_Praxis

Faszientherapie bei Rückenschmerzen

Im Gespräch mit Frank Aschoff: Robert Schleip

AUF EINEN BLICK

Trotz des aktuellen medialen Hypes um das Fasziensystem sieht Dr. Robert Schleip die Faszie, die entsprechende Therapie und das Training bescheiden nur als einen bisher noch fehlenden Mosaikstein. Frank Aschoff unterhielt sich mit ihm über seine aktuellen Untersuchungen zum Rückenschmerz und sein neues Buch.

Dr. Robert Schleip (li) im Gespräch mit Frank Aschoff (re), Anfang November 2014 in München Foto: Daniel Brunner

Dr. Robert Schleip (li) im Gespräch mit Frank Aschoff (re), Anfang November 2014 in München
Foto: Daniel Brunner

 

Vor Kurzem habe ich einen Fernseh­beitrag des Südwestdeutschen Rundfunks (a) gesehen: Ein Rückenschmerz­patient kommt zum Neurochirurgen. Seine Beschwerden strahlen in sein Bein aus, ungefähr bis Mitte Oberschenkel. Der Arzt untersucht ihn, schließt die Bandscheibe und eine dadurch bedingte Nervenwurzelirritation als Ursache aus und stellt eine vorläufige Diagnose: Die lumbale Faszie könnte für die Beschwerden verantwortlich sein. Der Patient wird in die Ultraschalldiagnostik geschickt und sein Rücken wird dort während Flexions- und Extensionsbewegungen des Rumpfes geschallt. Der Untersucher ­erläutert dem Patienten anhand des Monitorbildes, dass die Faszie auf der Rückenmuskulatur schlecht gleitet. Auch misst er die Dicke der Faszie und stellt einen überdurchschnittlich hohen Wert fest. Danach geht der Patient zu Ihnen in die Therapie – darauf können wir aber später noch zurückkommen. Ich war erstaunt, dass ein Neurochirurg eine solche Diagnose stellt.

Ja, ich muss sagen, dass Chirurgen die Faszien üblicherweise besser kennen als Orthopäden und auch als die meisten anderen Mediziner. Sie sehen ja jeden Tag, wie verklebt die Faszie sein kann, deswegen sind sie eigentlich den Erkenntnissen der letzten Jahre gegenüber am aufgeschlossensten. Was wir an der Universität Ulm in der ­Abteilung in Günzburg jetzt machen – und das wurde im Fernsehbeitrag von odysso schön gezeigt –, ist wirklich eine Kollaboration. Es wird erst gründlich schulmedizinisch geklärt, ob andere »Täter« außer den Faszien infrage kommen. Wir haben derzeit noch keine allgemeingültigen Grenzwerte, ab welcher Dicke die Faszie ein Schmerzverursacher ist, aber wir haben Hinweise. Ich ­sitze dann wirklich ein Zimmer weiter und wir können versuchen, mit Faszientherapie einen Schritt weiterzukommen. Interessant ist dann vor allem das anschließende Zurückschicken zum ­Neurochirurgen und dass der unter anderem mit Ultraschall schaut, ob meine ­Faszientherapie etwas gebracht hat, nicht nur subjektiv, sondern auch morphologisch, also sichtbar an den Bildern.

 

Geschieht dies im Rahmen einer Studie, die Sie dort durchführen?

Und ob! Derzeit sind wir da noch im Pilotstadium: Wir testen, wie die Zusammenarbeit in Günzburg aussehen kann. Und wir wollen natürlich immer Studien und ­Datenerhebungen damit verbinden.

 

Im »Lehrbuch Faszien« habe ich zwar Kapitel unter anderem über Frozen Shoulder, Morbus Dupuytren und Achillessehnenproblematiken gefunden, aber kein eigenes Kapitel über Rückenschmerzen. Darum war ich jetzt erfreut, dass Sie sich der Problematik zuwenden. Sie ist am Bewegungsapparat natürlich Volkskrankheit Nummer eins …

Ja, das findet erst seit den letzten eineinhalb Jahren statt, hauptsächlich durch die Forschungsgruppe um Professor Mense an der Universität Heidelberg. Es sind nicht mehr nur vage Vermutungen, sondern es wird jetzt sehr, sehr greifbar – das ist in der Tat sehr spannend.

 

Dann sehe ich den Patienten, wie er vor Ihnen sitzt, und Sie behandeln ihn zunächst mit manuellen Techniken, bereiten ihn schonend darauf vor, dass es etwas wehtun kann, aber es soll nur ein »Wohlweh« sein. Welche Techniken wenden Sie dort an?

