Politik
pt Mai 2021

Wie viel Zeit braucht der Akademisierungsprozess?

In Deutschland fehlen Einigkeit und Motivation

Es gibt mittlerweile viele Befürworter für die vollständige Akademisierung. Wie lange der Prozess dauert und was dafür alles nötig ist, wird unter Experten kontrovers diskutiert. Während einige Akteure mehr als zehn Jahre veranschlagen, haben andere Kollegen einen viel kürzeren Zeitraum im Sinn und finden, dass jetzt die Zeit für Veränderung gekommen ist.

Ein Kommentar von Andreas Alt
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Die Deutsche Berufspolitik steht derzeit unter einem scheinbar revolutionären Druck. Der „Markt“ und die Befürworter einer evidenzbasierten Therapieversorgung werden größer – alleine schon durch das wachsende Engagement von verärgerten oder enttäuschten Kollegen aus der Branche. Der Einfluss von privaten, physiotherapeutischen Wissensplattformen und Anbietern wächst stetig. Dazu gehören zum Beispiel Physio meets Science, Physio Tutors, Physio Network oder entsprechende Fachbücher von Kollegen, zum Beispiel auch mein eigenes Buch „Die Kritik an der Physiotherapie – eine wahre Chance“, das ich aus der Hoffnung heraus geschrieben habe, für die Notwendigkeit zu sensibilisieren und auch, um ein Bewusstsein für das Potenzial der Physiotherapie in Deutschland zu schaffen.

Doch warum ist diese Tendenz so offensichtlich? Was wäre denn, wenn die reguläre, standardisierte Ausbildung in Deutschland alle diese scheinbar wesentlichen Inhalte der individuellen Aktivitäten liefern würde? Auch wenn diese Antwort spekulativ ist: Ich denke, dann wären die individuellen Ambitionen deutlich weniger von Bedeutung. Es kann nicht das Ziel sein, darauf zu warten, dass – getreu dem Argument des Ökonomen und Moralphilosophen Adam Smith von 1759 – „die unsichtbare Hand des Marktes“ die problematische Situation schon regeln wird (1). Und soll eine medizinische Disziplin, die ihr großes Potenzial für die Gesundheitssysteme dieser Welt schon sehr oft unter Beweis gestellt hat, auch politisch „verökonomisiert“ werden? Entstehen würde dann eine Art „Aus- und Fortbildung“, die durch ihre moderne Perspektive auf Wissenschaft und dem Bewusstsein für Relevanz eine staatliche Regulierung umgeht.

Noch viel wichtiger erscheint die längst überfällige Modernisierung berufspolitischer Strukturen (2, 3). Erneut stehen wir nun vor einer Verlängerung der Modellklausel zur Prüfung akademischer Qualitäten und Vorteile in der Physiotherapie (2, 3). Auch der immer weniger durchschaubare Bürokratie- und Administrationsdschungel wird nicht lichter – im Gegenteil – so zeigt es das aktuelle Schiedsverfahren. Von den Themen Anerkennung im Gesundheitswesen und Vergütungsverbesserung ganz abgesehen. Wie soll dies alles funktionieren, wenn man anstelle einer standardisierten, zeitlich ambitionierten und wissenschaftlichen Initialisierung durch die Studiengänge an entsprechenden Hochschulen lieber auf private Anbieter vertraut, deren Informationen und Präsentationen von übergeordneten Instanzen weder entwickelt, noch geprüft, gefiltert und beurteilt werden? Der Schritt in die Akademisierung wäre eine Lösung für all diese Probleme. Aus meiner Sicht ist es eine Schande, auf diese Chance zu verzichten.

Wissenschaft als treibende Kraft

Dabei sollte die Wissenschaft als die treibende Kraft für Effektivitätsnachweise jeder fachlichen Disziplin und vor allem im Hinblick auf deren Ambition in Richtung Professionalisierung anerkannt und geschätzt werden (4). Wie könnte dies besser und effizienter erreicht werden, als innerhalb von akademischen Einrichtungen (Fachhochschulen), die per Definition wissenschaftlich und damit fortschrittlich ambitioniert ausgerichtet sein müssen (4)? Dabei geht es nicht um die Degradierung von bestehenden Individuen, Einrichtungen (Praxen, Schulen et cetera) oder Maßnahmen (Anwendungstechniken et cetera), sondern vielmehr um die Optimierung und die effiziente Nutzung bestehender Strukturen und Stärken. Es sollte meiner Meinung nach wenigstens Möglichkeiten und Chancen für eine solche Optimierung geben. Andere Länder, die unter ähnlichen Bedingungen agierten, machten es uns erfolgreich vor. So wurde beispielsweise in der Schweiz bereits im Jahr 2006 die vollständige Akademisierung durchgesetzt (5).

