_Praxis

Fallstudie zu Rolfing – Strukturelle Integration

Behandlung von Faszien, Körperstruktur und Bewegungsmustern

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In der aktuellen Faszien-Diskussion taucht der Begriff »Rolfing« häufig auf. Aber was verbirgt sich genau hinter dieser Methode? Der Autor erklärt uns sein Verständnis der Funktion von Faszien im Körper: Wie hängen Körperstruktur, Schwerkraft, Bewegung und Haltung zusammen? Und wie können wir darauf Einfluss nehmen? Anhand eines Fallbeispiels gibt er uns einen Einblick in seine Technik der Strukturellen Integration.

Ida Rolf

 

Rolfing geht auf die US-amerikanische Biochemikerin Ida Pauline Rolf zurück: In den 1950er-Jahren entwickelte sie die Methode der Strukturellen Integration. Rol­fing ist eine eingetragene Marke der von ihr gegründeten Schule, des Rolf Institute of Structural Integration (siehe Kasten).

 

 
ADRESSEN
Rolf Institute of Structural Integration
www.rolf.org
European Rolfing Association e. V. (ERA)
In ihr sind die in Europa praktizierenden Rolfer organisiert.
Die ERA bietet Ausbildungen in Rolfing SI an.
www.rolfing.org
Rolfing Verband Deutschland e. V.
Interessenvertretung der in Deutschland praktizierenden Rolfer,
der ERA angegliedert.
www.rolfingverband.de

 


Körperstruktur und ­Bewegungsablauf

 

Die Strukturelle Integration beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen der Form (= Körperstruktur) und der Funktion (= Bewegungsablauf) des Körpers. Die zugrunde liegende Frage lautet: Wie muss unsere Körperstruktur beschaffen sein, um unter dem allgegenwärtigen Einfluss der Schwerkraft optimal zu funktionieren?

Rolfing – Strukturelle Integration (Rol­fing – SI) ist eine Form der Faszienbehandlung und Bewegungsschulung mit dem Ziel, den Körper besser auf- und auszurichten. Eine so geordnete Köperstruktur ermöglicht einen ökonomischen und schonenden Bewegungsablauf und beugt Beschwerden des Bewegungsapparats vor beziehungsweise kann dazu beitragen, bestehende Beschwerden zu minimieren.

Die »klassische« Zehner-Serie in Rol­fing – SI umfasst zehn einstündige Sitzungen, bei der Schritt für Schritt auf eine verbesserte Aus- und Aufrichtung des Körpers in Richtung Lotlinie  hingearbeitet wird. Der Ablauf der Sitzungen innerhalb der Serie wird von Rolfing-spezifischen Prinzipien geleitet und folgt einer bestimmten inneren Logik. Die sich da­raus ergebenden Behandlungsschritte werden ständig den Erfordernissen des jeweiligen Klienten angepasst.

 

pt_INTERVIEW
Certified Rolfer Kathrin Otterstedt im Interview mit pt_Chefredakteur Frank Aschoff: Was ist Rolfing? Was passiert in einer Behandlung? Wie teuer ist eine Sitzung?


Fallstudie

 

Frau Winter (Name geändert) ist 43 Jahre alt. Die ehemalige Tänzerin praktiziert intensiv Ashtanga Yoga, eine dynamische, athletische Form des Yoga.

Sie berichtet über Schmerzen im unteren Rücken, die besonders bei bestimmten Yoga-Übungen auftreten – vor allem bei den sogenannten »Drop Backs«, bei denen man aus dem Stand rückwärts in die Brücke fällt und wieder aufsteht. Sie hat ein Gefühl des Ungleichgewichts zwischen der linken und rechten Körperhälfte, die linke Seite fühlt sich stabiler an. Außerdem spürt sie Verspannungen zwischen den Schulterblättern und im Nacken.

 

Abb. 1a–c_Strukturelle Analyse vor der Rolfing-Sitzung Fotos: Jorge Albarracin

Abb. 1a–c_Strukturelle Analyse vor der Rolfing-Sitzung

 

Strukturelle Analyse

Die Profilansicht im Stehen (Abb. 1a) zeigt eine Verschiebung des Beckens nach vorn – relativ zu einer Lotlinie durch das Schwerkraftzentrum des Körpers bei gleichzeitiger leichter Kippung des Beckens nach anterior. Diese Verschiebung des Beckens aus dem Lot wird nach kranial durch ein leichtes Überstrecken und Nach-hinten-Lehnen des Rumpfes kompensiert. Nach kaudal erfolgt die Kompensation durch eine Überstreckung der Knie.

