_Praxis

Liebe Physiotherapeuten …

Ein Brief 

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… jetzt mit 20 Jahren Abstand darf ich es ja verraten: Ich habe euch immer beneidet! Ihr wart so viel näher dran an den Patienten als wir Ärzte, ihr durftet an­packen, lockern, einüben und wart dabei, wenn die ersten kleinen Schritte wieder gelangen. Als Arzt in der Kinderneurologie und Psychiatrie erlebte ich auch, wie viel direkter die Stunde Tanztherapie den jugendlichen Seelen Auftrieb gab als eine Stunde Gespräch mit mir. Als ich dann über das Glück recherchierte, stieß ich ­immer wieder auf die körpereigenen Glücksbotenstoffe, die verlässlich durch Berührung ausgeschüttet werden. Und durch sich selber bewegen natürlich!

Als Kind bekam ich wegen Plattfüßen selber Bewegungstherapie und erinnere mich wie heute an den übergewichtigen Orthopäden, der einmal im Jahr das Rezept für Einlagen und Physio verlängerte. Für die Diagnose musste ich auf und ab gehen, während er in seinem Drehstuhl eingeklemmt regungslos verharrte. Ich wusste als Kind nicht, was ein Orthopäde macht, aber ich hatte intuitiv Zweifel, dass dieser Mann ausgerechnet Fachmann für den Bewegungsapparat sein sollte.

Und jetzt habt Ihr wieder den Ärzten etwas voraus: verständliche evidenz­basierte Informationen im Internet – und das auf Deutsch!

Ich lernte diese Zeitschrift kennen, als ich meinen Vortrag für einen Kongress vom Netzwerk Evidenzbasierter Medizin vorbereitete. Ich sprach mit Gerd Antes, der unermüdlich dafür kämpft, das Wissen über »wirksam« und »unwirksam« in die Praxis und die Praxen zu bringen, denn: Sauberes Wissen ist für die Medizin des 21. Jahrhunderts das, was sauberes Wasser vor 100 Jahren war. Und Antes sagte mir, wie vorbildlich die Physio­therapeuten wichtige internationale Arbeiten zusammenfassen, übersetzen und damit vielen Interessierten zugänglich machen.

Meine Mission ist, Verständlichkeit und Freude in die Medizin zu bringen.

Mein erstes Buch war »Arzt – Deutsch / Deutsch – Arzt«, in dem ich das Fach­latein ent­zauberte. Momentan bin ich mit meinem Bühnenprogramm »Wunderheiler« unterwegs und versuche zwischen Schul- und Alternativmedizin zu vermitteln und den Wert von Zuwendung, Hoffnung und Berührung erlebbar zu machen. Aber wem sage ich das? Das wissen Sie ja alles, weil Sie das jeden Tag erleben.

Lachen ist für mich tatsächlich die ­beste Medizin. Die Griechen haben die Seele im Zwerchfell vermutet, dort wo wir atmen, lachen und singen. Und wo das Herz auf dem Zwerchfell Trampolin springt und sich freut, wenn es was zu Hüpfen hat!

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Freude und das Staunen über Menschen und ihren Körper nie verlieren. Jeder ist ein Wunder. Jesus konnte Wasser in Wein ­verwandeln; aber jeder von uns ist in
der Lage, über Nacht aus dem ganzen Wein wieder Wasser zu machen!

Und als Dankeschön für Ihren Einsatz für eine wissenschaftlich fundierte und menschlich zugewandte Physiotherapie schenke ich Ihnen das Kapitel über die Evidenz aus »Arzt – Deutsch« und freue mich, wenn Sie mich einmal in meinem Live-Programm besuchen. Für Angehö­rige der Gesundheitsberufe gibt es auf www.hirschhausen.com auch immer ein Kontingent ermäßigter Karten.

Herzlich, Ihr

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ANMERKUNG DER REDAKTION

Wir freuen uns über das Buchkapitel von Eckart von Hirschhausen und drucken es hier in der pt_Zeitschrift gerne ab. Das Buch »Arzt – Deutsch / Deutsch – Arzt« richtet sich an Patienten; es soll sie in die Lage versetzen, dem Arzt und Heilpraktiker mündig und auf Augenhöhe zu begegnen.

