Während sich in Deutschland noch viele Akteure fieberhaft darum bemühen den Betrieb in den physiotherapeutischen Praxen zu gewährleisten, fordern Kollegen in Österreich die behördlich angeordnete Schließung von Praxen. Bei uns werden zunehmend hohe Ausfälle beklagt und ein Rettungsschirm gefordert.

[js] „Es reicht!“, schreibt Physio-Austria in einer nächtlichen Mitteilung (1) vom 17. März. Trotz mehrmaligen Ersuchens wurden Praxen in Österreich bisher nicht behördlich geschlossen. Der österreichische Verband spricht von „fahrlässiger Gefährung vulnerabler Personengruppen“ und „Physiotherapeuten ohne existenzielle Absicherung“. Ohne behördlich angeordnete Schließung werden den Therapeuten keine Ausfallszahlungen gewährt.

In den letzten Tagen haben in Österreich zahlreiche Physiotherapiepraxen freiwillig geschlossen. Warum? „Weil sie wissen, dass sie durch ihre tägliche körpernahe Arbeit Patienten und Patientinnen einer Gefahr aussetzen. Weil sie verantwortungsbewusst gegenüber den vulnerablen Personengruppen dieses Landes handeln. Sie verzichten zum Schutz der Gesamtbevölkerung“, so Physio-Austria.

„Für Patienten und uns selbst eine große Gefahr“

Physiotherapeuten arbeiten in der Regel mit direktem Körperkontakt. Sowohl für Patienten als auch für sie selbst stellt das eine große Gefahr dar“, schreibt Physio-Austria weiter und „Physiotherapeuten tragen wesentlich zum Gesundheits- und Versorgungssystem bei. Auch jetzt, indem sie sich eingestehen: Wir sind ein unverzichtbarer Gesundheitsberuf, aber nicht lebenserhaltend – unsere Arbeit an Hochrisikopatienten stellt eine ernstzunehmende Gefahr dar.“

„Nicht ein Glied in der Therapiekette darf wegbrechen“

In Deutschland wurde zunächst eine andere Strategie verfolgt. „Nicht ein Glied in der Therapiekette, nicht eine einzige Praxis darf wegbrechen, die Versorgung muss für alle Patienten uneingeschränkt weitergehen“, schrieb der Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV) in einer Erklärung vom 13. März (2). Seitdem laufen die Versuche auf Hochtouren, den Praxisbetrieb zu gewährleisten (siehe „Lesen Sie auch“).

#flattenthecurve

Aber auch in Deutschland melden sich vermehrt Stimmen zu Wort, die ein Schließung von Praxen befürworten. Georg Supp und Wolfgang Schoch, die eine Praxis mit 21 Mitarbeitern in Freiburg betreiben, rufen in einem Video vom 17. März dazu auf Praxen zu schließen: „Behandlung am Patienten in direktem Kontakt, das macht momentan überhaupt keinen Sinn.“ Die beiden Praxisinhaber schließen ihre Praxis für drei Wochen, denn „die Gesundheit von uns allen sollte im Vordergrund stehen.“

„Dilemma in der Versorgungsrealität“

„Nimmt man den Stellenwert der Therapieberufe innerhalb der Gesundheitsversorgung ernst, so ist die Intention der Bundesregierung zur Aufrechterhaltung der Versorgung auch auf den Heilmittelbereich übertragbar. In der aktuellen Versorgungsrealität gibt es zwei unterschiedliche Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Auf der einen Seite steht der berechtigte Anspruch der TherapeutInnen die PatientInnen und auch sich selbst vor den Folgen einer Ausweitung der Corona-Pandemie zu schützen. Auf der anderen Seite gilt der professionelle Anspruch an diese Berufsgruppen zur Aufrechterhaltung der Versorgung, wohlgemerkt dort, wo es sinnvoll ist“, schreibt die aus der Bewegung „Therapeuten am Limit“ hervorgegangene TAL-GmbH in einer Erklärung (3) vom 17. März.