In der Frontalansicht im Stehen (Abb. 1b) zeigt sich eine starke Außenrotation der Beine (rechts etwas stärker als links) sowie eine seitliche Verlagerung des Beckens und Rumpfes über das linke Bein.

Eine interessante Frage ist, inwiefern das oben beschriebene Bild im Stehen tatsächlich die Struktur der Klientin abbildet. Sehen wir wirklich die Form des Körpers, wie sie vom Spannungsmuster des Fasziennetzes bestimmt wird? Hier ist zu beachten, dass die meisten Menschen unabhängig von ihrer Struktur mit leicht nach vorn verschobenem Becken stehen. Diese Position fühlt sich zumindest kurzfristig bequem an und erfordert wenig bewusste Aufmerksamkeit. Dieses gewohnheitsmäßige Haltungsmuster kann das Bild verfälschen (siehe Kasten zur Ganganalyse).

Die im Stehen beobachteten Charakteristika treten bei Frau Winter im Gehen zum Teil noch stärker hervor (siehe Abb. 1c).

Dies deutet darauf hin, dass die schon im Stehen beobachtete Verschiebung des Beckens nach vorn und die damit einhergehenden Kompensationen strukturell – also durch die Form und das Spannungsmuster des Fasziennetzes – bedingt sind.

Beim hier beschriebenen Muster sind eine Reihe von ungünstigen Effekten zu beobachten, die zur Entstehung der Beschwerden von Frau Winter beitragen können:

  • Die Überstreckung des Rumpfes führt zu einer permanenten Stauchung des unteren Rückens im Stehen und im Gehen.
  • Hüft- und Kniegelenke werden im Moment der Belastung entgegen ihrer physiologischen Richtung bewegt. Dadurch geht die stoßdämpfende Wirkung dieser Gelenke weitgehend verloren.
  • Die Kombination von nach hinten gelehntem und überstrecktem Rumpf und überstreckten Knien bewirkt, dass das Körpergewicht beim Auftreten auf der Ferse landet. Sprunggelenke und Fußgewölbe können so ihre stoßdämpfende Wirkung nicht entfalten.
  • Die Summe dieser Faktoren führt zu einem »harten« Gang, bei dem der Stoß des Auftretens nahezu ohne Dämpfung auf den Körper übertragen wird.
  • Die seitliche Verlagerung des Rumpfes über das linke Bein führt dazu, dass Frau Winter beide Seiten ungleich belastet und weniger stabil ist.

 

 

GANGANALYSE
Um festzustellen, ob die beobachtete Verschiebung eher strukturell oder eher funktionell ist, bietet es sich an, den Gang zu analysieren. Der im Vergleich zum Stehen sehr viel komplexere Bewegungsablauf des Gehens scheint dazu zu führen, dass wir uns im Gehen eher so bewegen, wie es unsere Struktur vorgibt.
Ein nicht nur funktionell, sondern auch strukturell nach vorn aus dem Lot verschobenes Becken wird auch im Gehen in dieser Position bleiben. Ein strukturell nach hinten verschobenes Becken verschiebt sich im Gehen in der Regel zumindest ein Stück weit in Richtung Lotlinie zurück.
Zwischen Struktur und Funktion zu unterscheiden, ist hilfreich, um die Form des Fasziennetzes zu verstehen. Denn je mehr wir uns über die Form des Fasziennetzes im Klaren sind, desto zielgerichteter und spezifischer ist unsere manuelle Arbeit an den Faszien.
Auch für die Bewegungsschulung ist es hilfreich, zu wissen, welche Muster im Fasziennetz angelegt sind und welche eher funktionell bedingt sind.

 

 

Bespielhafte Vorgehensweise in der zweiten Sitzung

Im Rahmen der Zehner-Serie in Rolfing SI erfolgte die hier dokumentierte Behandlung beim zweiten Besuch der Klientin. Die Fotos entstanden unmittelbar vor beziehungsweise nach der Sitzung.

Im Rahmen der strukturellen Analyse erklärte ich der Klientin ihre typischen Haltungs- und Bewegungsmuster und löste mit Hilfe Rolfing-spezifischer manueller Techniken gezielt die Verkürzungen und Verfestigungen im Fasziennetz. Anschließend entwickelte sie unter meiner taktilen und verbalen Anleitung ein neues Bewegungsmuster.

