In einem Blog „The ACL injury journey“ des British Journal of Sports Medicine werden Strategien zum Vorgehen nach einer Verletzung des vorderen Kreuzbandes bei Sportlern vorgestellt. Die Autoren berufen sich hierbei auf die beste derzeit verfügbare Evidenz.

[jr] Der Blog wird begleitet von zwei englischen Infografiken, welche im British Journal of Sports Medicine veröffentlicht wurden und soll die derzeit aktuellste Evidenz wiedergeben. Generiert wurde der Blog zudem mit dem Input von Patienten, welche eine Verletzung des vorderen Kreuzbandes erlitten haben.

Beide Autoren der Infografiken sind Klinikärzte und Wissenschaftler, die mit einer Vielzahl von Patienten aller Altersstufen und Fitnesslevel zusammenarbeiten, die eine Verletzung des vorderen Kreuzbandes erlitten haben. Laut Autoren sollen die Infografiken von den Patienten gemeinsam mit dem zuständigen Arzt genutzt werden, um zusammen eine Entscheidung hinsichtlich der individuellen Behandlung und Rehabilitation treffen zu können. Der Blog setzt sich aus vier Teilen zusammen (Behandlungsentscheidung, Rehabilitation, Return-to-Play und Prophylaxe).

Behandlungsentscheidung

Die Autoren empfehlen zunächst alle an der Therapie beteiligten Personen zu konsultieren. Diese sind abgesehen von Ärzten und Physiotherapeuten auch Privatpersonen, wie zum Beispiel Trainer, Teamkollegen, Familienmitglieder oder Freunde. All diese Personen sollen den Patienten dann bei der Entscheidungsfindung zur Behandlungsstrategie helfen, die Rehabilitation begleiten und den Patienten motivieren. Wichtig ist laut den Autoren, direkt nach der Verletzung mit einer qualitativen Rehabilitation zu beginnen. Die meisten Experten empfehlen, direkt zu versuchen, die normale Kniefunktion wiederherzustellen und die Entscheidung hinsichtlich einer möglichen Operation bis auf nach der Rehabilitationsphase zu verschieben.

Jüngere, aktivere Patienten haben ein höheres Risiko sich erneut zu verletzen, dieses steht jedoch in keinem Zusammenhang mit einer erfolgten oder nicht-erfolgten OP. Die Wiederaufnahme hochintensiver Sporteinheiten stellt dabei ein höheres Wiederverletzungsrisiko dar, als beispielsweise einfaches Joggen. Liegen zum Zeitpunkt der ACL-Verletzung zusätzlich andere Knieverletzungen, wie zum Beispiel Meniskusrisse vor, so sind die Outcomes schlechter, wird jedoch auch hier nicht von einer Operation beeinflusst. Natürlich gibt es Verletzungen, die einer Operation bedürfen, doch diese Entscheidung muss immer individuell getroffen werden. Hierbei sollten Faktoren, wie das Alter, andere bestehende oder vergangene Verletzungen und die Pläne zur Rückkehr zu Sport auf hohem Niveau mit dem Rehabilitationsteam diskutiert werden, um das Risiko einer erneuten Verletzung zu minimieren. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Hauptüberlegungen für jeden Betroffenen dahingehen, glücklich, gesund und aktiv zu bleiben, egal ob das bedeutet, eine Operation durchführen zu lassen oder nicht. Es liegt keine klare Evidenz vor, die besagt, dass eine operative Behandlung einer alleinigen rehabilitativen überlegen ist. Bisher liegt nur eine randomisierte kontrollierte Studie zu dieser Thematik vor. Diese konnte keine Unterschiede der Gruppe operierter und nicht-operierter Patienten, hinsichtlich Schmerz, Funktion oder der Rückkehr zum Aktivitätslevel vor der Verletzung, ein bis zwei beziehungsweise 5 Jahre nach einer Verletzung des vorderen Kreuzbandes dokumentieren. Die aktuelle Evidenz besagt zudem, dass es keine Unterschiede bei der Entwicklung einer Osteoarthritis zwischen operierten und nicht-operierten Patienten gibt.

Folgende Fragen sollten sich alle Patienten stellen, bevor sie sich zu einer OP entschließen:

  • Habe ich alle nötigen Informationen?
  • Was sind meine Ziele?
  • Was sind meine Werte (Zeit mit den Kindern, mit Freunden spielen)?
  • Was sind die Risiken und Benefits einer Operation zum jetzigen Zeitpunkt?
  • Wird meine Meinung berücksichtigt?
  • Habe ich genug Zeit gehabt, diese Entscheidung zu treffen?

