_Praxis

Aus- und Weiterbildung in der Physiotherapie auf dem falschen Weg!

Ein Diskussionsbeitrag Michael Stehr

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Physiotherapeuten genießen den Luxus, von mehreren Berufsverbänden vertreten zu werden. Diese unterscheiden sich jedoch dadurch, dass sie sehr verschiedene Vorstellungen davon haben, wie der Beruf Physiotherapeut zukunftsfähig gestaltet werden kann. Lesen Sie im Folgenden die Vorschläge des Bundesgeschäftsführers des VDB – ein Verband, der ursprünglich als »Verband Deutscher Badebetriebe« gegründet wurde, seit den 1990er-Jahren aber die Interessen aller »Selbstständigen in der Physiotherapie« vertritt.

Eine Ausbildungsanpassung an zukünftige Anforderungen ist notwendig

 

Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen (APrVO) des Bundes aus dem Jahr 1994 für beide Ausbildungen nach dem Gesetz über die Berufe in der Physiotherapie (MPhG) des Bundes vom 26. Mai 1994 (BGBl. I S. 2515) bedürfen einer Anpassung an die fachlichen, didaktischen und beruflichen Entwicklungen der zurückliegenden zwei Jahrzehnte.

Die anstehende Neuordnung der Ausbildungen zu den Berufen Physiotherapeut sowie Masseur und medizinischer Bademeister muss Antworten finden auf bereits absehbare künftige Anforderungen durch den Direktzugang. Die Ausbildung muss daher in Zukunft die Fähigkeiten zur Anamnese und zum eigenständigen Befund auf dem ­Gebiet der Physiotherapie sowie der Physikalischen Therapie vermitteln, inklusive der Befähigung zur Erkennung der Grenzen des eigenen Tätigkeitsfeldes.

Im Folgenden werde ich die aktuelle ­Situation darstellen und aufzeigen, wie die Weichen nach Einschätzung des VDB-Physiotherapieverbandes in der Ausbildung zum Physiotherapeuten oder Masseur und medizinischen Bademeister sinnvollerweise zu stellen sind.

Robert Kneschke-Fotolia.com

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Schlechte Vergütung – ­Bürokratie – Fachkräftemangel

 

Der Brutto-Durchschnittsverdienst von Physiotherapeuten lag im Jahr 1990 bei 1.910 Euro, im Jahr 2008 bei 2.230 Euro; inflationsbereinigt ergibt sich daraus ein Minus von 20 Prozent. Ursache sind die geringen Leistungsvergütungen der gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Die Masseure liegen noch etwas darunter. In Westdeutschland beträgt das Einstiegsgehalt der Physiotherapeuten 1.650 Euro, in den neuen Bundesländern gut 1.450 Euro, was bei Vollzeit nur wenig über dem Mindestlohn liegt. Die Zahlen offenbaren die Misere beider Berufe, die sich auszeichnen durch eine anspruchsvolle Ausbildung und eine hohe Verantwortung für die Patienten.

Hinzu kommt immer mehr Bürokratie im System der GKV, deren Schwerpunkt aus den Bedürfnissen der Kassen-EDV resultiert und die wegen ihrer vielen Nebensächlichkeiten auf wenig Verständnis bei den Therapeuten trifft. Die für »Papierkram« verausgabte Zeit fehlt für die Patienten.

Der Fachkräftemangel ist bereits Realität: Schon heute erhalten viele Praxen auf ihre Stellenausschreibungen kaum mehr geeignete Bewerbungen. Die Schülerzahlen gehen zurück – Folge ist ein dramatisch zunehmender Fachkräftemangel, der ab 2020 die Versorgung in der Fläche gefährden kann (1). Noch schlimmer: ­Immer mehr Absolventen kehren der therapeutischen Arbeit den Rücken und suchen nach akademischen Weiterqualifikationen, die für andere Tätigkeiten qualifizieren.