Die manuelle Arbeit mit speziellen Rolfing-Techniken (siehe Abb. 3–8) erfolgte im Liegen und im Sitzen. Dabei konzentrierte ich mich auf die vorderen Unterschenkel, die Vorderseite der Knie, alle myofaszialen Strukturen im Bereich der Hüftgelenke, insbesondere die Faszienstrukturen an der Rückseite der Hüftgelenke, den Bereich des unteren Rückens und die Region zwischen den Schulterblättern. Zum Abschluss löste ich die Faszien im Bereich von Hals und Nacken sowie am Übergang von Hals und Kopf.

 

Abb. 3_Dehnen der Faszien an der Vorderseite der Unterschenkel: Die Klientin liegt in Rückenlage auf der Behandlungsliege. Für die Arbeit am rechten Unterschenkel zieht die rechte Hand des Therapeuten den Fuß der Klientin leicht nach distal, um das Bein zu stabilisieren, während die linke Hand  des Therapeuten mit der Innenkante des Zeigefingers die Faszien nach kranial dehnt. Dabei wird Schicht für Schicht vorgegangen, von oberflächlich bis tief.

Abb. 3_Dehnen der Faszien an der Vorderseite der Unterschenkel: Die Klientin liegt in Rückenlage auf der Behandlungsliege. Für die Arbeit am rechten Unterschenkel zieht die rechte Hand des Therapeuten den Fuß der Klientin leicht nach distal, um das Bein zu stabilisieren, während die linke Hand des Therapeuten mit der Innenkante des Zeigefingers die Faszien nach kranial dehnt. Dabei wird Schicht für Schicht vorgegangen, von oberflächlich bis tief.

 

Abb. 4_Formen des »Faszienstrumpfes«  im Bereich der Knie: Die Klientin liegt in  Rückenlage auf der Behandlungsliege. Der Therapeut umfasst mit beiden Händen das Knie der Klientin. Dabei formt er die Fas­zien, so als würde er eine verrutschte Strumpfhose in die richtige Form ziehen.

Abb. 4_Formen des »Faszienstrumpfes« im Bereich der Knie: Die Klientin liegt in Rückenlage auf der Behandlungsliege. Der Therapeut umfasst mit beiden Händen das Knie der Klientin. Dabei formt er die Fas­zien, so als würde er eine verrutschte Strumpfhose in die richtige Form ziehen.

 

Abb. 5–6_Dehnen der Faszien im Bereich des unteren Rückens: Die Klientin sitzt auf einer Bank und beugt sich nach vorn, bis ihr Rumpf auf den Oberschenkeln ruht. Das Beugen muss aus der Hüfte erfolgen, damit der gesamte Rumpf in die Länge gehen kann und nicht gestaucht wird. Der Therapeut übt mit beiden Händen leichten Druck auf den unteren Rücken der Klientin aus. Dabei arbeiten die Hände des Therapeuten in zwei entgegengesetzte Richtungen, eine Hand übt Zug nach kranial aus, während die andere Hand den unteren Rücken stabilisiert und dabei leichten Druck in kaudaler Richtung ausübt.

Abb. 5–6_Dehnen der Faszien im Bereich des unteren Rückens: Die Klientin sitzt auf einer Bank und beugt sich nach vorn, bis ihr Rumpf auf den Oberschenkeln ruht. Das Beugen muss aus der Hüfte erfolgen, damit der gesamte Rumpf in die Länge gehen kann und nicht gestaucht wird. Der Therapeut übt mit beiden Händen leichten Druck auf den unteren Rücken der Klientin aus. Dabei arbeiten die Hände des Therapeuten in zwei entgegengesetzte Richtungen, eine Hand übt Zug nach kranial aus, während die andere Hand den unteren Rücken stabilisiert und dabei leichten Druck in kaudaler Richtung ausübt.

 

Abb. 7_Lösen und Formen der Faszien im Bereich des Brustkorbs: Die Klientin liegt in Rückenlage auf der Behandlungsliege. Die linke Hand des Therapeuten übt am oberen Rücken zwischen den Schulterblättern einen Zug nach kaudal aus und löst dabei verklebte und verkürzte Faszien. Gleichzeitig übt die rechte Hand einen leichten Druck auf den Rippenbogen aus, um den Brustkorb zwischen beiden Händen zu komprimieren und ihm dabei mehr Länge zu geben.

Abb. 7_Lösen und Formen der Faszien im Bereich des Brustkorbs: Die Klientin liegt in Rückenlage auf der Behandlungsliege. Die linke Hand des Therapeuten übt am oberen Rücken zwischen den Schulterblättern einen Zug nach kaudal aus und löst dabei verklebte und verkürzte Faszien. Gleichzeitig übt die rechte Hand einen leichten Druck auf den Rippenbogen aus, um den Brustkorb zwischen beiden Händen zu komprimieren und ihm dabei mehr Länge zu geben.