Die Folgen: Keine Zertifikatspositionen, kaum Schulgeld, regelmäßige inter- und multiprofessionelle evidenzbasierte Projekte in Zusammenarbeit mit dem dortigen Berufsverband, den Hochschulen und den ausführenden Einrichtungen (6). Die auch in Deutschland umfänglich erwähnten Forderungen nach einem besseren Ansehen im Gesundheitswesen, einer besseren Vergütung, weniger Bürokratie und mehr Optionen für Lernhungrige und ambitionierte Kolleginnen und Kollegen (PhD-Studiengänge, wissenschaftliche Karriereoptionen et cetera) werden anderenorts zunehmend besser umgesetzt. Dabei ist es nicht das Ziel, erfahrene Kollegen zu vergessen oder zu „überrennen“, sondern jeder einzelnen Fachperson die Chance zur Förderung zu geben.

Wer oder was hält uns auf?

Was hindert uns also an einem baldigen und nachhaltig gedachten Start? Dazu fallen mir kurz formuliert folgende Argumente ein: Wahrscheinlich gab es noch nie so viele modern und professionell eingestellte Fachleute wie heute, teilweise auch mit entsprechend akademischer Laufbahn (M. Sc., PhD et cetera) – wahrscheinlich schon allein aufgrund der vielen privaten Anbieter. Weiterhin sind viele Fächer aus physiotherapeutischen Studiengängen in der Verantwortung anderer Fachleute und nicht in der Hand von Physiotherapeuten. Der psychosoziale Ansatz gewinnt an Bedeutung, die lehrenden Experten für diese Fächer kommen aber aus der Psychologie und könnten auch von dort rekrutiert werden (6, 7). Dies betrifft auch viele andere Module aus dem Bereich der Applied Sciences (8). Zudem gibt es aus meiner Sicht in Deutschland einige Hochschulen, die lediglich einem „dem Standard entsprechenden Feintuning“ unterzogen werden sollten (Aufnahmebedingungen, Prüfungs- und Prozess-Regelungen, ECTS-Kompatibilität, Abschluss et cetera). Auch das nötige Networking mit anderen medizinischen Disziplinen sowie die dafür notwendige Öffentlichkeitsarbeit ließen sich plausibel starten – entsprechende Disziplinen und Qualitäten sind in Deutschland vorhanden (ärztliche Medizin, Psychologie, Sportwissenschaften, IT, Gesundheitswissenschaften et cetera) (9). Alleine mit dem vergleichsweise kleinen Schritt für die Berufspolitik in Richtung Akademisierung wäre ein Riesensatz in Richtung der allseits benötigten Optimierung in der Physiotherapie möglich (10).

Was in Deutschlands Physiotherapie offensichtlich grundlegend fehlt, ist die Einigkeit und vor allem die Motivation der ausführenden Organe – das klingt provokant? Vielleicht. Doch was ist die Alternative? Jetzt ist die Zeit für Veränderungen für alle beteiligten Akteure!

Literatur

  1. Rothschild E. 1994. Adam Smith and the invisible hand. Am. Econ. Rev. 84, 2: 319–322
  2. Borgetto B. 2020. Reform der Berufsgesetze für die Physiotherapie auf der langen Bank? physiotherapeuten.de/news/2020/11/reform-der-berufsgesetze-fuer-die-physiotherapie-auf-der-langen-bank/; Zugriff am 10.03.2021
  3. physiotherapeuten.de. 2021. Schachmatt? Schiedsverfahren beendet, wesentliche Entscheidungen vertagt. physiotherapeuten.de/news/2021/02/schachmatt-schiedsverfahren-beendet-wesentliche-entscheidungen-vertagt/; Zugriff am 10.03.2021
  4. BMBF. 2021. Fachhochschulen in Deutschland – Zahlen und Fakten
  5. Schämann A. 2019. Die akademische Entwicklung der Physiotherapie in der Schweiz – aktuelle Situation und zukünftiger Handlungsbedarf. Neurol. Rehabil. 25, 2: 101-112
  6. Allet L, et al. 2019. GLA:D®: ein Programm für PatientInnen mit Hüft- und Kniearthrose. Physioactive 3: 33-36
  7. Alexanders J, et al. 2015. Musculoskeletal physiotherapists‘ use of psychological interventions: a systematic review of therapists‘ perceptions and practice. Physiotherapy 101, 2: 95-102
  8. Alt A, et al. 2020. Die Ökonomie der evidenzbasierten Physiotherapie – ein neuer Weg. Amazon Books
  9. Alt A, et al. 2020. Die Kritik an der Physiotherapie – eine wahre Chance. Amazon Books
  10. Höppner H. 2016. Ein Leitfaden – Akademisierung. Physiopraxis 14, 1: 63

Dieser Artikel ist erschienen in

pt Mai 2021

Erschienen am 11. Mai 2021