Corona macht die Welt noch schneller digital. Nach dem vollständigen Ausfall aller Präsenzformate im Jahr 2020 experimentiert die Physiotherapiebranche mit neuen Formaten. Die pt-Herausgeber haben sich umgesehen.

Corona zwingt Events in den digitalen Raum. Jetzt ist es an den Kunden auszuprobieren, was die Industrie Therapeutinnen und Therapeuten als Veranstaltungsalternativen anbietet. So viel darf schon verraten werden: Es wird spannend.

Wer regelmäßig auf Physio-Kongressen und -Messen zu Gast ist, weiß: Die Branche ist überschaubar, nahezu familiär. Industrie, Handel, Therapieunternehmer und Therapeuten stehen in engem Austausch. Man kennt sich, redet miteinander, bildet sich fort – und manchmal werden die Abende auch etwas länger. Die Therapiegemeinde ist eben wie ein sympathischer Wanderzirkus mit bewährtem Programm.

Messen sind ein Wirtschaftsmotor

Natürlich dienen Messen in erster Linie dazu, Geschäft anzubahnen und abzuschließen. Aus reinem Spaß an der Freude tourt niemand durch die Republik. Praxisinhaber informieren sich über Ausstattung, Geräte und Material, während Unternehmer den Verkauf im Blick haben, aber auch die Kosten, die Messen verursachen. Zu teuer, zu aufwändig, so heißt es immer wieder, erst recht, wenn das Geschäft hinter den Erwartungen zurückbleibt. Doch der Erfolg von Messen ist von vielen Faktoren abhängig, auch von der Professionalität der Aussteller. Die einen können es besser, andere weniger gut.

Messen, Werbung und Vertrieb sparen Zeit

Und so sind Messen eben auch: Das Standpersonal ist ein bisschen aufdringlich, ständig soll der Kunde seine Daten herausrücken und eine Werbeeinwilligung geben. Die berühmte DSGVO hat das noch umständlicher und nerviger gemacht. Werbung und Vertrieb sind eben immer ein wenig wie der ungeladene Gast auf der Privatparty – aber seien wir ehrlich, ohne das bunte Treiben wäre es langweiliger auf der Welt, Wirtschaft wäre eine fade Sache und das Leben grau. Abgesehen davon darf sich auch der Kunde freuen, denn Unternehmen mit beratungsstarken Verkäufern erleichtern Entscheidungen ungemein. Auch wer nicht jedes Verkäuferwort für bare Münze nimmt, muss sich eingestehen, es spart durchaus Zeit, sich auf ein Beratungsgespräch einzulassen. Es ist unvorstellbar aufwändig, sich alle Informationen selbst zusammen zu suchen, die man für eine Kaufentscheidung braucht. Da hilft auch Onkel Google nicht weiter, denn vieles, was die Praxis verlangt, muss man anfassen und ausprobieren. Hier entfalten Messen ihre Stärken. Sie liefern Erlebnis, Erfahrung, Austausch und nicht zuletzt sozialen Klebstoff. Das alles war recht fein austariert, bis der schwarze Schwan Corona den Tourplan des Physio-Wanderzirkusses durchkreuzte.

Transformation des Geliebten

Also haben wir 2020 die mehr oder weniger direkte Absage aller für Physiotherapeuten relevanten Veranstaltungen erlebt. Die TheraPro in Stuttgart und das Artzt-Symposium in Montabaur fanden noch statt, als Corona ein fernes chinesisches Problem schien. Aber dann fielen mit der FIBO (Reed Exhibitions), der TheraPro Essen (Messe Stuttgart) und der Therapie Düsseldorf (Messe Leipzig) wichtige Veranstaltungen aus. Das Corona-Jahr des Herrn wird also ohne weitere Messen stattfinden. Einzig bei der Therapie Hamburg (ebenfalls Messe Leipzig) plant man noch zweigleisig. Insgesamt hat das Virus die Rechnung ohne engagierte Messeveranstalter und fleißige Unternehmer gemacht. Es dauerte eine Weile, bis alle den Globalschock überwunden hatten und das nervige Rumeiern über Absagen, Nichtabsagen und Teilabsagen ein Ende hatte. Niemand konnte etwas dafür. Nun heißt es, dass Corona die Digitalisierung beschleunigt. Diesen spannenden Prozess erleben wir derzeit alle gemeinsam, sei es als aktiv Handelnde oder als interessierte Zuschauer. Ideen für neue Veranstaltungsformate gibt es zuhauf, es wird sich zeigen, wie die neuen Modelle aussehen und was die Kunden akzeptieren werden.

