_Praxis

Face-Mirroring – ein neuer Therapieansatz für ­chronische Nacken- und Gesichtsschmerzen

Im Gespräch mit Tanja Bossmann: Prof. Dr. Harry von Piekartz

AUF EINEN BLICK

Seit kurzem ist das neue computer­gestützte Face-Mirroring-Programm der CRAFTA (Cranio Facial Therapy Acade­my) erhältlich. Tanja Bossmann sprach mit Professor Dr. Harry von Piekartz von der Hochschule Osnabrück – unter seiner Leitung wurde das Programm entwickelt. Lesen Sie in diesem Beitrag, wie Therapeuten dieses neue Tool zum Assessment sowie zur Therapie unter anderem bei Patienten mit Gesichtsschmerzen unterschiedlicher Ursache einsetzen können.

Kapitel 1

Ihr empfehlt die Anwendung des Face- Mirroring-Programms bei verschiedenen Krankheitsbildern – was ist denn die zugrunde liegende Störung, die mit dieser neuen Interventionsstrategie beeinflusst wird?

Ja, die Therapieprogramme können bei Schmerzzuständen des Gesichts, der Nackenregion oder des Schulterbereichs eingesetzt werden, aber auch bei peripheren und zentralen Fazialisparesen oder nach einem Gesichtstrauma.

Gemeinsames Symptom dieser Störungen ist ein Verlust der Links-/Rechtserken­nung, der sogenannten Lateralisation, die mit der Dominanz einer Körperseite einhergeht. Wird diesen Patienten ein Bild mit einer Person gezeigt, die beispielweise ein Auge zukneift, fällt es ihnen schwer, zu erkennen, ob es sich dabei um die rechte oder die linke Seite handelt.

 

Das Problem liegt also nicht in der Peripherie, sondern im Gehirn selbst…

Genau. Führen wir uns einmal vor Augen, was das Gehirn bei dieser vermeintlich leichten Aufgabe leisten muss … Die Beurteilung, ob auf einem Foto die Bewegung eines rechten oder linken Körperteils gezeigt wird, läuft im Prinzip in drei Schritten ab: Im ersten Schritt trifft man nur eine unbewusste Entscheidung, in der man spontan beurteilt, ob eine Bewegung der rechten oder linken Seite zu sehen ist. Ab dem zweiten Schritt beginnt dann das Gedankenkarussell, denn jetzt muss der Proband oder Patient die Bewegung gedanklich nachvollziehen, ohne sie aktiv durchzuführen – wir sprechen dann von sogenannten »mental movements«. Im dritten Schritt realisiert der Proband oder Patient dann, ob seine erste spontane Einschätzung richtig war oder nicht. Wenn ja, endet hier das Gedankenkarussell. Wenn nicht, geht’s von vorne los.

 

Gut, nehmen wir an, einem Patienten mit chronischen Gesichtsschmerzen fällt diese Aufgabe sehr schwer – was stimmt denn dann in seinem Gehirn nicht? Gibt es hier schon Erkenntnisse aus der Forschung?

Aktuell gehen wir davon aus, dass es bei diesen Patienten durch die chronischen Schmerzen zu einer Veränderung der neuronalen Netzwerke im prämotorischen Kortex gekommen ist (1). Denkbar ist, dass die Neurone des sensomotorischen Homunkulus, die das Gesicht repräsentieren, übererregbar sind.

Die klinische Konsequenz daraus ist weiterer Schmerz und eine veränderte Wahrnehmung von Form und Größe des Körperteils. Wir nennen das »smudging« (engl. to smudge = verwischen). Die Patienten nehmen dann die betroffene Seite beispielsweise als größer oder verzerrt wahr. Dies beeinträchtigt dann natürlich auch die Gesichtsmotorik und in der Folge die Emotionserkennung.

Zusätzlich kommt es bei Patienten mit chronischen Schmerzen oft zu einer veränderten taktilen Wahrnehmung im betroffenen Gebiet.