Bei meinen Patienten benutze ich häufig das, was ich in der Rolfing-Methode kennengelernt habe. Diese ist auf verfestigte und nicht gleitfähige Faszien konzipiert und da auch sehr geeignet. Es sind langsam schmelzende, zum Teil aber auch mit sehr großem Druck verbundene Bewegungen, mit deren Hilfe man versucht, Adhäsionen zu lösen. Das geht nie über den »Wohlwehschmerz« hinaus. Das kann man recht klar daran erkennen, dass der Patient höchstens mit einer körperlichen Zuwendungsbewegung reagiert, einem Orienting, wie man in der Biologie sagt, und nicht mit spontanem Rückzug. Das kann man sehr schön sehen, ab wann das da ist. Man kann ­versuchen, direkt an dieser Schwelle zu arbeiten.

 

Dann verwenden Sie den sogenannten Duoball – früher nahm man zwei Tennisbälle in der Socke – und lassen den Patienten mit dem unteren Rücken auf diesem Gerät rollen. Welches Ziel hat das?

Ja, das wissen wir auch noch nicht so ­genau (lacht). Es wird auf jeden Fall der Metabolismus angeregt, inklusive der Produktion von Stickoxid; dazu gibt es ­relativ robuste Studien. Dies hat eine antifibrotische Wirkung. Wenn dort vernarbtes, verdicktes oder verfilztes Bindegewebe ist, produzieren die Fibroblasten Stunden nach dem Rollen entsprechende Botenstoffe, die dann helfen können, das Gewebe wieder beweglicher zu machen. Das ist der eine Effekt. Der zweite Effekt ist der »Schwammeffekt«, den haben wir auch selber untersucht: Ähnlich wie mit der Rolferhand, durch Druck oder Zug, das macht kaum einen Unterschied, presst man »abgestandenes« Wasser aus dem Gewebe heraus, das sich dann mit frischem Wasser füllt, das zum großen Teil aus dem Blutplasma stammt.

 

Als dritte Maßnahme lassen Sie den ­Patienten sich im hohen Sitz auf eine Therapiebank setzen, geben ihm eine leichte Hantel in die Hände und lassen ihn leichte Schwungbewegungen durch­führen. Welches Ziel hat dies?

Ja, schön, dass Sie das ansprechen: Hier sollte man vorsichtig vorgehen! Das ist wichtig, gerade bei ­Rückenschmerz. Denn was dort oft im Vordergrund steht, ist die Bewegungsangst, die zuerst hilfreich ist, aber langfristig vorwiegend negative Konsequenzen hat. Gerade federnde Bewegungen werden vom Patienten vermieden. Diese aber möchten wir versuchen langsam wieder zu fördern, indem wir in der therapeutischen Situation und später dann im Alltag langsam mit faszialen, schwingenden Bewegungen beginnen. Man hat erst in den letzten Jahren festgestellt, dass bei einer vorwärts gebeugten federnden Rumpfbewegung die Rückbewegung in die Streckung beim Gesunden weniger von den Muskeln als von den elas­tischen kollagenen Elementen kommt.

 

In welchem Zeitraum könnte so eine Therapie greifen?

Für den morphologischen, den architektonischen Umbau und die Umorganisation, in der alte Kollagenfasern durch neuere, flexiblere, elastischere ersetzt werden, muss man in Zeitfenstern von sechs bis 24 Monaten rechnen. Die Halbwertszeit von kollagenem, faserigem Bindegewebe ist ungefähr ein Jahr. Das heißt, wenn jemand so eine spröde, zerrissene Lendenfaszie hat, dass dann schon jede zweite Bastfaser nach einem Jahr erneuert ist. Damit hat sie schon wesentlich andere ­Eigenschaften. Es gibt im therapeutischen Alltag aber auch schon kurzfristige Veränderungen: Das Nervensystem findet ­wieder die Rezeptoren, um die Stellgrößen im Bindegewebe stimmig abzugreifen und im Alltag wieder zu benutzen – das kann schon schneller gehen.

 

Viele Kollegen kritisieren ja zurzeit, dass es vielleicht nur ein Hype ist, dass sich hier vielleicht wieder nur auf eine Struktur konzentriert wird  …

Natürlich haben einige Fälle von Rückenschmerz gar nichts mit der Faszie zu tun. Das ist in der Subklassifikation von ­Rückenschmerzen von O’Sullivan und Kollegen sehr gut aufgelistet. Die Unterkategorie »Bewegungsabhängiger Rückenschmerz« erfasst  ungefähr ein Drittel. Mit dem kollagenen, faserigen Bindegewebe des Fasziennetzwerkes – und dazu gehören für uns auch beispielsweise die Gelenkkapseln der Facettengelenke und die paraspinalen Bänder – decken wir vermutlich bis zu zwei Drittel von diesem Drittel ab. Es gibt aber ganz klar Fälle, bei denen Bandscheiben die Ursache sind: bei ungefähr 20 Prozent der akuten Rückenschmerzen. Dann braucht man keinen Faszientherapeuten!

