Jens Uhlhorn ist nicht zuletzt durch sein Engagement für „Therapeuten am Limit“ in der Physiotherapie-Branche ein bekanntes Gesicht. Der gelernte Physiotherapeut – zuvor studierte er einige Semester Jura – ist heute Aktivist und Unternehmer. Gemeinsam mit seiner Frau ist er für rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an fünf Standorten geschäftsführend verantwortlich. Von sich selbst sagt er: “Auch wenn ich heute nicht mehr direkt am Patienten arbeite, denke ich noch wie ein Physiotherapeut und organisiere einfach gerne Versorgung”.

[tb] Im Interview mit dem freien Journalisten Peter Laaks hat er für physiotherapeuten.de offen über seine Einschätzung der Situation und seine Erwartungen gesprochen.

Jens UhlhornFoto: Jens Uhlhorn
Jens Uhlhorn

Lieber Herr Uhlhorn, im Teaser sind wir bereits kurz auf Ihr berufspolitisches Engagement eingegangen. Fassen Sie es bitte nochmal kurz für die Leserinnen und Leser zusammen.

Ich bin seit der Jahrtausendwende berufspolitisch aktiv, zuletzt bei Therapeuten am Limit. Da haben wir in Berlin unserem Unmut über die Situation von Therapeuten ein wenig Luft gemacht. Angefangen hatte alles damit, dass mich mein Kollege Heiko Schneider anrief und darüber informierte, dass er Brandbriefe an Politiker, Krankenkassen und andere Entscheider geschrieben habe. Wir haben das Thema dann online gestellt und sind überschüttet worden mit Reaktionen, Mails und Briefen. In denen schilderten die Kolleginnen und Kollegen ihre persönlichen Situationen oder kommentierten die der anderen.

Was entstand daraus?

Jedenfalls kam dabei ein präzises Bild über die Therapeuten-Situation in Deutschland heraus. Diese un(ge)schön(t)e Wahrheit durfte nicht im Sande verlaufen. So kam es, dass Heiko die Briefe mit dem Rad zum Bundesgesundheitsministeriums (BMG) fuhr und übergab. Außerdem organisierte er eine begleitende Demonstration mit. Es folgten verschiedene andere Aktionen, die von vielen Freiwilligen geplant und durchgeführt wurden. Alles gipfelte dann in der Tour de Spahn 2019. Da konnten wir unseren Gesundheitsminister Jens Spahn in Berlin treffen und ihn von den berechtigten Forderungen der Kolleginnen und Kollegen zur Verbesserung der Situation überzeugen. Leider fehlt noch sehr viel, bis sich wirklich grundlegend etwas zum Guten verändern wird.

2020 ist das Jahr der Covid-19 Krise. Wie gehen Sie damit in Ihren Zentren um?

Die ersten Wochen des ersten Lockdowns waren natürlich ein echter Schock. Als großer Betrieb konnten wir damit noch einigermaßen gut umgehen. Aber man muss sich das mal vor Augen führen, eine ganze Branche wurde innerhalb von 48 Stunden heruntergefahren: 78.000 Praxen mit mehreren hunderttausend Patienten und rund 365.000 Therapeutinnen und Therapeuten. Zum Glück ist das im aktuellen Lockdown-Light nicht der Fall. Wir dürfen weitermachen.

Was hat sich verändert?

Wir nutzen von Profis produzierte und ZPP-zertifizierte Präventionskursen in der Praxis. So können wir mit unseren Patientinnen und Patienten therapeutisch besser und anders interagieren. Im Gegensatz zum Frühjahr steht die notwendige Technik und auch der Umgang mit Patientinnen und Patienten im Video-Call fühlt sich nicht mehr so fremd an.

Welches Potenzial sehen Sie in der Digitalisierung?

Aus meiner Sicht hat das Ganze großes Potenzial. Wenn die Krankenkassen sich entschließen, das auszubauen, beziehungsweise beizubehalten, dann sehe ich das als sehr gute Ergänzung an. Und ich sehe da vor allen Dingen die Möglichkeit, so mit Patientinnen und Patienten sehr viel enger in Kontakt bleiben und die Therapie etwas enger begleiten zu können.

Was sagen denn andere Therapeuten dazu?

Innerhalb der Branche wird das durchaus ambivalent betrachtet. Nicht jede Patientin gleicht der anderen, nicht jede Therapierichtung der anderen. Man kann es halt nur in bestimmten Bereichen sehr gezielt und umfassend einsetzen. Grundsätzlich kann sich aber keiner mehr vor den neuen Technologien verschließen.

