_Praxis

Head-Neck-Differentiation-Test

Zervikogenen Schwindel von vestibulärem Schwindel differenzieren

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HWS-Patienten haben manchmal Schwindelsymptome, ebenso wie Patienten mit Gleichgewichtsstörungen. Wie kann man in der klinischen Untersuchung herausfinden, um welche Form von Schwindel es sich handelt? Der Schwindelexperte Firat Kesgin stellt ­Ihnen dazu den Head-Neck-Differentiation-Test vor, der den zervikogenen vom vestibulären Schwindel differenziert.

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Der zervikogene Schwindel ist ein sehr umstrittenes Thema in der vestibulären Forschungswelt, denn streng genommen kann man bei dieser Art von Schwindel nur eine Verdachtsdiagnose stellen. Noch fehlen zuverlässige Studien, welche die Hypothese der möglichen Pathologie und Diagnose dieser Schwindelart bestätigen (1). Bevor der zervikogene Schwindel als mögliche Ursache in Erwägung gezogen werden kann, sollte der vestibulär bedingte Schwindel durch einen vestibulären Check-up komplett ausgeschlossen werden.

Erst wenn der vestibulär bedingte Schwindel, vor allem der Lagerungsschwindel, ausgeschlossen wurde, kann eine mögliche zervikogene Ursache in ­Betracht gezogen werden (2). Es ist erwähnenswert, dass es nicht einen bestimmten Test für den zervikogenen Schwindel gibt, der eine hohe Spezifität und Sensitivität aufzeigt, sondern dass eine Kombination aus mehreren Tests, wie dem Vertebral-Artery-Compression-Test und dem Cervical-Distraction-Test, das Ergebnis letztendlich zuverlässig macht. Dennoch wird der Head-Neck-Differen­tiation-Test als ein mögliches Instrument zur Diagnose eines zervikogenen Schwindels empfohlen.


Head-Neck-Differentiation-Test

 

Der zervikogene Schwindel wird durch schnelle, endgradige Bewegungen provoziert. Eine schnelle Kopfdrehung stimuliert jedoch auch das Gleichgewichts­organ, weshalb die Symptome auch durch das Vestibularorgan provoziert werden könnten. Philipszoon und Bos (3) schlugen als Erste vor, die zervikogene von der vestibulären Komponente isoliert zu untersuchen. Das Verfahren, das damals als Neck-Torsion-Nystagmus-Test beschrieben wurde, wurde später durch andere Autoren (4, 5) in Head-Neck-Differentia­tion-Test umbenannt.


Test-Ausführung

Die Patientin sitzt auf einem drehbaren Hocker. Zunächst wird sie gebeten, den Kopf im normalen Tempo endgradig nach rechts und anschließend nach links zu drehen (Abb. 1–3). Dies wird 30 Sekunden in mäßigem Tempo ausgeführt. Die Bewegungen sollen die Symptome provozieren oder verstärken – die Voraussetzung für den weiteren Verlauf des Tests.

 

Abb. 1–3_Head-Neck-Differentiation-Test: Symptomprovokation durch Kopfdrehungen nach rechts und links

Abb. 1–3_Head-Neck-Differentiation-Test: Symptomprovokation durch Kopfdrehungen nach rechts und links

 

Danach wird die vestibuläre Komponente isoliert, indem der Untersucher den Kopf der Patientin mit den Händen fixiert (Abb. 4). Sie dreht sich nun auf dem ­Hocker ausschließlich mit dem Rumpf nach rechts und nach links, wodurch eine relative Rotation der Halswirbelsäule auftritt, ohne das Vestibularorgan zu stimulieren (Abb. 5, 6).

 

Abb. 4–6_Erster Teil des Head-Neck-Differentiation-Tests: HWS-Rotationen durch Drehungen des Körpers nach rechts und links bei gehaltener Kopfposition

Abb. 4–6_Erster Teil des Head-Neck-Differentiation-Tests: HWS-Rotationen durch Drehungen des Körpers nach rechts und links bei gehaltener Kopfposition

 

Im Anschluss wird sie gebeten, sich auf dem Hocker en bloc zu drehen, das bedeutet, Kopf und Rumpf bewegen sich gleichzeitig zur rechten und anschließend zur linken Seite (Abb. 7–9). Beide Bewegungen werden 30 Sekunden in mäßigem Tempo wiederholt (Drehung nach rechts, Drehung nach links, Drehung nach rechts, Drehung nach links und so weiter.)

 

Abb. 7–9_Zweiter Teil des Head-Neck-Differentiation-Tests: Drehungen des Körpers en bloc nach rechts und links, ohne HWS-Rotationen.

Abb. 7–9_Zweiter Teil des Head-Neck-Differentiation-Tests: Drehungen des Körpers en bloc nach rechts und links, ohne HWS-Rotationen.

 

Ist der Test bei der ersten Ausführung, bei welcher der Kopf der Patientin durch den Untersucher stabilisiert wird, positiv (Symptomprovokation) und im zweiten Durchgang, bei dem sie sich en bloc dreht, negativ (keine Symptome), so kann dies darauf hindeuten, dass der Schwindel ­zervikogen bedingt ist. Ist der Test umgekehrt bei der ersten isolierten Rumpf­drehung symptomfrei, aber bei der Drehung en bloc symptomprovozierend, so würde dies auf einen vestibulär bedingten Schwindel hinweisen. Treten bei beiden Bewegungen Symptome auf, so ist die nächstliegende Vermutung, dass eine Koexistenz beziehungsweise Kom­bination von vestibulären und zerviko­genen Komponenten die Ursache ist.


