_Praxis

Chronik einer Rollstuhlversorgung

Aus unserer Rubrik: "Unter uns"

 

Puh, das ist eine lange Geschichte …

… dachten wir in der Redaktion, als uns die Autorinnen Anja Schittenhelm und Carmen Driemel dieses Fallbeispiel schickten. Aber dass sie so lang und kompliziert ist und man während des Lesens nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll, das macht ja wiederum die Geschichte aus. Kurzum, wir haben die Geschichte so gelassen. Wir muten Ihnen beim Lesen also dieses gewisse quälende Gefühl zu – denken Sie aber mal an die Kollegin, die das alles durchmachen musste. Und vor allem auch an den Patienten, der das ­Opfer einer »perfekten« Abstimmung im Gesundheitswesen ist … nun aber bitte unsere Autorinnen:

 

Im Krankenstuhl unterwegs

Herr P. wird seit Dezember 2010 über ­unsere Praxis ambulant betreut. Er wohnt in einem Wohnheim mit 24-Stunden-Betreuung. Zur ersten Behandlung erscheint Herr P. in einem Krankenstuhl. Nach eigener Aussage befindet sich sein eigentlicher Rollstuhl schon seit einigen Wochen in der Reparatur. Auf telefonische Nachfrage schildert die Betreuerin im Wohnheim des Patienten, dass der Wiedereinsatz eines verbesserten Aktivrollstuhls beantragt sei.

 

Immer diese unangenehmen Patienten

Am 31. Januar 2011 bewilligt die Krankenkasse den Wiedereinsatz eines Aktivrollstuhls Impuls XX mit Rückenmodul. Der Physiotherapeutin wird diese Bewilligung zunächst nicht mitgeteilt. Im Februar 2011 regt die Physiotherapeutin in ­Unkenntnis der Vorgeschichte eine Versorgung mit einem Elektrorollstuhl an. Telefonate der Physiotherapeutin mit Wohnheimbetreuerin, Versorgerfirma und Krankenkasse folgen. Die Versorgerfirma und die Krankenkasse reagieren genervt und berichten, dass der Patient ständig »Unannehmlichkeiten« bereite, weil der Rollstuhl dauernd kaputt sei. Der Versorger verweist darauf, dass seine Kostenpauschale weitgehend ausgeschöpft sei. Die Krankenkasse verweist auf vorige Ablehnungen. Die Wohnheimbetreuerin ist motiviert, hat aber keine zeitlichen ­Kapazitäten. Die Mutter von Herrn P. lebt in einer anderen Stadt und kann sich aus Altersgründen nicht mehr für ihren Sohn einsetzen. Die gesetzliche Betreuerin hat viele weitere Betreuungsfälle und kann sich daher nicht immer im erforderlichen Rahmen kümmern.

 

Telefonzentrale: ein physio­therapeutisches Handlungsfeld?

Am 21. Februar 2011 wird der völlig unzureichende Ersatzrollstuhl durch den bewilligten Aktivrollstuhl Impuls XX ersetzt. Der Versorger hat ohne Absprache mit der Physiotherapeutin den Rollstuhl angepasst und zur Verfügung gestellt. Die Physiotherapeutin führt daraufhin im März, April und Mai mit Versorger und Krankenkasse zahlreiche Telefonate, um eine verbesserte Anpassung des Rollstuhls des Patienten zu erreichen.

Gleichzeitig regt die Physiotherapeutin eine Versorgung mit neuen Orthesen an. Diese werden zeitnah geliefert, sind aber wiederum mangelhaft angepasst. Es folgen Telefonate der Physiotherapeutin mit Versorger und Betreuerin. Die Orthesen werden mehrmals mit Schaumstoff nachgepolstert – weiterhin keine optimale Versorgung. Es folgen weitere Telefonate mit Versorger und Betreuerin.

 

Geht doch … oder auch nicht!

Frühjahr 2013: Der Sitz des Patienten im Rollstuhl ist weiterhin nicht optimal. Die Physiotherapeutin beantragt zum wiederholten Male die Anpassung des Rollstuhls beim Versorger. Der Versorger geht auf Vorschläge der Physiotherapeutin ein. Ein angepasstes Rückenmodul, eine Thoraxpelotte und eine Fußhalterung werden beantragt und bewilligt. Die Anpassung erfolgt – trotz wiederholter Bitten –, ohne die Physiotherapeutin einzubeziehen.

 

Alles zum »Wohle« des Patienten! 

