_Praxis

Hilfsmittelversorgung

Eine Herausforderung – auch für uns Physiotherapeuten

Hilfs- und Heilmittel stehen in einem ­engen Kontext und sind häufig nicht getrennt voneinander zu betrachten. Lesen Sie über die Herausforderungen, vor denen Physiotherapeuten im Arbeitsalltag bei der Hilfsmittelversorgung ihrer Patienten stehen können.

Hilfsmittel: wichtig für die Patienten!

 

Rollstühle, Orthesen, Einlagen, Korsette, Sitz- und Stehhilfen – besonders bei Pa­tienten mit Mehrfachbehinderungen erfolgt regelmäßig eine Neuversorgung mit Hilfsmitteln. Sie sind als Ausgleich einer Behinderung anzusehen und ermöglichen dem Nutzer, seine Beeinträchtigungen besser zu kompensieren und leichter am Lebensalltag teilzuhaben. Hilfsmittel unterstützen ihn in der Fortbewegung, der Kommunikation und verhindern eine Verschlechterung bestehender Fehlstellungen. Die Versorgung mit Hilfsmitteln für Versicherte einer gesetzlichen Krankenversicherung wird in der Hilfsmittelrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses festgelegt. (Kasten)

 

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Wie gut wird die Hilfsmittel­versorgung koordiniert?

 

Im ambulanten Bereich

Damit das neue Hilfsmittel optimal auf den Patienten angepasst werden kann, ist eine intensive Zusammenarbeit aller am Versorgungsprozess Beteiligten von Vorteil (1). Neben dem verordnenden Arzt zählen dazu das Sanitätshaus, welches mit der Anfertigung und Anpassung beauftragt ist, der Patient beziehungsweise sein Betreuer, die Krankenkasse und nicht zuletzt der Therapeut.

Leider lässt sich ein interdisziplinäres Miteinander gerade im ambulanten Versorgungsbereich nur schwer umsetzen. Fehlende Kommunikation, fehlendes Fachwissen, ein mangelndes Zeitbudget und eine ungeklärte Vergütungs

situation stehen dem interdisziplinären Austausch entgegen. Ein nicht erkannter Hilfsmittelbedarf, lange Wartezeiten und langwierige Nachbesserungen sind häufig die ­Folge. Dieser Prozess belastet nicht nur den Patienten, sondern vergeudet die Ressourcen aller Beteiligten (1).

 

Im klinischen Kontext

Wesentlich besser stellt sich diese Situa­tion in klinischen Einrichtungen wie Rehabilitationskliniken oder Sozialpädia­trischen Zentren (SPZ) dar. Hier ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit schon durch die räumliche Nähe einfacher und fest in die Versorgungsstruktur integriert (2). In enger Kooperation der beteiligten Akteure werden Hilfsmittelanpassungen gemeinsam geplant und begleitet.

Bei erwachsenen Patienten, die aufgrund ihres Alters aus der klinischen Versorgung »herauswachsen« und nicht mehr durch das SPZ versorgt werden (3), gestaltet sich der Prozess der Hilfsmittelversorgung wesentlich unstrukturierter. Wenn zudem der Patient durch eine Mehrfachbehinderung nicht in der Lage ist, koordinierende Aufgaben zu übernehmen, und auf die Hilfe von Bezugspersonen angewiesen ist, verschlechtern sich seine Chancen auf ein passgerechtes Hilfsmittel zunehmend.

Die Autorinnen beschreiben in der ­Rubrik UNTER UNS in dieser Ausgabe der pt_Zeitschrift für ­Physiotherapeuten die »Chronik einer Rollstuhlversorgung« ein Fallbeispiel, das sie selbst in ihrer Praxis erlebt haben. Sie berichten darin, wie sich die Hilfsmittelversorgung eines Patienten über Jahre hingezogen hat und aufgrund der fehlenden Zusammenarbeit der beteiligten Akteure missglückte.

