signale zu den Folgen des menschengemachten Klimawandels (1). Der Gesundheitssektor ist aber stärker vom Klimawandel betroffen als es den Anschein macht – und das betrifft auch die Physiotherapie.

Die wissenschaftlichen Abteilungen unterschiedlicher medizinischer Disziplinen – ärztliche Medizin, Pharmazie, Psychologie, der Pflegebereich und Gesundheitswissenschaften – befassen sich schon seit vielen Jahren mit dem Einfluss von Klima und Umwelt auf die menschliche Gesundheit (2). Die Physiotherapie beschäftigt sich erst vergleichsweise kurz mit diesem Thema. Es gibt internationale Akteure, dazu gehören die Organisationen Environmental Physiotherapy Association (EPA) und Health for Future – Physiotherapy (H4FP) mit daran angeschlossenen Untergruppen, aber auch eine deutschsprachige Organisation mit den Namen Physios für planetare Gesundheit (PPG) (3).

Potenziale

Unter Berücksichtigung der epidemiologischen Erkenntnisse in Bezug auf die Entstehung von gesundheitlichen Missständen durch den Klimawandel, ist zwischen primären und sekundären Einflüssen durch die Physiotherapie zu unterscheiden.

Primäre Einflüsse

Zu den primären Einflüssen gehören die Vergrößerung und Verbesserung der medizinischen Versorgung, die dort an Relevanz gewinnt, wo die Folgen des Klimawandels direkt spürbar sind. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Infektionskrankheiten durch verschmutztes Wasser, kardiovaskuläre Krankheiten durch hohe Umgebungstemperaturen, Erkrankungen der Atemwege durch Abgasbelastungen et cetera (4). Nicht zu vergessen ist dabei jedoch die Bedeutung der Vorsorge, also die Vermeidung der erwähnten, gesundheitlichen Probleme – dies ist eine Domäne der modernen Physiotherapie, die heutzutage jeder Kliniker beachten sollte (5).

Sekundäre Einflüsse

Hinzu kommen sekundäre Einflüsse. Wir kennen die enormen Energieaufwände in medizinischen Einrichtungen und im Zusammenhang mit Krankenhausprozessen, zum Beispiel durch diagnostische und therapeutische Maßnahmen, aber auch durch die stationäre Versorgung von Betroffenen. Die stationäre Versorgung eines Menschen im Krankenhaus ist ähnlich dem täglichen Energiebedarf einer Kleinstadt – Faktoren wie Dauerbeleuchtung, engmaschige Temperaturregulation, hoher Stromverbrauch durch medizinische Geräte et cetera spielen dabei eine Rolle (6, 7).

Der Appell richtet sich an alle Kliniker, Dozententeams und berufspolitische Akteure: Wir müssen uns der Verantwortung, aber auch der schon heute umsetzbaren Möglichkeiten für eine effiziente, nachhaltige Physiotherapie bewusst machen – jeden Tag!

Jeder Mensch, der durch den Einsatz von Physiotherapie nicht oder so wenig wie möglich im Krankenhaus landet, selten bis niemals unnötige Diagnoseverfahren benötigt oder mithilfe eines effektiven Selbstmanagementprogramms seltener krank wird und damit auch härteren Bedingungen standhält, hilft bei der Verbesserung der Klimaeffizienz in der Medizin (8). Ausschließlich symptomatische Behandlungen mit kurzfristiger Perspektive müssen von modernen und langfristig gedachten Strategien abgelöst werden und dazu gehören motivierende Aufklärung, systematisch durchgeführte Bewegungsprogramme und Tipps zum Selbstmanagement (8, 9).

Konzentration auf das Nötige

„Wer langfristig existieren will, muss Klimaaktivist werden!“ Diese Aussage des bekannten Klimaforschers Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber hat auch eine Bedeutung für unsere Berufsgruppe. Die Physiotherapie braucht nicht nur schnellstmöglich eine gravierende Änderung grundlegender Bedingungen, sondern auch konkrete Utopien. Besonders bemerkenswert sind die Aktivitäten der jungen PPG-Akteure, welche nun neben den schon etwas länger aktiven Organisationen H4F und EPA auch für die Entwicklung und Umsetzung relevanter Projekte sorgen (3).

Mehr Informationen zu diesem Themenkomplex erfahren Sie in der Septemberausgabe der pt.

Literatur

  1. IPCC. pt.rpv.media/3g8; Zugriff am 04.06.2021 
  2. Kotcher J, et al. 2021. Views of health professionals on climate change and health: a multinational survey study. Lancet Planet Health. 5, 5: e316-e323
  3. Czernik C. 2021. Wir können uns nicht um Gesundheit kümmern und gleichzeitig ihre Grundlage zerstören – Physiotherapeut/innen für planetare Gesundheit im Gespräch. physiopraxis 19, 05: 12-14  
  4. Kinney PL. 2018. Interactions of climate change, air pollution, and human health. Curr. Environ. Health Rep. 5, 1: 179-186  
  5. Tian D, et al. 2019. Exercise for prevention and relief of cardiovascular disease: prognoses, mechanisms, and approaches. Oxid. Med. Cell Longev. 3756750
  6. Brown LH, et al. 2012. The energy burden and environmental impact of health services. Am. J. Public Health.102, 12: e76-e82
  7. Ravindra K, et al. 2021. Impact of the COVID-19 pandemic on clean fuel programmes in India and ensuring sustainability for household energy needs. Environ. Int. 147: 106335  
  8. Thompson T, et al. 2011. Sustainable medicine: good for the environment, good for people. Br. J. Gen. Pract. 61, 582: 3-4  
  9. Alt A, et al. 2020. The sustainable effectiveness to avoid chronification in non-specific, non-chronicback pain. Dtsch. Z. Sportmed. 71: 97-103

Andreas Alt

Andreas Alt

Er ist Physiotherapeut (Berufsfachschule Nürnberg) und studierte an der Hoogeschool Thim van der Laan, Nieuwegein, NL (2012 B. A. Phys.) sowie der Deutschen Sporthochschule Köln (2015 M. Sc. Sportphysiotherapie). Seit 2015 war er an verschiedenen Projekten zur Wissenschaft im therapeutischen Gesundheitswesen beteiligt. Seine Schwerpunkte umfassen Kraft und Konditionierung sowie biopsychosoziale Therapieansätze. Als Fachperson für therapeutische Qualität in der Abt. Physiotherapie ist er bei der SportClinic Sihlcity sowie als Fachautor tätig.

Kontakt: andreas-alt@gmx.de

pt Online 02.07.2021