Im Jahr 2018 haben Sie die Prognose gestellt, dass im Jahr 2025 rund 35.000 Therapeuten fehlen werden und außerdem Menschen in die Pflege und in die Rente abgegeben würden, die eigentlich noch voll leistungsfähig seien. Wie schaut es aus heutiger Sicht aus?

Wenig verändert, tendenziell hat sich die Situation eher verschärft. Wir bilden nach wie vor weniger Leute aus, als wir eigentlich müssten. Hinzu kommen Therapeutinnen und Therapeuten, die in den 70er Jahren den Beruf ergriffen haben und nun selbst in das Rentenalter kommen. Das heißt, demografischer Wandel betrifft nicht nur unsere Patienten, sondern auch den Berufsstand selbst. Parallel dazu haben Bund und Länder sehr lange mit dem Schulgeld rumgeeiert, sodass wertvolle Strukturen in der Ausbildung von Therapeutinnen und Therapeuten beschädigt wurden.

Wie kann man die Situation verbessern?

Der Turnaround ist nicht so schnell machbar. In einigen Bundesländern ist die Schulgeld-Frage immer noch nicht vollständig geklärt. Es gibt zu viele Provisorien und Unsicherheiten in der Lehre und dies schlägt sich in den Zahlen an Schülerinnen und Schülern nieder. Wo es früher fünf Auszubildenden-Klassen gab, ist heute noch eine übrig. Über die steigenden Patientenzahlen braucht sowieso nicht gestritten zu werden. Die Praxen waren vor Corona brechend voll. Wir hatten volle Wartelisten. Der demografische Wandel wird unsere Branche doppelt treffen, zum einen durch fehlende Therapeutinnen und Therapeuten und zum anderen angesichts des Mehrbedarfs bei den Patientinnen und Patienten. Wir brauchen also dringend neue Konzepte und neue Therapieansätze, um der anstehenden Versorgungssituation gerecht zu werden.

Wie ist in diesem Zusammenhang die Prävention zu bewerten?

Die Prävention wäre ganz grundsätzlich ein sehr gutes Instrument, welches man ausbauen könnte, wenn nicht permanent daran herumgebastelt würde. Die Zulassungs- und Ausbildungsbedingungen werden andauernd geändert. Ich sehe diesen Bereich im Prinzip als tot reformiert an.

Inwiefern können digitale oder hybride Präventionskonzepte einen Lösungsansatz darstellen?

Das Digitale ist auch hier auf jeden Fall ein richtiger Ansatz. Und aus meiner Sicht müsste dieser deutlich ausgebaut werden. Und wir brauchen in diesem Bereich mal Kontinuität. Das ist Fakt.

Das ging an die Adresse der Kassen, richtig?

Ja, natürlich. Wissen Sie, wir haben in den letzten fünf Jahren zwei große Reformen mitgemacht und die nächste steht unmittelbar vor der Türe, etwa in Bezug auf die Qualifikationen der Übungsleiter. Aber wer soll das anschließend noch machen und finanzieren? Letztendlich stehen wir wieder vor einem Systemwechsel, der nur mit anschließender Kontinuität überhaupt funktionieren kann.

Wie groß ist Ihre Hoffnung diesbezüglich?

Ich bin da leider nicht sehr hoffnungsvoll. Wir haben durch Corona erhebliche finanzielle Belastungen im Gesundheitswesen erlitten. Viele Kassen werden schon bald den Rotstift ansetzen und selbst aus unserer Sicht sinnvolle Leistungen zusammenstreichen.

Was kann getan werden, um die Situation doch zu verbessern?

Innerhalb der Therapie kann man dafür sorgen, dass sich etwas ändert. Therapeutinnen und Therapeuten sollten sich damit beschäftigen, Konzepte einzuführen, die mehr in Richtung Evidenz gehen und für diese dann anschließend die Kassen an Bord holen. Ein Beispiel dafür ist die hybride FPZ HüfteKnieTherapie. So oder so ähnlich könnte es langfristig gelingen, mehr Patientinnen und Patienten zu versorgen. Wir müssen anfangen, da zielgerichteter zu arbeiten, die Mittel anders einzusetzen und zu verwenden. Zudem sind die Rückentherapien – die übrigens vierzig Prozent des Umsatzvolumens der Branche ausmachen – sowie Arthrose-Programme sehr wichtig. Grundsätzlich haben wir sehr viele AU-Tage, sehr viele Berentungen, die zum Beispiel aus einem Rückenleiden resultieren. Ein großes Thema ist auch die Sturzprophylaxe. Die nächsten Themen sind Krebs und Depression. Auch da entwickeln sich die Leitlinien in die Richtung, dass Patientinnen und Patienten mit Bewegung therapiert werden, also therapiebegleitend. Ein weiteres zentrales Krankheitsbild wird Diabetes Mellitus sein. Hier muss etwas geschehen, wollen wir nicht von der Welle der Folgeerkrankungen überrollt werden. All dies führt zu einer Spezialisierung. So können nicht nur die Patientinnen und Patienten besser versorgt werden, nein, am Ende schaut das Ganze dann auch für die Praxis wirtschaftlich vernünftig aus.