Im Sommer 2013 klagt Herr P. über Schmerzen in den Füßen und Beinen: Die Orthesen passen nicht. Die Physiotherapeutin regt bei der Heimbetreuerin einen Termin beim Orthopäden an. Im Oktober 2013 erfolgt der Besuch beim Orthopäden, gemeinsam mit Betreuerin und Physiotherapeutin. Die Untersuchung des Fußes und des Knöchels bleibt ohne Befund. Der Patient soll die Orthesen weiterhin tragen. Die Physiotherapeutin spricht die Versorgungsmöglichkeit mit einem Elektrorollstuhl an. Der Orthopäde verweist darauf, dass das Krankheitsbild des Patienten eigentlich nicht sein Fachgebiet sei, und empfiehlt, sich an einen anderen Spezialisten zu wenden. Die Physiotherapeutin startet daraufhin eine Telefonrecherche zu Neurologen und Orthopäden, die sich auf Zerebralparesen bei Erwachsenen und optimalerweise auch auf Hilfsmittelversorgung spezialisiert haben. Sie wird mehrfach an Ärzte des Sozial Pädiatrischen Zentrums (SPZ) verwiesen. Schließlich kommt ein Kontakt zu einer Fachärztin und eine Terminvergabe für Januar 2014 zustande.

 

Partizipation als Behandlungsziel

Im November 2013 bilden sich an den Fußknöcheln des Patienten offene Stellen. Die Orthesen können nicht mehr getragen werden. Dadurch ist keine Stehmöglichkeit mehr für den Patienten gegeben. Die Physiotherapeutin bittet die Betreuerin erneut um einen Besuch bei einem Spezialisten, auch um einen erneuten Anlauf für einen E-Rolli mit Aufrichtungsfunk­tion zu starten. Im Januar 2014 kommt es zu einem Termin bei einem Neuroorthopäden, dieser verweist auf die Neurologie des Krankenhauses. Im Juni 2014 verändert der Neurologe des Krankenhauses die Diagnose des Patienten und verordnet einen E-Rolli mit Aufrichtungsfunktion. Im Sommer 2014 bittet die Betreuerin des Wohnheims den Versorger um die Beantragung eines E-Rollis bei der Krankenkasse. Die Physiotherapeutin wird weder vom Versorger noch von der Betreuerin unterrichtet. Der Versorger beantragt einen E-Rolli mit Aufrichtungsfunktion bei der Krankenkasse.

 

Man kann sich schließlich nicht um alles kümmern!

Im September 2014 teilt die Krankenkasse mit, dass der Medizinische Dienst zur ­Begutachtung eingeschaltet wurde. Die Benachrichtigung wird nicht an die Physiotherapeutin weitergeleitet. Im Oktober 2014 stellt die Physiotherapeutin eine Nachfrage bei der Krankenkasse. Dort wird ihr mitgeteilt, dass der MDK eine Nachfrage an den Arzt geschickt habe, die von diesem nicht beantwortet worden sei. Eine Entscheidung zur Kostenübernahme sei erst nach erneuter Stellungnahme des Arztes möglich. Die Physiotherapeutin fragt im Wohnheim und bei der gerichtlichen Betreuerin des Patienten nach dem Verbleib dieses Bescheides. An beiden Stellen ist der Brief wegen Urlaubs- und Krankheitsfällen untergegangen. Die Versorgerfirma ist von sich aus nicht aktiv geworden.

Die weiteren noch ausstehenden Schritte sind nun: Anruf der Physiotherapeutin beim verordnenden Arzt mit der Bitte um Beantwortung der vorgelegten Fragen des MDK; erneute Antragstellung an die Krankenkasse; Warten auf den Bescheid; bei positivem Bescheid Rücksprache mit Betreuern und Versorgerfirma zur Anpassung; Hoffnung, dass die Termine und Absprachen zustande kommen, eingehalten und kommuniziert werden.

Anja Schittenhelm, Carmen Driemel

 

… und noch ein kurzes Nachwort der Redaktion:

Na, haben Sie an eigene Erlebnisse in dieser Art gedacht? Sind wir einfach über­motiviert? Haben wir ein Helfersyndrom? Oder sind wir als Physiotherapeuten einfach sehr nah am Patienten und sehen, wo es hängt? Natürlich kann man da nicht tatenlos zuschauen. Aber das alles ohne Bezahlung?

 

Foto: DDRockstar – Fotolia.com

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Aus unserer monatlichen Rubrik: “Unter uns” in der pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten

 

HINWEIS
Lesen Sie auch den Artikel »Hilfsmittelversorgung« von Carmen Driemel und Anja Schittenhelm in dieser Ausgabe der pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten ab Seite 65.

 

Heftnummer: 4-2015


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