Nun wollen wir als Redaktion aber nicht mit dem Finger auf Ärzte und Heilpraktiker zeigen, sondern wir wissen, dass auch wir Physiotherapeuten auf immer besser informierte Patienten treffen. Und das ist auch richtig so: Der Patient sollte grundsätzlich alle therapeutischen Leistungen hinterfragen, egal ob Operationen, Medikamente, alternative Heilverfahren oder eben auch Physiotherapie. Dafür braucht er hochwertige Informationen – so gibt Eckart von Hirschhausen in seinem Kapitel über Evidenz Anhaltspunkte zur Qualitätsbeurteilung von Studien, ermutigt zum Hinterfragen von Fachsprache und auch von Operationsempfehlungen.

In diesem Sinne sind auch Plain Language Summaries – das heißt die laienverständlichen Zusammenfassungen – der Cochrane-Reviews zu verstehen: Der Patient soll in der Lage sein, die Effektivität einer ihm vorgeschlagenen Therapie zu beurteilen. Ein Ansatz, den wir in der pt unterstützen, indem wir in Zusammenarbeit mit der Cochrane Collaboration deutsche Übersetzungen erstellen, die in der Cochrane ­Library digital veröffentlicht werden und die wir in der pt_Zeitschrift für Physio­therapeuten abdrucken dürfen – in dieser Ausgabe ab Seite 39. Wir wählen dabei ­Reviews aus, die physiotherapeutische Maßnahmen untersuchen. Damit geben wir dem Patienten die Möglichkeit, auch unsere physiotherapeutischen Angebote zu hinterfragen.

Ihre pt_Redaktion 

Was wirkt wirklich?

Evidenzbasierte Medizin

Evidenz heißt eigentlich offensichtlich. Aber was Patienten hilft, ist im Einzelfall alles andere als evident, dazu braucht es sorgfältige Auswertung aller verfügbaren Daten. In der Medizingeschichte wurden oft jahrelang Dinge empfohlen, die sich im Nachhinein als schädlich heraus­stellten. So weiß man heute, dass Babys auf dem Rücken liegen sollen und nicht auf dem Bauch, dass nicht jede Frau in den Wechseljahren Hormone braucht und dass »Bettruhe« bei den meisten Krankheiten nichts hilft, sondern sogar schlapper macht als notwendig. Damit Ratschläge und Therapien mehr nutzen als schaden, muss man sie immer wieder systematisch kritisch in Frage stellen ­dürfen.

Diese ehrenvolle Aufgabe übernimmt in den letzten 20 Jahren ein Netzwerk von Wissenschaftlern, die sich zur Cochrane Collaboration zusammengeschlossen haben.

Evidenzbasierte Gesundheitsinformation zielt darauf ab, objektiv zu sein und die besten Forschungsergebnisse zu vermitteln. Sie will darüber informieren, was wissenschaftlich belegt ist und was auf unsicheren Füßen steht. Eine der besten Fragen an jeden Arzt oder Heilpraktiker ist daher immer: »Woher wissen Sie das?«

 

Woran man eine gute Studie erkennt

  1. Viel ist besser! Achten Sie auf die Teilnehmerzahl: Je mehr Leute untersucht werden, desto sicherer, dass man sich im Ergebnis nicht irrt. Viele Heiler berufen sich auf Einzelfälle, die beeindruckend sein können, aber oft nicht gut dokumentiert sind.
  2. Lang ist besser! Kurzfristige Verbesserungen gehen oft auf die Erwartung und den Plazeboeffekt zurück. Bleibt der erwünschte Effekt auch nach einem halben Jahr erhalten?
  3. Kontrolliert ist besser! Wenn eine Operation etwas bewirken soll, braucht es eine gute Kontrollgruppe, die beweist, dass der gleiche Effekt nicht auch ohne den Eingriff eingetreten wäre.
  4. Zufallsverteilung ist besser! Weil es immer mehr Faktoren gibt als die, die man im Auge behalten kann, verteilt man am besten alle Teilnehmer einer Studie per Zufall auf die Therapiegruppe und die Kontrollgruppe.
  5. Doppelblind ist besser! Damit man sich beim Auswerten nicht selber auf den Leim geht, nimmt man bei Medikamentenstudien am besten ein Scheinmedikament zur Kontrolle, was genau so aussieht, aber keinen Wirkstoff enthält. Und am besten weiß weder der Arzt noch der Patient, wer was bekommt, denn sonst verändert die Erwartungshaltung bereits das Ergebnis. Dann wird erst bei der Endauswertung klar, ob die Leute, die das echte Medikament bekommen haben, echt besser dran waren als die mit dem Schein­medikament.
  6. Nach vorne raus ist besser! »Prospektiv« heißt: Man einigt sich erst auf die Kriterien und dann beobachtet man. Das Gegenteil macht die Küchen­psychologie, wenn sie aus heutiger Sicht sagt: »Heiko hat heute psychische Probleme, aber das liegt daran, dass er eine schwierige Kindheit hatte.« Prospektiv heißt: Ich gehe heute in einen Kindergarten und versuche vorher­zusagen: »Der wird mal so wie Heiko.« Dann muss man aber 20 Jahre Geduld haben, um zu wissen, ob man Recht behält oder ein ganz anderer aus dem Kindergarten Probleme hat und Heiko ganz ok ist. Aber wer hat schon so viel Geduld?
  7. Bekannt ist besser! Gute Studien erscheinen in guten Publikationen. Einer großen prospektiv randomisiert doppelblind plazebokontrollierten Studie in einer englischen Fachzeitschrift darf man mehr Glauben schenken als einer rührenden Fallgeschichte in der Boulevardpresse. Aber lustiger zu lesen ist immer das Bunte. Deshalb lohnt es sich, jemanden zu kennen, der einen kennt, der die Originalstudien liest und versteht. Oder weiß, wo es steht. Zum Beispiel im Internet.