Ist die angesprochene Spezialisierung auch ein Tipp, den Sie jemandem geben würden, der aktuell eine Praxis eröffnen möchte?

Unbedingt. Jetzt noch die elfte Praxis neben die zehnte zu setzen ergibt aus meiner Sicht keinen Sinn. Die Praxisinhaberinnen und -inhaber bekommen ja nicht mehr Personal, sondern das Ganze führt nur dazu, dass die Therapielandschaft weiter zersplittert. Eigentlich jedoch müssten wir sie eher konzentrieren, damit wir andere Konzepte realisieren und Allgemeinkosten senken können.

Wie meinen Sie das?

Ja, also zehn Praxen haben halt zehn Wartezimmer, haben zehnmal eine Anmeldung und zehnmal entsprechende Erstkosten. Das alles ist enorm teuer und lässt sich eben nicht so ohne weiteres refinanzieren. Es gilt aber, Konzentrationsprozesse anzuschieben, ohne dass der einzelne seine Souveränität aufgeben müsste.

Beschreiben Sie bitte Ihren Ansatz dazu: Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Also man könnte zum Beispiel über Stadtteilzentren nachdenken, in denen beispielsweise zehn Praxen unter einem Dach arbeiten. Daraus würden sich Spezialisierungen, andere Investitionsmöglichkeiten und erhebliche Einsparmöglichkeiten bei den Allgemeinkosten ergeben. Und ganz nebenbei gesagt, hätte der einzelne Therapeut ganz andere Vertretungsmöglichkeiten als bisher. Im Kleinen haben wir ein solches Stadtteilzentrum bei uns in der Region bereits errichtet. Plötzlich können die Praxisinhaberinnen und -inhaber sagen, ich fahre jetzt mal vier Wochen in Urlaub und wenn ich wiederkomme, ist mein Monatsplan bitte voll, macht es gut und achtet darauf, mich nicht anzurufen. So etwas kann sich eine Drei-Personen-Praxis niemals leisten.

Inwieweit finden diese Themen aktuell in der Lehre statt? Ist die nachkommende Generation auf die Veränderungen vorbereitet?

Teilweise ticken die schon anders. Die große Ausbildungsreform soll irgendwann im kommenden Jahr abgeschlossen sein. Ich bin mal gespannt, ob es dazu kommen wird oder ob Corona hier als Begründung für eine erneute Verschiebung dienen wird. Wie auch immer, es kann sich erst nachhaltig etwas verändern, wenn die ersten Absolventinnen und Absolventen aus diesen neuen Jahrgängen kommen, also zwischen 2025 und 2027. Außerdem halte ich es für eine leichte Überforderung, wenn jemand, der gerade erst sein Staatsexamen absolviert hat, sich sofort mit Disease Management, integrierter Versorgung, strukturierter Versorgung und ähnlichen Dingen auseinandersetzen soll. Es braucht doch ein bisschen Zeit, alles zu verstehen und den Sinn dahinter zu erkennen. Die Ausbildung ist einerseits mit Inhalten vollgepackt, die State-of-the-Art sind und andererseits mit hanebüchenem Müll belastet, der immer noch zur Ausbildungsverordnung gehört.

Bitte nennen Sie uns ein Beispiel dafür.

Die Hydrotherapie macht heute kein Mensch mehr. In Bremen gibt es drei Therapieschulen. Wenn diese die Hydrotherapie unterrichten wollen, dann müssen die Schüler in ein Krankenhaus außerhalb Bremens fahren. Dort steht noch eine einzige Badewanne aus den 70er Jahren, die nur zu diesem Ausbildungszweck da ist, ansonsten wird sie den ganzen Tag nicht genutzt. Die Hydrotherapie war schon in meiner Ausbildungszeit in den 1990er Jahren veralteter Kram.

Sie stehen also für mehr Praxisbezug in Ausbildung und Lehre. Haben Sie deshalb vor drei Jahren eine Schule an Ihren Standort in Bremen-Weyhe geholt?