Vollakademisierung ist keine Lösung

 

Der Wissenschaftsrat der Bundesregierung hält eine Akademisierungsquote von zehn bis 20 Prozent für ausreichend, um eine Beteiligung der Berufsgruppe an Lehre und Forschung auf dem Gebiet der Physiotherapie sowie die Besetzung von leitenden Stellen in größeren Einrichtungen durch akademisch weiterqualifizierte Therapeuten zu gewährleisten. Der Wissenschaftsrat begründet dies zu Recht mit seinem Verständnis von einem System abgestufter Ausbildungen für abgestufte Tätigkeitsanforderungen. Der VDB-Physiotherapieverband schätzt den Bedarf an akademisch weiterqualifizierten Berufsangehörigen bis 2020 auf ein bis zwei Prozent.

Eine grundständige Akademisierung der Berufsausbildung würde den Fachkräftemangel zusätzlich verschärfen, weil die Fachhochschulzugangsberechtigung zum Nadelöhr würde. Denn Realschul­absolventen könnten sich nicht mehr direkt nach dem Schulabschluss für die Ausbildung zum Physiotherapeuten bewerben – auf welchem Wege sollen sie eine Fachhochschulzugangsberechtigung erwerben?

Für Masseure würde durch eine grundständige akademische Physiotherapieausbildung der Durchstieg zum Physiotherapeuten unmöglich, denn auch bei ihnen stellt sich die Frage, auf welchem Wege sie die Fachhochschulzugangsberechtigung für das Physiotherapiestudium erwerben sollten. Zwar wäre dadurch der Ausbildungsberuf Masseur als solcher nicht gefährdet, das Potenzial des Masseursberufs für den Physiotherapieberuf und für die Patientenversorgung würde damit jedoch ohne Not aufgegeben.

Die APrVO für Masseure sieht im Vergleich mit der Ausbildung Physio­therapie für die Massage beinahe das dreifache der praktischen Übungseinheiten vor – eine deutlich bessere Grundlage also für die Arbeit mit händischen Techniken und auf diesem Gebiet ein Vorsprung der Masseure, der von den Physiothe­rapeuten erst nach einigen Berufsjahren ausgeglichen werden kann.

Nicht zu vergessen die sehbehinderten beziehungsweise blinden Therapeuten: Die Berufsförderungswerke Mainz, Nürnberg und Chemnitz bringen pro Jahr rund 80 Absolventen mit diesen Handicaps hervor. Nicht eingerechnet sind hier diejenigen, die den Therapeutenberuf in den Berufsförderungswerken erlernen, weil sie durch eine andere Grunderkrankung an der Ausübung ihres bisherigen Berufes gehindert sind.

Zudem ist Kritik an der bestehenden Studienlandschaft geboten. Es herrscht ein thematischer Wildwuchs zwischen ­Soziologie, Didaktik und Management, der dazu führt, dass potenzielle Arbeitgeber nur sehr bedingt abschätzen können, wie und wofür ein Absolvent tatsächlich qualifiziert ist. Viele existierende Studiengänge lassen klinische Orientierung und Praxisbezug vermissen.

 


FORDERUNGEN DES VDB-PHYSIOTHERAPIEVERBANDES KURZ ZUSAMMENGEFASST

Ausbildungsreform

  • Das Berufsgesetz muss zur Stärkung der Berufe einen berufsrechtlichen Direktzugang des Patienten zum Therapeuten ohne vorherige Ausstellung einer ärztlichen Verordnung vorsehen. Die APrVO müssen dementsprechend eine Ausweitung der Ausbildung im Bereich Anamnese und physiotherapeutische Befunderhebung vorsehen.
  • Die Fachschulausbildungen Physiotherapeut / -in (drei Jahre) sowie Masseur / -in und med. Bademeister / -in (zwei Jahre) müssen erhalten bleiben.
  • Das Schulgeld muss abgeschafft werden – eine Refinanzierung muss durch öffentliche Mittel gewährleistet werden.
  • Lehrkräfte müssen didaktisch / pädagogisch mindestens auf dem Level »Bachelor« qualifiziert sein.
  • Die APrVO müssen nach Lernfeldern gegliedert werden und modernen didaktischen Konzepten Raum lassen.
  • Wegen der wachsenden Fülle der Unterrichtsinhalte muss der Prüfungsstoff auf das Abschlussexamen und eine neu einzuführende Zwischenprüfung verteilt werden.
  • Praktika müssen mindestens zur Hälfte in ambulant tätigen Praxen abgeleistet werden. Praktika müssen bezahlt werden – eine Refinanzierung muss durch öffentliche Mittel gewährleistet werden.
  • Das Ausbildungsziel ist der reflektierende Praktiker.
  • Die sogenannten Zertifikate müssen in die Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen integriert werden.
  • Akademische berufliche Weiterbildung kann auf freiwilliger Basis erfolgen.