Häufig geht der erste Impuls für eine Hilfsmittelversorgung vom Physiotherapeuten aus. Seine Kompetenz und Kenntnisse über den Patienten können im Versorgungsprozess sehr wichtig sein. Viele Physiotherapeuten engagieren sich deshalb; vergütet wird diese Leistung jedoch nicht.  Foto: Andrey Burmakin – Fotolia.com

Häufig geht der erste Impuls für eine Hilfsmittelversorgung vom Physiotherapeuten aus. Seine Kompetenz und Kenntnisse über den Patienten können im Versorgungsprozess sehr wichtig sein. Viele Physiotherapeuten engagieren sich deshalb; vergütet wird diese Leistung jedoch nicht.
Foto: Andrey Burmakin – Fotolia.com


Die Rolle des Physiotherapeuten

 

Wie das Fallbeispiel zeigt, ist das Thema Hilfsmittel Teil des physiotherapeutischen Alltags. Häufig realisieren wir Therapeuten als Erste, dass die Sitzschale zu eng geworden ist oder der Rollstuhl die Mobilität unserer Patienten eher einschränkt als unterstützt. Gerade durch die Nähe zum Patienten im Hausbesuch und die durch neurologische Erkrankungen erforderlichen Dauerbehandlungen entsteht eine intensive Beziehung, in der wir als fester Ansprechpartner gelten.

Da unsere Patienten auf die Hilfsmittel angewiesen sind und häufig nicht die Initiative zur Hilfsmittelversorgung ergreifen können (2), initiieren wir nicht selten den Prozess und stellen den entsprechenden Kontakt her. Ein hohes Fachwissen und Engagement vorausgesetzt, verbringen wir anschließend viel Zeit mit Tele­fonaten mit Orthopädietechnik-Mecha­nikern, beantragen Hilfsmittel-Verordnungen bei den Ärzten, schreiben Gut­achten für den Widerspruch bei der Kranken­kasse und sind optimalerweise bei der Anpassung des neuen Hilfsmittels dabei.

Obwohl in der Leistungsbeschreibung für Physiotherapie eine Hilfsmittelversorgung beziehungsweise -anpassung nicht enthalten ist, übernehmen wir diese Aufgaben im Sinne unserer Patienten. In den Rahmenverträgen findet sich unter der Leistungsbeschreibung »Krankengymnas­tik« lediglich: »[…] die Schulung des Pa­tienten und ggf. der betreuenden Person im Gebrauch seiner Hilfsmittel [ist] Bestandteil der Leistung.« Unter »Kranken­gymnastik zur Behandlung von zentralen Bewegungsstörungen« ist einzig die Leistung »Schulung im Umgang mit Hilfsmitteln« definiert (4).


Kooperation und Teamarbeit

 

Auch die Deutsche Vereinigung für Rehabilitation (DVfR) hat sich in ihren »Lösungsoptionen zur Überwindung von Problemen bei der Versorgung mit Hilfsmitteln« unter anderem mit dieser Situa­tion auseinandergesetzt. Um die Kompetenzen von Heilmittelerbringern wie beispielsweise Physiotherapeuten optimaler nutzen zu können, empfiehlt sie, dass deren Mitwirkung bei der Bedarfsermittlung und Gestaltung der Hilfsmittel in den jeweiligen Leistungsvereinbarungen und -verträgen aufgenommen werden sollte.

Nur durch eine strukturierte, interdisziplinäre Teamarbeit sei »eine bedarfsgerechte Zielerreichung der Hilfsmittel­versorgung unter Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebotes« möglich. Laut den Vorschlägen der DVfR wäre das gerade bei kostenintensiven und individuellen Hilfsmittelversorgungen bei Behinderungen notwendig. Hierfür wären entsprechende Qualifizierungen zum Thema Hilfsmittel hilfreich, die in die Aus- und Weiterbildung aller am Prozess betei­ligten Berufsgruppen integriert werden müssten (1, 2).

