Physiotherapie kann man auch in Deutschland nun schon seit einigen Jahren mit verschiedenen Ausrichtungen studieren. Eine jüngere Entwicklung ist der Bereich der sogenannten Physiotherapiewissenschaft.

[tb] Prof. Dr. Christina Groll ist Physiotherapeutin und leitet den Masterstudiengang „Physiotherapiewissenschaft, M.Sc.“ an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Im Interview gibt sie Einblicke in die Entwicklung der Physiotherapiewissenschaft in Deutschland.

Prof. Dr. Christina Groll
Prof. Dr. Christina Groll

Christina, was genau beinhaltet denn der Fachbereich Physiotherapiewissenschaft?

Physiotherapiewissenschaft umfasst neben den wissenschaftlichen Grundlagen und deren Anwendung auch physiotherapeutische Versorgungsforschung, klinische Forschung und Grundlagenforschung wie zum Beispiel im Rahmen von Theoriebildung. Ebenso werden Fragestellungen aus den Bereichen Leadership und Management sowie Digitalisierung mit dem Fokus auf die individuelle Versorgung von Menschen mit (mehreren) chronischen Erkrankungen und/oder funktionellen Beeinträchtigungen beziehungsweise auf den Erhalt oder die Förderung von Gesundheit untersucht. Dabei spielen insbesondere die Entwicklung und Optimierung unterschiedlicher Versorgungskontexte wie in Krankenhäusern (z. B. auch Intensivversorgung, unmittelbare OP-Nachsorge) und Pflegeeinrichtungen ebenso eine wichtige Rolle wie ambulante Versorgungskonzepte oder die Gesundheitsförderung im Quartier. Zudem konzentriert sich die Physiotherapiewissenschaft auf die Entwicklung und Implementierung klinisch orientierter Tests und Assessmentverfahren sowie von Behandlungsmethoden und Techniken unter Einbezug und Fokussierung auf die Patientenperspektive.

Was haben die Kollegen in der Praxis davon, wenn sich die Physiotherapiewissenschaft in Deutschland weiter entwickelt und etabliert?

Die meisten Kolleginnen und Kollegen möchten gerne evidenzbasiert arbeiten, doch oft fehlt die notwendige Studienlage. In Leitlinien findet man häufig die Empfehlung für oder gegen Physiotherapie generell, ohne das Physiotherapie weiter spezifiziert wird. Wenn wir möchten, dass eine differenzierte Untersuchung und Darstellung von Physiotherapie erfolgt, dann müssen wir uns daran beteiligen und das geht nur mit einer vertieften eignen wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Disziplin auf Master- und PhD.-Ebene. Beispiele hierfür sind unter anderem die Entwicklung, Übersetzung und Validierung von Assessments, evidenzbasierten Präventionsprogrammen und patientenorientierten Interventionen, wie es unter anderem in mehreren Studien an der hsg erfolgt.

Parallel findet eine Weiterentwicklung der Disziplin statt, um diese schneller und adäquater auf zukünftige Bedarfe wie beispielsweise Digitalisierung auszurichten. Dabei soll die Physiotherapiewissenschaft alle Kolleginnen und Kollegen, explizit auch diejenigen, die in der direkten Patientenversorgung tätig sind, unterstützen und sie bei der Ausgestaltung mitnehmen.

Welche besonderen Kompetenzen bringt jemand mit, der Physiotherapiewissenschaft studiert hat?

Zunächst bringt er dieselben praktischen Fähigkeiten mit wie jeder andere Physiotherapeut auch, da er ja sowohl den Beruf des Physiotherapeuten erlernt als auch ein wissenschaftliches Studium absolviert hat. Darüber hinaus ist ein Physiotherapiewissenschaftler zum einen im besonderem Maße in der Lage evidenzbasiert zu behandeln und zum anderen bringt er die notwendigen Fähigkeiten mit, neue Innovationen zu entwickeln und eigenen Fragestellungen wissenschaftlich nachzugehen. Jemand der den Master Physiotherapiewissenschaft absolviert hat, ist ein hochqualifizierter Physiotherapeut, der sowohl über gut ausgebildete praktische Fähigkeiten als auch über wissenschaftliche Kompetenzen verfügt.

Wo stehen wir in Deutschland im internationalen Vergleich?

Grundsätzlich können die akademisch ausgebildeten Physiotherapeuten aus Deutschland sowohl fachlich als auch wissenschaftlich mit den ausländischen Kollegen mithalten. Diese Erfahrung machen auch regelmäßig unsere Bachelor-Studierenden, die ein Auslandssemester absolvieren. Das Problem ist jedoch, dass nach wie vor nur ein kleiner Teil der Berufsangehörigen akademisch ausgebildet ist und der Pfad der Akademisierung bis hin zur Promotion noch nicht so breit aufgestellt ist, wie dies mehrheitlich in den anderen Ländern der Fall ist. Dafür brauchen wir unter anderem auch einen spezifischen Masterstudiengang „Physiotherapiewissenschaft“. In diesem Sinne darf Physiotherapiewissenschaft kein erklärungsbedürftiges Konstrukt mehr sein, stattdessen bedarf es eines grundsätzlich wissenschaftlichen Verständnis von Physiotherapie, wie wir es auch international vorfinden.

Welche Schritte sind aus deiner Sicht jetzt nötig, damit die Physiotherapiewissenschaft in Deutschland vorankommt?

Nach der Etablierung der ersten additiven Physiotherapie-Studiengänge sind die primärqualifizierenden Bachelorstudiengänge der Physiotherapie, wie er beispielsweise seit gut zehn Jahren an der Hochschule für Gesundheit angeboten wird, wichtige Meilensteine. Ebenso bedeutsam für die weitere Professionalisierung ist der Aufbau eigener wissenschaftlicher Fachzeitschriften und beispielsweise die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft (DGPTW). Nun gehen wir mit dem ersten Master-Studiengang „Physiotherapiewissenschaft“ in Deutschland den nächsten wichtigen Schritt. Um jedoch aus der Profession Physiotherapie eine grundlegend wissenschaftliche Disziplin zu machen, bedarf es aus meiner Sicht der Vollakademisierung.

Wer mehr wissen möchte, kann an einer Zoom-Konferenz mit Prof. Dr. Christian Groll von der hsg Bochum teilnehmen.

Wann: Mittwoch, den 14.10.2020 um 18 Uhr

Link zum Meeting: https://hs-gesundheit.zoom.us/j/99596244789?pwd=bnp0RWgyM2Y4N2E3Y082cTVRNWRWdz09

Weitere Infos: www.hs-gesundheit.de/ptw

Hinweis: Der Master Physiotherapiewissenschaft befindet sich aktuell im Akkreditierungsverfahren. Alle Angaben sind daher unter Vorbehalt.