 

Nun kümmern Sie sich ja nicht nur um die schon Erkrankten, sondern Sie ­nehmen auch die Menschen in den Blick, die fit werden oder bleiben wollen – und Fitness ist ja ein schützender Faktor bei Rückenschmerzen. Sie haben zusammen mit der Wissenschafts­journalistin Johanna Bayer ein neues Buch geschrieben, »Faszien Fitness«. Ich habe es gleich gelesen: sehr anschaulich, auch durchaus für den Laien verständlich aufbereitet. Es ist in unserer Redaktion sehr gut angekommen, aber hat ja auch allgemein großen Erfolg.

Ja, Platz eins in der Bestsellerliste bei Amazon im Sportbereich. Also alle ­Achtung – vor allem für meine Kollegin Johanna Bayer!

 

Gratuliere! Didaktisch ja auch sehr gut aufbereitet! Sie würdigen, dass die ­Faszie nicht gerade erst »erfunden« worden ist, sondern erwähnen Andrew Taylor Stills, Elisabeth Dicke, Pischinger …

Ja, denn die berechtigte Reaktion vieler Kollegen aktuell ist ja: »Was ist daran jetzt so brandneu? Das Bindegewebe gibt es ja schon länger!« Neu ist in der Tat nur, dass man es jetzt so gut messen kann.

 

Wie haben Sie das im aktuellen Buch veröffentlichte Übungsprogramm entwickelt? 

Das Programm ist in einer Gruppe von Körpertherapeuten entstanden, unter ­anderem Thomas Myers, meinem Rolferkollegen, dem Autor des Bestsellers ­»Anatomy Trains«. Wir haben überlegt, wie man das Faszienwissen in den sporttherapeutischen Bereich übertragen kann. Das war und ist eine sehr coole Gruppe! Da ist dann die Initiative entstanden, aus der auch die Fascial Fitness hervorgegangen ist. Das Buch ist jetzt der aktuelle Versuch, das Thema für den Laien verständlich aufzubereiten.

 

Das ist gut gelungen! Ich denke, dass das Buch auch für viele Bewegungs­experten geeignet ist.

Ja, aber wovor ich warnen muss, ist, dass die Leute jetzt nur noch Faszientraining machen und mit ihrem bisherigen Muskeltraining oder kardiovaskulärem Training aufhören. Das Faszientraining sollte lediglich eine Ergänzung sein, nicht der neueste Trend oder Hype. Es bietet uns einen bisher noch fehlenden Mosaikbaustein.

 

ZUSATZSERVICE
In diesem Artikel finden Sie eine gekürzte Fassung. Das vollständige Interview, unter anderem mit interessanten und ganz aktuellen Hinweisen zur Faszientherapie in der Onkologie von Dr. Robert Schleip, finden Sie im Video:

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HINWEIS
Faszien Summit mit Dr. Robert Schleip am 7. und 8. Februar 2015 in München:
fasziensummit.de

 

1412_p3cBUCHTIPP
Robert Schleip,
Johanna Bayer.
2014.
Faszien Fitness.
München: riva verlag

 

ANMERKUNG
(a) SWR odysso. Die Erforschung der Faszien: Sind Faszien totes Gewebe? Welch ein Irrtum! (Teil 1) 04:41 Min, 23.10.14, 22.00 Uhr, SWR Fernsehen.
Teil 1 und 2 abrufbar unter: www.swr.de/odysso

 

robert_schleipROBERT SCHLEIP
Dr. biol. hum., Dipl.-Psych.;
Certified Rolfer, zertifiziert 1978 als damals erster deutscher Rolfer; Certified Feldenkrais Practitioner, zertifiziert 1987;
2006 Promotion zum Dr. biol. hum. mit Auszeichnung summa cum laude an der Uni­versität Ulm; Diplom-Psychologe seit 1980, Universität Heidelberg; Heilpraktiker seit 1980; Direktor des Fascia Research Project, Universität Ulm; Research Director der European Rolfing ­Assocation e. V.; Lehrbeauftragter des Rolf Institute ­(Boulder, Colorado) sowie der European Rolfing Association e. V.; ­Wissensch. Beirat der Ida P. Rolf Research Foundation; ­
Auszeichnung mit dem Vladimir-Janda-Preis für Muskulo­skelettale Medizin.
Foto: Mira Hampel

 

 

Heftnummer: 12-2014


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