Dies sind natürlich lediglich erste Theorien zur Pathophysiologie, aber verschiedene Fallstudien (1) zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Weitere Studien über Lateralisation und Emotions­erkennung müssen durchgeführt werden.

Besonders spannend finde ich übrigens, dass sich die klinischen Muster in Bezug auf Lateralisation und Emotionserkennung bei Patienten mit Fazialisparese, Parkinson sowie chronischen Rücken- und Gesichtsschmerzen signifikant im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen unterscheiden (2, 3).

 

Du hast gerade auch die Emotionserkennung genannt – was hat es damit auf sich?

Studien zeigen, dass die Lateralisation einen negativen Einfluss hat auf die Fähigkeit, die sechs Basisemotionen zu erkennen (1). Die betroffenen Patienten sind dann mitunter nicht in der Lage, einen

freudigen von einem überraschten oder einen traurigen von einem wütenden Gesichtsausdruck zu unterscheiden. Alexi­thymie ist der Fachausdruck für dieses Problem.

 

Inwiefern kann das Lateralisations- und Emotionstraining im Gehirn etwas bewirken?

Du musst dir klarmachen, dass die reine unbewusste Vorstellung einer Bewegung ähnliche neuronale Netzwerke aktiviert wie die tatsächlich ausgeführte Bewegung.

So kann letztendlich der Teil des Gehirns »trainiert« werden, der bei diesen Patienten nicht mehr richtig arbeitet, ohne dass beispielsweise eine schmerzhafte ­Gesichtsbewegung wirklich ausgeführt werden muss. Das Prinzip kennen wir ja aus der Spiegeltherapie in der Neurorehabilitation oder bei Patienten mit komplexem, regionalem Schmerzsyndrom (CRPS). Ohne das Lateralisationstraining sind die Effekte des Spiegelns aber nicht so gut – das wissen wir zum Beispiel aus Studien von Lorimer Moseley (4, 5).

Im Bereich des Gesichtstrainings sind wir mit der Forschung natürlich noch nicht so weit. Aber eine unserer Studien, die im Journal of Oral Rehabilitation akzeptiert wurde, zeigt, dass Lateralisation und Emotionserkennung zusammenhängen (6). Unsere bisherigen Erfahrungen deuten darauf hin, dass eine Verbesserung der Rechts- / Linkserkennung dem Emotionstraining vorausgehen sollte. Besonders interessant finde ich, dass sich Schmerzen und Funktion der Patienten deutlich verbessern, wenn Lateralisation und Emotionserkennung besser geworden sind.

Beide Aspekte – Lateralisation und Emotionserkennung – kann man mit dem Face-Mirroring-Programm einerseits im Rahmen des Assessments objektivieren und andererseits auch direkt damit trainieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Harry von Piekartz

 

Prof. Dr. Harry von Piekartz
Professor für PT;
Leiter des Masterstudiengangs Manuelle Therapie (OMT) an der Hochschule Osnabrück;
Präsident der Cranio Facial Therapy Academy (CRAFTA) sowie Fachlehrer für das Neuro-Orthopädische Institut (NOI) und das Maitland-Konzept (IMTA);
arbeitet in eigener Praxis in den Niederlanden;
Forschungs- und Behandlungsschwerpunkte: EBP, chronische Schmerzen, Kopf- und Nackenbeschwerden, Pädiatrie
Kontakt: h.von-Piekartz@hs-osnabrueck.de

 
 

INTERNET
Face-Mirroring-Programm (kostenlose Demoversion für 15 Tage)
www.physioedu.com
Anleitungsvideos
http://www.youtube.com/results?search_query=clinimetrics+CRAFTA
Eine umfassende Artikel-Liste der CRAFTA unter
http://crafta.org 


Das Face-Mirroring-Programm im Überblick

1. Patienten anlegen

Der Therapeut kann für jeden Patienten eine Art Karteikarte im Programm anlegen.