 


Fallmanagement und Finanzierungs­bedarf

Die ambulante Versorgung mit Hilfsmitteln muss als Prozess angesehen werden, an dem sowohl der Patient und dessen Betreuer als auch der Arzt, der Therapeut, das Sanitätshaus (Versorger) sowie die Krankenkasse beteiligt sind. Ein standardisiertes Versorgungskonzept fehlt bislang – kostspielige Über-, Unter- und Fehlversorgungen sind die Folge (2, 5). Der Leidtragende ist am Ende der Patient.

Eine mögliche Lösung wäre ein Fall­management mit festen Leistungsvereinbarungen und einer entsprechenden Finanzierungsregelung; gleichzeitig natürlich auch die eindeutige Bereitschaft aller Beteiligten, in diesem Prozess zusammenzuarbeiten. Die Kompetenzen der Physiotherapeuten sind für eine Verbesserung der ambulanten Hilfsmittelversorgung von außerordentlicher Bedeutung.

 

HINWEIS
NaFAG:  Die Nationale Forschungsgemeinschaft Hilfsmittelforschung (NaFAG) bildete sich 2010 durch die Initiative des Departments für Pflegewissenschaften an der Universität Witten / Herdecke. Im Fokus der NaFAG steht die »Beschreibung, ­Bewertung und Entwicklung von Methoden zur Ermittlung und Sicherstellung von Prozess- und Ergebnisqualität von Hilfsmittelversorgungen im Einzelfall« (7).

 

Heftnummer: 4-2015


Literatur

  1. Deutsche Vereinigung für Rehabilitation. 2009. Überwindung von Problemen in der Versorgung mit Hilfsmitteln – Lösungsoptionen der DVfR. www.dvfr.de/fileadmin/download/Schwerpunktthemen/Hilfsmittel/DVfR_L%C3%B6sungsoptionen_Hilfsmittelversorgung_Okt._2009.pdf
    Zugriff am 2.12.2014
  2. Deutsche Vereinigung für Rehabilitation. 2006. Für eine optimierte Versorgung mit Hilfsmitteln – Eine Expertise der Deutschen Vereinigung für ­Rehabilitation zu aktuellen Problemen bei der Versorgung mit Hilfsmitteln. www.dvfr.de/fileadmin/download/Stellungnahmen/DVfR-Hilfsmittel-Expertise_061017.pdf
    Zugriff am 2.12.2014
  3. Müther S, Rodeck B, Wurst C, Nolting H-D. 2014. Transition von Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen in die Erwachsenenmedizin. Aktuelle Entwicklungen. Monatsschrift Kinderheilkunde 162:711–8
  4. Deutscher Verband für Physiotherapie (ZVK). 2013. vdek Rahmenvertrag in der Fassung vom 01. April 2013.
    www.zvk-bay.de/dokumente/vdek%20Rahmenvertrag%2001.04.2013.pdf
    Zugriff am 10.1.2015
  5. Sauer K, Rothgang H, Glaeske G. 2014. BARMER GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2014. Auswertungsergebnisse der BARMER GEK Heil- und Hilfsmitteldaten aus den Jahren 2012 bis 2013. Siegburg: Asgard Verlagsservice
  6. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). 2014. Richtlinie über die Verordnung von Hilfsmitteln in der vertragsärztlichen Versorgung.
    www.g-ba.de/informationen/richtlinien/13
    Zugriff am 10.1.2015
  7. NaFAG. Hilfsmittel – Versorgung – Forschung. versorgungsforschung.wordpress.com; Zugriff am 10.1.2015

Autor 1

Carmen Driemel

Seit 1986 Physiotherapeutin; seit 1995 eigene Praxis in Berlin-Neukölln; 2013 Abschluss des Bachelorstudiums Physiotherapie / Ergotherapie an der ASH Berlin; seit April 2015 Masterstudium an der HAWK Hildesheim. 

carmendriemel@t-online.de

Autor 2

Anja Schittenhelm

Physiotherapeutin, Bobath-Therapeutin für Kinder und Erwachsene; ­tätig in verschiedenen Praxen in Berlin; Dipl.-Politologin; Mitwirkende in der Nationalen Forschungsgemeinschaft Hilfsmittelforschung (NaFAG).

anja.schi@web.de

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