 

Abb. 8_Lösen der Faszien am Übergang von Hals / Nacken und Kopf: Die Klientin liegt in Rückenlage auf der Behandlungsliege. Der Therapeut formt mit den Fingerspitzen der zweiten bis fünften Finger beider Hände einen »Ring« um die Schädelbasis und die kaudalen Endpunkte der Prozessi mastoidei. Mit den Fingerspitzen ertastet er durch das Gewebe die knöchernen Strukturen und übt dabei einen leichten Zug nach kranial aus.

Abb. 8_Lösen der Faszien am Übergang von Hals / Nacken und Kopf: Die Klientin liegt in Rückenlage auf der Behandlungsliege. Der Therapeut formt mit den Fingerspitzen der zweiten bis fünften Finger beider Hände einen »Ring« um die Schädelbasis und die kaudalen Endpunkte der Prozessi mastoidei. Mit den Fingerspitzen ertastet er durch das Gewebe die knöchernen Strukturen und übt dabei einen leichten Zug nach kranial aus.

 

Strukturelle und funktionelle Arbeit ergänzen sich

Beim Lösen von Verfestigungen und Beseitigen von Verkürzungen im Fasziennetz ist zu bedenken, dass dies icht immer automatisch zu einer Repositionierung der Segmente in Richtung Lotlinie führt. In manchen strukturellen Konstellationen kann die zusätzliche Länge und Geschmeidigkeit der Faszien sogar dazu führen, dass die Körpersegmente unter dem Einfluss der Schwerkraft noch etwas weiter aus dem Lot verschoben beziehungsweise gezogen werden. Für den nachhaltigen Erfolg der ­Behandlung ist deshalb grundsätzlich eine Bewegungsschulung mit bewusstem Spüren und Wahrnehmen des Unterschiedes zwischen altem und neuem Muster hilfreich.

 

EINE LORDOSE IST NOTWENDIG FÜR DIE DÄMPFUNG
Die gelegentlich geäußerte Kritik, dass durch die Verschiebung der Hüftachse nach hinten eine stärkere Lordose der Lendenwirbelsäule entstehe, lässt mehrere Aspekte außer Acht:
  • Die Lordose »entsteht« nicht durch die Reorientierung des Beckens, sondern sie kommt nur klarer zum Vorschein.
  • Bei der Form, die nach der Sitzung zu sehen ist, handelt es sich nicht um den Endpunkt der Behandlung, sondern um den Anfang eines Prozesses.
  • Eine ausschließliche Betrachtung der Form der Wirbelsäule greift aus struktureller Sicht zu kurz. Entscheidend ist, ob der Rumpf als Ganzes mehr Länge und eine bessere Stützung erhält.
  • Die Ansicht, dass eine Lordose des unteren Rückens an sich schon ein Problem darstellt, darf als überholt angesehen werden. Der Grund: Eine Lordose ist keine Fehlstellung, sondern physiologisch normal und notwendig für eine adäquate Dämpfung.
  • Entscheidend ist letztlich nicht das Erscheinungsbild von außen, sondern das von den Klienten wahrgenommene Gefühl, das sie oft als Entlastung des unteren Rückens beschreiben.

 

 

Bewegungsschulung

Die Bewegungsschulung erfolgte im Stehen und im Gehen. Ich zeigte der Klientin durch taktile und verbale Hinweise das neue Muster. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf der Hüft- und Knieachse, um die Abweichung »Hüfte vorn – Knie hinten« (siehe Abb. 1a) in die physiologisch vorteilhafte Richtung »Hüfte hinten – Knie vorn« zu bringen (siehe Abb. 2a).

Der Körper ist in diesem Arrangement besser gestützt und insbesondere der untere Rücken ist weniger gestaucht. Dabei ist unbedingt zu beachten, dass die Repositionierung der Achsen und die damit verbundene verbesserte Aufrichtung und Stützung nicht durch den Einsatz von Muskelkraft erfolgt, sondern durch gezieltes Loslassen.

In der frontalen Ebene sind nach der zweiten Sitzung eine deutliche Streckung des gesamten Körpers und eine verbesserte Links-Rechts-Symmetrie zu beo­b­achten (siehe Abb. 2b).

