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Bericht von der Summer School Neurorehabilitation 2016

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Vom 15. bis 18. Juni trafen sich mehr als 120 Teilnehmer – darunter Physiotherapeuten, Ärzte und weitere Berufsgruppen – zum zweiten Mal in Greifswald zur Summer School Neurorehabilitation.

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Nach dem Curriculum der WFNR

Die Summer School war sowohl für Anfänger in der Neuroreha als auch für bereits Erfahrene zum Auffrischen des klinischen Wissensstandes gedacht. Erwähnenswert ist, dass die Auswahl der Themen dem europäischen Curriculum der Fortbildungsinitiative der Weltföderation Neurorehabilitation (WFNR) entspricht.

 

Gehirn, Rätsel und Wunder – Neues aus der Neurorehabilitation von der Summer School in Greifswald: Schon gewusst? Stress kann zum Abbau bestimmter Anteile des Gehirns führen. Foto: Jan Mehrholz

Gehirn, Rätsel und Wunder – Neues aus der Neurorehabilitation von der Summer School in Greifswald: Schon gewusst? Stress kann zum Abbau bestimmter Anteile des Gehirns führen.
Foto: Jan Mehrholz

 

 

Roboter, Armtherapie, Emotionen

Die Veranstaltung startete mit einem hochinteressanten öffentlichen Abendvortrag von Fernando Fernández Rebollo über humanoide Roboter und deren therapeutischen Einsatz in der Neurorehabilitation. Unter anderem wurde das sogenannte „NaoTherapist project“ vorgestellt.

Das Hauptprogramm begann mit dem Tagungsvorsitzenden Prof. Thomas Platz von der BDH Klinik in Greifswald. Er gab einen Überblick über derzeit wissenschaftlich untersuchte Ansätze zur Verbesserung der Armmotorik in der Neurorehabilitation. Dabei zeigte er, mit welchen Prognosen verschiedene Patienten rechnen können und welche spezifischen Therapien bei den jeweiligen Schädigungen angewandt werden können. Für jede Armtherapie machte er zusätzlich die aktuelle wissenschaftliche Evidenz deutlich.

Im zweiten Seminar beschrieb Thomas Guthke, Neuropsychologe aus Leipzig, die Behandlung spezifischer kognitiver Einschränkungen unter der Berücksichtigung von Emotionen in der Neurorehabilitation.

 

Die Notwendigkeit von Zielvereinbarungen

Am Nachmittag sprach Claudia Pott aus Neuried zum Thema International Classification of Functioning (ICF): Sie erläuterte deren Anwendung sowie zugehörige Assessmentverfahren und gab zahlreiche anwendungsnahe Beispiele zur Zielorientierung in interdisziplinären Teambesprechungen. Sie beschrieb Zielvereinbarungen innerhalb eines standardisierten Zielsetzungsprozesses als elementare Basis der Rehabilitation, um die nicht selten voneinander abweichenden Patienten- und Therapeutenziele zu vereinbaren.

 

Schwere Bewusstseinsstörung

Dr. Jürgen Herzog aus München erläuterte die neuere Einteilung klinischer Syndrome schwerer Bewusstseinsstörung in Koma, Syndrom reaktionsloser Wachheit und minimales responsives Syndrom. Ebenfalls ging er auf das Locked-in- Syndrom und den akinetischen Mutismus ein. Detailliert wurden verschiedene Assessmentverfahren bei schweren Bewusstseinsstörungen vorgestellt und – mit kleineren Einschränkungen – auch Empfehlungen (unter anderem für SMART, SSAM, WNSSP, WHIM, DOCS) ausgesprochen.

Für Intensivstationen riet Dr. Herzog zum Beispiel zum Full Outline of Unresponsiveness Score (FOUR). Im Seminar ging er auch auf klassische Prognosemarker und potenzielle apparative Zusatzdiagnostik (fMRT, EEG, ERP) zur Prognoseerstellung ein. Die Behandlung von schweren Bewusstseinsstörungen wurde beispielhaft erläutert; insbesondere die Mobilisation der Patienten mit Kipptischen, Stehpulten oder in den Rollstuhl ist hier Standard.

 

Konventionelle Kipptische besser?