Digitale Veranstaltungen auf Erprobungskurs

Jetzt sprießen sie aus dem Boden die digitalen Veranstaltungen. Keine Frage, es wird neue Möglichkeiten geben, sich in dieser coronageschwängerten Zeit miteinander auszutauschen und zumindest einen Hauch von Messefeeling ins Homeoffice zu zaubern. So zumindest der Traum der Veranstalter, die sich allesamt gewaltig engagieren, um den Therapeuten Alternativen zu bieten.

Wie so oft versprechen viele, den heiligen Gral gefunden zu haben. Jeder will so schnell wie möglich zurück im Geschäft sein, was mehr als verständlich ist. Dennoch ist schon jetzt klar, es gibt nicht die eine Lösung. Wahrscheinlicher ist, dass sich neue Formate in einem Prozess von Trial and Error entwickeln. Dafür hoffen alle Marktpartner auf neugierige und experimentierfreudige Teilnehmer. Es wird spannend, die digitalen Möglichkeiten auszuloten. Eine der zentralen Fragen ist dabei, ob es gelingt, die Emotionalität von Präsenzveranstaltungen zu erreichen. Ein großes Experimentierfeld tut sich auf. Wer praktikable Lösungen findet, kann auf dankbare Teilnehmer bauen, die sich Anreise, Übernachtung, Zeit und Nebengeräusche sparen.

Die Corona-Chance: Jeder lernt digital

Wir tasten uns nun Schritt für Schritt in eine neue Normalität vor, in der digitale Komponenten etablierte Verhaltensmuster ersetzen. Messen sind dabei nur eine Facette, auch die Telemedizin spürt den Turboboost. Spätestens die Schließungsdiskussion in Fitnessstudios und Physiopraxen hat uns nachdenklich gemacht, wie wir denn im Zweifelsfall auch online für Patienten und Kunden da sein können. Selbstredend bei gleichbleibender Betreuungs- und Beratungsqualität auf gewohntem Niveau. Dass das Internet die sensibel geschulten Hände eines Therapeuten nicht ersetzen kann, ist keine Frage. Aber ob gewollt oder nicht: Die Digitalisierung ist unaufhaltbar und wir müssen sie fördern, wenn wir uns nicht freiwillig abhängen lassen wollen. Digitalverweigerer werden zu den Verlierern gehören.

Vorteile digitaler Veranstaltungen

Bei aller Skepsis bieten digitale Veranstaltungen einige Vorteile. Man muss das Haus nicht verlassen, das heimische Sofa ist eine bequeme Loge, die persönliche Zeiteinteilung ist weitgehend frei. Kein Druck, kein Stress, keine nervigen Verkäufer, kein abwehrendes „Danke, ich möchte nur schauen“. Vielen mag genügen, Workshops aus einer passiven Perspektive zu verfolgen. Und wenn es zu viel wird, klickt man sich einfach raus. Wie viel Produktpräsentation möglich ist und wie viel Freude das bereitet, das werden wir in den nächsten Monaten herausfinden. Bleiben wir gespannt, was uns die digitalen Aussteller präsentieren werden. Beifall haben sie schon jetzt verdient, denn es wird überall investiert und ausprobiert, auch wenn mal was daneben geht. Scheitern ist erlaubt.

Präsenz ist auf Dauer unverzichtbar

Ein Stück Wehmut bleibt, denn Vorträge und mitreißende Workshops leben auch von der Atmosphäre und direktem Austausch. Auch virtuelles Zuprosten kann die Dynamik einer guten Messeparty nicht ersetzen. Ganz zu schweigen davon, dass ein so physischer Beruf wie der des Physiotherapeuten auf die Qualität der Berührung nicht verzichten kann. Insofern wünschen wir allen Digitalformaten bestes Gelingen und hoffen dennoch darauf, dass wir uns bald wieder in Armen liegen können. Die Zukunft nach Corona wird hoffentlich das Beste aus beiden Welten vereinen, digital und real.

Digitale Veranstaltungen für Physiotherapeuten

  • #SOM (https://go.som-online.de, 17. – 19. September)
  • Therapie Düsseldorf (https://therapiemesse-duesseldorf.de, 25. – 27. September)
  • FIBO@business (https://fibo.com/digital, 1./2. Oktober)
  • Therapie Hamburg (https://therapiemesse-hamburg.de, , 23./24. Oktober)