Auch das Gangbild am Ende der zweiten Sitzung zeigt eine Streckung des Rumpfes und eine besser aufgerichtete Nacken-Kopf-Region. Knöchel-, Knie-, Hüft- und Schulterachsen befinden sich näher an der Lotlinie. Dieses Arrangement erlaubt eine leichte Flexion von Knie und Hüfte im Moment des Auftretens sowie eine physiologisch vorteilhafte Funktion von Sprunggelenk und Fußgewölbe. Der gesamte Körper ist dadurch besser in sich gestützt und braucht weniger Energie für Aufrichtung und Fortbewegung. Gleichzeitig ist der Auftritt wesentlich besser gedämpft und dadurch für den gesamten Körper schonender (siehe Abb. 2c).

 

Abb. 2a–c_Strukturelle Analyse nach der Sitzung Fotos: Jorge Albarracin

Abb. 2a–c_Strukturelle Analyse nach der Sitzung

 

Die beschriebene Repositionierung und Reorientierung stellt für die Klientin eine erhebliche Herausforderung dar. Einerseits sind die verbesserte Stützfunktion und die verminderte Stauchung des unteren Rückens in der Regel deutlich zu spüren. Andererseits fühlt sich das neue Muster im ersten Moment fremd an. Die Verkürzungen im Gewebe, in diesem Fall besonders im Bereich der Leisten und im Bereich des unteren Rückens, werden offensichtlich und von innen stärker spürbar.

In den weiteren Sitzungen werde ich gezielt an diesen Stellen ansetzen, um mit manuellen Techniken eine weitere Verlängerung der Faszien zu erreichen. Ziel ist es, das Kippen des Beckens nach anterior und die Lordose des unteren Rückens zu vermindern. Dadurch wird der gesamte Körper etwas mehr gestreckt und es ergibt sich eine bessere Aufrichtung im Stehen, Gehen und Sitzen. Gleichzeitig gewöhnt sich die Klientin mehr und mehr an das neue Muster und empfindet es dadurch nicht mehr als fremd. Die Vorteile des neuen Arrangements werden somit besser spürbar.

 

pt_FACHVIDEO
Certified Rolfer, Physio- und Manualtherapeutin Kathrin Otterstedt zeigt die im
Artikel beschriebenen manuellen Rolfing-Techniken

 

 

GLOSSAR
Faszien
Das kollagene faserige Bindegewebe, das alle Strukturen des Körpers umhüllt und miteinander verbindet, bezeichnet man auch als Faszien. Nach neuerer Definition gehören zu den Faszien die Muskelhüllen, aber auch Bänder, Sehnen und Retinacula, Gelenk- und Organkapseln sowie Sehnenplatten und Muskelsepten. Wenn Rolfer von Faszien sprechen, sind in der Regel nicht anatomisch definierte einzelne Faszien gemeint, sondern das von der Gesamtheit aller Faszienstrukturen gebildete körperweite Fasziennetz.
Lotlinie Eine vertikale Linie, wie sie beispielsweise durch eine Lotschnur angezeigt wird. Sie entspricht der Richtung, in der die Schwerkraft wirkt.
Schwerkraftzentrum oder Schwerpunkt Im Gegensatz zu starren Körpern gibt es beim Menschen keinen festen Schwerpunkt; dieser ist abhängig von der Körperposition. Bei einem aufrecht stehenden Menschen befindet sich der Körperschwerpunkt etwa im Zentrum des Beckens.
Aufrichtung Eine optimale Aufrichtung des Körpers im Sinne von Rolfing SI ist dann gegeben, wenn die Schwerkraftzentren der einzelnen Körpersegmente (Kopf, Brustkorb, Becken, Oberschenkel, Unterschenkel, Fuß) möglichst nah entlang einer Lotlinie durch das Schwerkraftzentrum des gesamten Körpers angeordnet sind.
Hüftachse Gerade Linie durch die Zentren der beiden Hüftgelenke
Knieachse Entspricht den Flexions-Extensions-Achsen der beiden Kniegelenke

 

FOTOS: Jorge Albarracin

 

pt_1606_p4i BUCHTIPP
Ritter H. 2012.
Rolfing – Strukturelle Integration. ­
Noema Verlag, München
ISBN-13: 978-3981278118

 

 

Heftnummer: 6-2016


Autor

Hubert Ritter

Seit 1994 Certified Advanced Rolfer; langjähriges Mitglied der European Rolfing Association e. V. (ERA) und Vorstandsmitglied des Rolf Institute of Structural Integration in den USA; praktiziert Rolfing – Strukturelle Integration in eigener Praxis in Berlin und gibt Einführungskurse in die Methode für Physiotherapeuten und Osteopathen.

hubertritter@yahoo.com

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