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2. Hauptmenü

Der Therapeut kann wählen zwischen den Programmen Lateralisation, Emotion, Kombination und Gesichtsspiegelung.

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3. Lateralisationsprogramm

Beim Lateralisationsprogramm werden Bilder von verschie­denen Personen gezeigt, die eine Bewegung entweder im Gesicht, in der Nacken-Schulter-Region oder der Hand durchführen. Der Patient soll dabei erkennen, ob es sich um die rechte oder linke Seite handelt. Wichtig dabei: Die Bilder können auch gedreht erscheinen und der Patient muss die Seite aus der Sicht der gezeigten Person bestimmen. Hier wird zum Beispiel jeweils die Bewegung der rechten Gesichtsseite gezeigt.

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4. Auswertung

Im Standardprogramm werden jeweils 48 Bilder immer in identischer Reihenfolge angezeigt. Der Patient hat 10 Sekunden Zeit für die Antwort. Am Ende der Durchführung erhält man eine Auswertung (rot = falsche Antwort; gelb = Zeit überschritten; grün = richtige Antwort innerhalb der Zeit).

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5. Emotionsprogramm

In diesem Programm werden die sechs Basisemotionen Freude, Angst, Überraschung, Ekel, Wut und Trauer von verschiedenen Personen dargestellt und der Patient muss erkennen, um welche der Emotionen es sich handelt. Hier zum Beispiel Freude, Überraschung und Wut. Wie auch im Lateralisationsprogramm wird am Ende eine Auswertung präsentiert (rot = falsche Antwort; gelb = Zeit überschritten; grün = richtige Antwort innerhalb der Zeit).

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6. Kombinationsprogramm

Hier werden Lateralisations- und Emotionstraining kombiniert. Dabei kann der Therapeut verschiedene Einstellungen vornehmen und den Schwierigkeitsgrad individuell anpassen.

 

7. Gesichtsspiegelung

Unter diesem Menüpunkt kann das Gesicht des Patienten tatsächlich gespiegelt werden, wenn eine integrierte Kamera am PC oder Laptop zur Verfügung steht. Dabei sind neben der einfachen Spiegelung auch komplexe visuelle Spiegelillusionen möglich. Hier kann der Patient die Übungen zur Lateralisation und Emotion mit visuellem Feedback durchführen.

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SCREENSHOTS
CRAFTA – mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Harry von Piekartz

 
 
Heftnummer: 8-2014

Literatur

 

  1. Von Piekartz H, Mohr G. 2014. Reduction of head and face pain by challenging lateralization and basic emotions: a proposal for future assessment and rehabilitation strategies. Journal of Manual and Manipulative Therapy 22, 1:24–35
  2. Disselkamp K, von Piekartz H, Mohr G. 2014. Emotionserkennung und Alexithymie bei Morbus Parkinson. Eine Querschnittsstudie. physioscience (in Press)
  3. Konnerth V, Mohr G, von Piekartz H. 2014. Erkennungsfähigkeit von Emotionen bei Patienten mit einer Fazialisparese – eine Querschnittstudie. Eingereicht bei der Zeitschrift Nervenarzt
  4. Moseley GL. 2005. Is successful rehabilitation of complex regional pain syndrome due to sustained attention to the affected limb? A randomised clinical trial. Pain 114:54–61
  5. Moseley GL. 2006. Graded motor imagery for pathologic pain: a randomized controlled trial. Neurology 67:2129–34
  6. Von Piekartz H, Wallwork S, Mohr G, Butler D, Moseley L. 2014. People with chronic facial pain perform worse than controls at a facial emotion recognition task; but it’s not all about the emotion. Journal of Oral Rehabilitation (in Press)

Autor

Dr. Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; 2007 bis 2017 pt-Redakteurin; 2012 bis 2018 Promotion an der Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften an der Technischen Universität München; seit März 2017 Chefredakteurin pt Zeitschrift für Physiotherapeuten.

tanja.bossmann@pflaum.de

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