Dr. Herzog beschrieb auch, dass bei bewusstseinsgestörten Patienten zunehmend elektrische Kippbretter mit zyklischen Beinbewegungen zur Mobilisierung eingesetzt werden. Dabei verwies er aber auf die überraschenden Ergebnisse einer randomisierten Studie von Carmen Krewer, die zeigte, dass konventionelle Kipptische bei der Mobilisation von bewusstseinsgestörten Patienten im Vergleich zu elektrischen Kippbrettern mit zyklischen Beinbewegungen eher von Vorteil zu sein scheinen.

 

Gehfähig oder noch nicht gehfähig?

Nach der Mittagspause folgte mein Vortrag zum Thema Neurorehabilitation von Stand und Gang. Dieser beinhaltete Definition, Assessments für und Behandlung von Balancestörungen und Störungen des Gehens sowie Assessments und evidenzbasierte Behandlungsansätze zur Verbesserung des Gehens. Unterschieden wurden dabei vor allem spezifische Therapieansätze bei bereits gehfähigen beziehungsweise noch nicht gehfähigen Patienten. Insgesamt scheint die Studienlage bezüglich der Behandlung der Balance von nur geringer Evidenz untermauert zu sein.

Therapeuten sollten sich daher bei der Behandlung von Balancestörungen am motorischen Lernen orientieren, wie zum Beispiel dem aufgabenorientierten Üben der Balance, der Nutzung eines externen Fokus und einer antizipatorischen Fehlerkorrektur sowie der Kontextorientierung.

Dagegen existieren zur Gangtherapie mittlerweile mehr als 70 randomisierte Studien sowie Leitlinien mit klaren Empfehlungen für die Praxis.

 

Gehirntraining? Immer neue Anforderungen!

Ein Höhepunkt der Summer School war zweifellos der öffentliche Abendvortrag zum Thema „Erholt sich das Gehirn, wenn ja, wie?“ von Prof. Martin Lotze (Universität Greifswald). Sehr strukturiert beschrieb er auf verschiedenen Betrachtungsebenen unterschiedliche Veränderungen im Gehirn – etwa solche, die bei zwischenmenschlichen Interaktionen auftreten können. Es war spannend, zu sehen, wie gut sich diese Interaktionen mittlerweile technisch darstellen lassen. Anschließend erläuterte Prof. Lotze Veränderungen innerhalb des Gehirns bei unterschiedlichen externen Anforderungen: So kann Stress zum Abbau bestimmter Anteile des Gehirns führen; stetig neue Anforderungen der Umgebung an das Gehirn können hingegen die Zellneubildung im Hippocampus bewirken.

Bei Patienten gibt es beispielsweise zu Beginn des Erlernens neuer Bewegungen eine sehr starke Aktivierung, die mit der Zeit weniger wird.

Auch machte Prof. Lotze deutlich, welche Möglichkeiten klinische Algorithmen (SAFE und PREP) in Kombination mit technischen Verfahren bieten, um die Prognose der Motorik nach Schlaganfall erheblich genauer zu machen.

 

Was tun bei Dysphagie?

Am Samstag beschrieb Dr. Gudrun Bartolome aus München aktuelle und pragmatische Neurorehabilitationsansätze sowie wissenschaftlich basierte Verfahren zur Verbesserung des Schluckens. Neben der Physiologie und Pathophysiologie des Schluckens ging sie dabei auch auf die klinische und apparative Diagnostik (FEES, VFSS / DFSS) ein und erläuterte die funktionelle Dysphagie-Therapie. Erwähnung fanden neue Stimulationsmethoden wie die pharyngeale Elektrostimulation, die repetitive transkranielle Magnetstimulation sowie die transkranielle Gleichstromstimulation. Mindestens gleichberechtigt wurden Kompensationsmethoden (wie Änderung der Kopfhaltung oder spezielle Schlucktechniken) und adaptive Verfahren zur Verbesserung des Schluckens erklärt.

Fazit: Die Veranstaltung bot wieder einmal hochinteressante Themen und anregende Diskussionen, sodass man sich bereits auf die nächste Summer School 2018 in Greifswald freut.

 

pt_online: 30.06.2016

Autor

Prof. Dr. rer. medic. habil. Jan Mehrholz

Leitung Wissenschaftliches Institut der Klinik Bavaria in Kreischa; Professor für Physiotherapie und Studiengangsleiter im Masterstudiengang Neurorehabilitation an der SRH Hochschule für Gesundheit Gera

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