 

Verbesserte Vergütung – Reduktion der Bürokratie – Keine Verkammerung

  • Die Leistungsvergütungen der gesetzlichen Krankenkassen müssen auf ein Niveau gehoben werden, das die Einnahmen der Praxen auf rund 75 Euro pro geleisteter Therapiestunde steigert.
  • Voraussetzung hierfür ist die Abschaffung der Anbindung der Vergütungsentwicklung der Heilberufe an die Veränderungsrate nach § 71 Abs. 3 SGB V (Grundlohnsummenbindung).
  • Die Bürokratie rund um die Heilmittelverordnung sowie deren Abarbeitung und Vergütung müssen reduziert werden. Ärzte müssen für Verordnungsfehler selbst haften.
  • Der VDB lehnt die Schaffung einer Kammer für Physiotherapeuten und Masseure ab.

 


Zertifikate entwerten die Ausbildung

 

Die sogenannten Zertifikate verschärfen die Situation im System der gesetzlichen Krankenversicherung zusätzlich. Manuelle Lymphdrainage, Manuelle Therapie sowie Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage und am Gerät machten 2014 bei der GVK einen Umsatzanteil von 41,5 Prozent aus.

Obwohl diese Therapieformen bereits in vielen Schulen im Rahmen der Ausbildung unterrichtet werden, gibt es keine Anrechnung auf die Zertifkatskurse. Daher müssen sich Absolventen über Jahre hinweg aus eigener Tasche umfänglich fortbilden, bis sie die Ansprüche des Arbeitsmarktes erfüllen.

Die Ausbildungen werden so entwertet. Bei der Integration der Zertifikate sind zukunftsoffene Weiterentwicklungen gefragt. So sollte man die Ausbildung im Bereich Krankengym­nastik auf neurophysiologischer Grundlage loslösen von der engen Anbindung an eine bestimmte Technik. Die Krankengymnastik am Gerät muss umbenannt werden in »medizinisches Gerätetraining«, weil der Begriff »Krankengymnastik« hier schlicht irreführend ist.


Verkammerung löst nicht die Probleme

 

Die Diskussion über die Einrichtung einer Kammer ist nicht zielführend – eine Kammer kann beim Kampf um bessere Vergütungen oder gegen Bürokratie im GKV-System nicht helfen und daher keinen Beitrag zur Lösung der wesentlichen Probleme leisten. Sie wird aber jeden Therapeuten einen finanziellen Beitrag kosten.

 

INTERNET
Den vollständigen, im Oktober 2015 ­veröffentlichten Vorschlag des VDB-Physiotherapieverbandes zur Ausbildungsreform finden Sie unter: www.vdb-physiotherapieverband.de/wp-content/uploads/2009/05/VDB-fordert-Ausbildungsreform-Sonderdruck.pdf

 

Heftnummer: 3-2016


Literatur

  1. Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK), Zentrum der Goethe-Universität Frankfurt a. M. 2012. Gutachten zum Fachkräfte- und Ausbildungsbedarf in den Gesundheitsfachberufen.
    http://www.iwak-frankfurt.de/wp-content/uploads/2015/03/BadP_18.pdf
    Zugriff am 15.1.2016

Autor

Dr. Michael Stehr

Jurist; seit 2005 Bundesgeschäftsführer des VDB-Physiotherapieverbandes.

bv@vdb-physiotherapieverband.de

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