Ausfälle von 20 bis 25 Prozent

Eine aktuelle Umfrage der TAL-GmbH in Betrieben der Heilmittelversorgung zeigt, dass es bereits zu deutlichen Therapieausfällen gekommen ist: „Für die Woche vom 9.-14. März würden wir aufgrund der Daten die Ausfälle mit 20 bis 25 Prozent durchschnittlich beziffern.“ Am kommenden Wochenende solle eine weitere Befragung stattfinden, um ein aktuelles Bild zu bekommen.

„Heute wurde durch die Bundesregierung beschlossen, dass u.a. therapeutische Praxen, Rehabilitationsreinrichtungen sowie Reha-Kliniken weiterhin offen zu halten sind. Momentan ist es aber der Fall, dass eine hohe Anzahl von Patientinnen und Patienten aus Angst vor der Infektion den Besuch in therapeutischen Einrichtungen vermeiden. Wir rechnen mit Absagen um die 40 Prozent. Somit entsteht ein Liquiditätsproblem bei Praxisinhaberinnen und -inhabern“, so beschreibt der Physiotherapeut und Bundestagsabgeordnete Dr. Roy Kühne (CDU) die aktuelle Situation in einem Facebookposting von 16. März.

Rettungsschirm, aber schnell!

Was kann die Lösung sein? Zur Überbrückung der aktuellen Lage schlägt Roy Kühne einen Rettungsschirm vor. Dieser beinhaltet die Idee, „dass die Krankenkassen eine monatliche Abschlagszahlung an die Praxen zahlen. Die Höhe richtet sich nach dem Durchschnittsumsatz der letzten 12 Monate. Damit sollen Einnahmeausfälle überbrückt werden. Mitarbeiter können weiter vor Ort arbeiten und notwendige Behandlungen werden durchgeführt. Der ,Rettungsschirm‘ wird erstmal für 3 Monate festgelegt. Zur unbürokratischen Abwicklung der Abschlagszahlung sollte dabei eine Krankenkasse je Bundesland bestimmt werden. Ziel muss es sein, die ,Arbeitsfähigkeit‘ von Praxen trotz der Absagen zu gewährleisten! Therapeutinnen und Therapeuten dürfen in einer solchen Situation nicht alleine gelassen werden“, so Kühne weiter.

Corona: Lösungsvorschlag für Heilmittelerbringer

Heute wurde durch die Bundesregierung beschlossen, dass u.a. therapeutische Praxen, Rehabilitationsreinrichtungen sowie Reha-Kliniken weiterhin offen zu halten sind. Momentan ist es aber der Fall, dass eine hohe Anzahl von Patientinnen und Patienten aus Angst vor der Infektion den Besuch in therapeutischen Einrichtungen vermeiden. Wir rechnen mit Absagen um die 40%. Somit entsteht ein Liquiditätsproblem bei Praxisinhaberinnen und -inhabern. Was kann die Lösung sein? Zur Überbrückung der aktuellen Lage schlage ich einen Rettungsschirm vor. Dieser beinhaltet die Idee, dass die Krankenkassen eine monatliche Abschlagszahlung an die Praxen zahlen. Die Höhe richtet sich nach dem Durchschnittsumsatz der letzten 12 Monate. Damit sollen Einnahmeausfälle überbrückt werden. Mitarbeiter können weiter vor Ort arbeiten und notwendige Behandlungen werden durchgeführt. Der „Rettungsschirm“ wird erstmal für 3 Monate festgelegt. Zur unbürokratischen Abwicklung der Abschlagszahlung sollte dabei eine Krankenkasse je Bundesland bestimmt werden. Ziel muss es sein, die „Arbeitsfähigkeit“ von Praxen trotz der Absagen zu gewährleisten! Therapeutinnen und Therapeuten dürfen in einer solchen Situation nicht alleine gelassen werden.

Gepostet von Dr. Roy Kühne am Montag, 16. März 2020

 

Quellen:

  1. Physio-Austria. 2020. Es reicht! Physiotherapeuten stehen vor dem Nichts. https://pt.rpv.media/d1; Zugriff am 18.3.2020
  2. Corona-Krise. SHV: „Nicht ein Glied in der Therapiekette darf wegbrechen“
  3. TAL-GmbH. 2020. Aktuelle Situation in der Heilmittelversorgung Stand 17.03.2020. https://pt.rpv.media/d6; Zugriff am 18.3.2020

 

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