Wie gut ist der Test?

 

Die zwei wohl anerkanntesten evidenz­basierten Quellen (6, 7) im Bereich der vestibulären Therapie klassifizieren diesen Test als unzuverlässig. Als Grund hierfür wird die hohe Falsch-Positiv-Rate genannt, da auch bei nicht zervikogen ­bedingtem Schwindel der Test häufig positiv sein kann. Folglich gilt der Test als unspezifisch.
Fitz-Ritson (5) beschreibt in seiner Studie, dass durch den Test bei 112 von 235 Patienten mit Verdacht auf zervikogenen Schwindel (47,6 Prozent) die zervikogene Ursache festgestellt wurde. Von diesen 112 Patienten konnten 101 (90,2 Prozent) nach 18 zervikogenspezifischen Therapien erfolgreich behandelt werden und waren anschließend symptomfrei.

Norré (4) und Van de Calseyde et al. (8) betonen, dass der zervikogene Schwindel bei Patienten als primäre Ursache nur durch eine Kombination aus weiteren positiven Tests und bei Abwesenheit einer möglichen vestibulären Ursache vermutet werden könne. Norré (4) kritisiert den Test, da er aufgrund seiner Inkonsistenz nur bei 50 Prozent der mutmaßlich Betroffenen positiv sei; folglich sei auch die Sensitivität des Tests niedrig. Da in den letzten Jahrzehnten die Spezifität und Sensi­tivität des Tests nicht weiter untersucht wurde, können keine aktuelleren und genaueren Werte angegeben werden.


Fazit

 

Trotz der niedrigen Spezifität und Sensi­tivität bleibt der Head-Neck-Differentiation-Test der wohl am meisten genutzte und bekannteste Test, um einen zervikogenen von einem vestibulär bedingten Schwindel zu unterscheiden. Jedoch sollte das Testergebnis nicht zur Enddiagnose führen: Erst wenn vestibuläre Ursachen durch eine gründliche vestibuläre Untersuchung ausgeschlossen wurden und auch andere Tests für den zervikogenen Schwindel positiv ausfallen, kann die zervikogene Komponente als Hauptursache für die Symptome gesehen werden (4).

Im Gegensatz zu den Tests gibt es immer mehr Studien (9–12), die zeigen, dass die Propriozeption der HWS bei Patienten mit Verdacht auf zervikogenen Schwindel auffällig stark gestört ist. Dies kann sehr leicht mit der Winkelreproduktion getestet und geübt werden.

 

ANMERKUNG
Fotos von Firat Kesgin

 

Heftnummer: 1-2016


Literatur

  1. Furman J, Cass S. 1996. Balance disorders: A ­case-study approach. Philadelphia: F.A. Davis
  2. Wrisley D, Sparto P, Whitney S, Furman J.2000. Cervicogenic dizziness: a review of diagnosis and treatment. J. Orthop. Sports Phys. Ther. 30:755–66
  3. Philipszoon A, Bos J. 1963. Neck torsion nystagmus. Pract. Otorhinolaryngol. 25:339
  4. Norré M. 1987. Cervical vertigo. Diagnostic and semiological problem with special emphasis upon »cervical nystagmus«. Acta Otorhinolaryngol. Belg. 41:436–52
  5. Fitz-Ritson D. 1991. Assessment of cervicogenic vertigo. J. Manip. Physiol. Ther. 14:193
  6. Herdman S, Clendaniel R. 2014. Physical Therapy Management of Cervicogenic Dizziness. In Vestibular Rehabilitation. Philadelphia: F.A. Davis
  7. Wrisley D. 2002. Cervicogenic Dizziness.
    vestibular.org/cervicogenic-dizziness
    Zugriff am 26.6.2015
  8. Van de Calseyde P, Ampe W, Depondt M. 1977. ENG and the cervical syndrome. Adv. Otorhinolaryngol. 22:119–24
  9. Revel M, Andre-Deshays C, Minguet M. 1991. Cervicocephalic kinesthetic sensibility in patients with cervical pain. Arch. Phys. Med. Rehabil. 72:288
  10. Revel M, Minguet M, Gergoy P, Vaillant J, ­Manuel JL. 1994. Changes in cervico-cephalic kinesthesia after a proprioceptive rehabilitation program in patients with neck pain: a randomized con-trolled study. Arch. Phys. Med. Rehabil. 75:895
  11. Heikkilä H, Wenngren B. 1998. Cervicocephalic kinesthetic sensibility, active range of cervical ­motion, and oculomotor function in patients
    with whiplash injury. Arch. Phys. Med. Rehabil. 79:1089
  12. Treleaven J, Jul G, Sterling M. 2003. Dizziness and unsteadiness following whiplash injury: characteristic features and relationship with cervical joint position error. J. Rehabil. Med. 35:36

Autor

Firat Kesgin

​​Physiotherapeut; 2013 B. Sc. Physiotherapie an der HAN University, Nijmegen (NL); 2012 Weiterbildung am Schwindelzentrum PBRC, Seattle (USA); 2013–2015 PT auf neurologischen Stationen; seit 2015 Masterstudium an der University of Brighton (UK); eigene Privatpraxis in Hamburg mit Schwerpunkt Schwindel; Referent für vestibuläre Therapie und Schwindel; 2016 Gründung eines Fortbildungsinstituts für vestibuläre Rehabilitationstherapie.

info@ivrt.de

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