 

Meine Ermutigung

Eine Diagnose und schlaue Wörter sind kein Selbstzweck, sondern nur so sinnvoll, wie sich daraus für den Patienten auch eine Empfehlung oder Konsequenz ableiten lässt. Jeder hat das Recht, dass ­jemand verständlich mit ihm spricht. Je größer die Insel unserer Kenntnis – desto größer ist zwangsläufig das Ufer zum Meer unserer Ignoranz. In diesem Leben ist unser Wissen begrenzt und es gibt ­keine Chance zu wissen, wann unsere ­Beobachtungen zu so etwas Komplexem wie Gesundheit, Krankheit und Heilung vollständig sind. Daran muss man nicht verzweifeln, ­sondern in Demut versuchen, die Körnchen Wahrheit, die es überall zu finden gibt, sorgsam zusammenzutragen, Schaden zu vermeiden und die Unsicherheit zu begrenzen.

Wenn es keine Evidenz mehr gibt, bleiben nur Meinungen, Vermutungen, Ängste und Hoffnungen.

Und die subversivste Frage lautet oft:

Was passiert, wenn ich nichts tue?

Denn viele Dinge gehen wieder von allein oder werden auch nicht besser, wenn man daran herumoperiert. Unübertrefflich in der Arzt-Satire »House of God« formuliert:

The art of medicine is to do as much nothing as possible!

Die Kunst in der Medizin besteht darin, so viel nix zu tun wie möglich!

Auf gut Deutsch: Vieles wird getan, weil es bezahlt wird, nicht weil es für den Patienten das Beste ist. Es ist oft besser, abzuwarten und nicht zu operieren oder ohne klaren Grund Antibiotika zu nehmen.

 

Die fünf entscheidenden Fragen an den Arzt vor einem Eingriff:

  • Was ist der Nutzen? (Manchen muss man erklären: der Nutzen für mich als ­Patient)
  • Was ist der Schaden?
  • Wo ist der Beweis?
  • Was kann passieren, wenn ich noch überlegen will, ­ab­warte und wir gemeinsam die weitere Entwicklung meiner ­B­eschwerden verfolgen?
  • Würden Sie als Arzt das auch an sich und Ihren Angehörigen machen lassen?

 

Foto: Frank Eidel

Foto: Frank Eidel

 

Gute Quellen für geprüftes und verständliches Wissen

www.faktencheck-gesundheit.de
www.gesundheitsinformationen.de
www.patient-als-partner.de
www.patienten-information.de (ÄZQ)
www.was-hab-ich.de 
www.weisse-liste.de
Und damit es auch mal wieder etwas zu lachen gibt im Gesundheitswesen:
www.humor-hilft-heilen.de

 

ANMERKUNG
Text aus »Arzt – Deutsch  /  Deutsch – Arzt«, mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Langenscheidt Verlags.

 

BUCHTIPP

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Von Hirschhausen E. 2007.
Arzt – Deutsch / Deutsch – Arzt.
München: ­Langenscheidt

 

 

Heftnummer: 6-2015

Autor

Dr. med. Eckart von Hirschhausen

Jahrgang 1967, studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, London und Heidelberg. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Seit über 20 Jahren ist er als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf allen großen Bühnen Deutschlands unterwegs. Als Botschafter und Beirat ist er für die Deutsche Krebshilfe, die Deutsche Bahn Stiftung, die Stiftung Deutsche Depressions­hilfe, die Mehrgenerationenhäuser und Phineo tätig.

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