Die Schule ist 2017 eingezogen, aber es ist nicht unsere. Sie gehört zu den Ludwig-Fresenius-Schulen. Wir haben das Ganze nur als Kooperationspartner mit initiiert, weil wir der Meinung waren, dass hier in dieser Region eine solche Schule noch fehlt. Soweit ich weiß, kann sich die Schule vor Bewerbern kaum retten. Sie ist sehr modern ausgestattet. Die Ausbildung dort ist sehr gut.

Inwiefern profitiert Ihre Praxis davon?

Wenn wir aus dieser Schule Praktikanten aufnehmen, sind sie schon top ausgebildet, kennen unser Unternehmen und können mehr oder weniger Hand in Hand übernehmen. Dafür bieten wir den Schülerinnen und Schülern Events, die nicht zum Standardprogramm gehören, etwa besondere Vorträge mit besonderen Referenten und themenspezifische Ausflüge. Ich bin froh, dieses Projekt mit initiiert zu haben. Dank aller motivierten Beteiligten dauerte es vom Startschuss bis zur Realisierung nur 18 Monate.

Themawechsel: Wie stehen Sie zum Thema Operationsvermeidung durch Aufbau der umliegenden (Rumpf)Muskulatur?

Ein sehr wichtiger und richtiger Ansatz. Es ist super wichtig, sich als Patient von einem weiteren Arzt die Zweitmeinung einzuholen. Therapie kann über Sektorengrenzen hinweg sowohl Operationen vermeiden als auch Pflege und Berentungen verzögern. Patientinnen und Patienten könnten viel länger als üblich in ihrem gewohnten Umfeld leben und auf Pflege oder Vollpflege verzichten. Dabei macht es einen großen Unterschied aus, ob die Leute teilmobil, vollmobil oder gar nicht mehr mobil sind. Wir könnten zumindest Pflegeprozesse verzögern, wenn man uns denn ließe. Strukturierte Versorgung für verschiedene Krankheitsbilder, die sich eben nicht erst mit dem 85. Lebensjahr einstellen, ist erforderlich.

Wo kann man Ihrer Meinung nach die meisten OPs vermeiden?

Da hätten wir beispielsweise das große Thema Sitzen. Schauen Sie sich die ganzen Wirbelsäulen-OPs mit Verblockung der Wirbelsäule an – geradezu ein Wahnsinn. Neunzig Prozent davon, so sagen Studien jedenfalls, sind überflüssig und werden lediglich durchgeführt, weil sie finanziell gut bezahlt werden.

Wie kann da Ihre Lobbyarbeit wirken? Wo fehlt es noch an Druck auf Kassen und Politik?

Es gibt nicht den Entscheider und die Politik. Je nachdem, wen man so trifft, ist es allen klar, dass Therapie Pflege beziehungsweise Operationen vermeiden kann. Nichtsdestotrotz ist die Umsteuerung dieses Systems komplex und schwierig. Wir dürfen ja nicht nur im Bereich der Therapie etwas ändern, sondern man muss auch bei den Ärzten Dinge ändern. Und auch die Erwartungshaltung der Patienten darf sich wandeln. Viele gehen halt zum Arzt mit der Erwartung: Ich bin hier, habe drei Stunden im Wartezimmer gesessen und jetzt mache mich mal eben gesund. Der Arzt soll dann mit einer Tablette die Konsequenzen von jahrelangem Raubbau am Körper ausgleichen. Ähnlich verhält es sich mit dem berühmten Sechser-Rezept beim Physiotherapeuten.

Wie kann man die Menschen zu mehr Eigenverantwortung motivieren?

Indem wir beispielsweise offen kommunizieren, etwa so: Guter Mann, also Ihre Lebensweise hat zu bestimmten Problemen geführt und deswegen sitzen Sie heute hier und deswegen konnte Ihnen auch der Arzt nicht helfen. Der Prozess, den Sie jetzt vor sich haben, ist langwierig. Sie müssen trainieren. Sie müssen abspecken. Sie müssen einfach ein paar andere Sachen machen und dann wird das auch etwas. So würden wir uns zumindest in die richtige Richtung bewegen.

Sie reden hier von einem generellen Umdenken der Gesellschaft in Bezug auf die Gesundheit, richtig?

Ja, diese Mentalität, alle sind für meine Gesundheit verantwortlich, nur ich nicht, muss endlich der Vergangenheit angehören!

Herr Uhlhorn, vielen Dank für das Gespräch und Ihre offenen Worte.

Das Interview führte Peter Laaks.

Peter LaaksFoto: Peter Laaks
Peter Laaks

Der freie Journalist mit eigenem Pressebüro in Essen schreibt für verschiedene Print- und Online-Medien im Bereich HealthCare und Wirtschaft.

Mehr Infos finden Sie hier

E-Mail: redaktion@pressebuero-laaks.de

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