Die Rehabilitation

Egal, ob sich die Patienten für oder gegen eine OP entscheiden, der Schlüssel zur Wiederherstellung einer normalen Kniefunktion, sowie der Prophylaxe weiterer Verletzungen und der langfristigen Optimierung der Lebensqualität, ist eine qualitative Rehabilitation. Diese sollte progressiv individualisiert und Kriterien-basiert erfolgen und aus drei Phasen bestehen (Frühe Phase, Mittlere Phase und Spätphase).

Mögliche Übungen, die in den verschiedenen Phasen (unter professioneller Anleitung) durchgeführt werden können, sind im Folgenden erklärt.

Frühe Phase

  • Übungen zur Streckung und zum Beugen des Knies, wie beispielsweise Übungen der vorderen Beinmuskulatur zur Verbesserung der Streckung und das Nutzen eins Ergometers, um die Beugung zu verbessern.
  • Leg Extensions zur Stärkung der vorderen Beinmuskulatur.
  • Das Tragen von Gewichten und das gleichmäßige Laufen aug beiden Beinseiten

Mittlere Phase

  • Übungen zur Verbesserung des einbeinigen Gleichgewichts und der Kontrolle (Stehen auf einem Bein oder Stehen auf einem Bein auf unebener Oberfläche)
  • Übungen zur Verbesserung der allgemeinen Beinkraft, wie Squats, Lunges und Deadlifts
  • Übungen zur Verbesserung der Beinkraft der einzelnen Beine durch Single Leg Extensions und Single Leg Squats
  • Anfangen mit Lauftraining

Spätphase

  • Übungen zur Verbesserung der Landung, wie Hopping oder Landing Practice
  • Übungen zur Verbesserung von Richtungswechseln
  • Trainieren unvorhergesehee Richtungswechsel, wie zum Beispiel Drills mit einem Ball oder anderen unvorhersehbaren Herausforderungen
  • Graduelle Rückkehr zu sportlichen Aktivitäten

Ausschlaggebend, um die Outcomes zu optimieren, ist laut Autoren die konsequente Durchführung jeder Phase. Patienten mit einer guten Performance haben ein reduzierteres Risiko einer erneuten Verletzung und zeigen bessere langfristige Outcomes unter anderem in Form von einem reduzierten Risiko an Osteoarthritis zu erkranken.

Return-to-Play

In der letzten Phase der Rehabilitation sehen sich die meisten Patienten mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert, nämlich der Frage, wann sie sich bereit fühlen zum Sport zurückzukehren. 56 Prozent der Patienten kehren nach einer ACL-Verletzung nicht in den Wettkampfsport zurück. Die aktuelle Evidenz gibt an, dass bis zu 24 Prozent der Patienten ihr Knie erneut verletzen, nachdem sie zum Sport zurückgekehrt sind. Dieses Risiko ist jedoch signifikant reduziert, bei Patienten, welche wichtige Return-to-Sport-Kriterien erfüllen. Die Chancen zum Sport zurückzukehren und das Risiko einer erneuten Verletzung zu reduzieren, können durch folgende Betrachtungen optimiert werden:

  • Die Rehabilitation muss konsequent durchgeführt werden und wenn möglich von qualifiziertem Personal begleitet werden, welches über die aktuellsten Forschungsergebnisse Bescheid weiß
  • Es sollten mindestens neun Monate seit der ACL-Verletzung vergangen sein
  • Je länger die Pause, ums geringer ist das Risiko einer erneuten Verletzung (bei nicht-operativer Behandlung ist der Zeitrahmen nicht ganz klar, jedoch könnte der Return-to-Sport früher erfolgen)
  • Vor dem Return-to Sport sollte sportspezifisches Training mit in die Rahbilitation integriert werden.
  • Batterietests sollten erfolgreich gemeistert werden (Zum Beispiel Hopp Tests)
  • Das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sollte vorhanden sein
  • Die Konsultation eines Sportpsychologen kann von Vorteil sein

Prophylaxe

Spezielle Übungsprogramme können dabei helfen, das Auftreten von ACL-Verletzungen zu vermeiden. Die Durchführung dieser Programme sollten am Ende der Rehabilitation in Betracht gezogen werden und nach dem Return-to-Sport in die tägliche Praxis integriert werden. Beispiele für derartige Programme sind unter anderem: das FIFA 11+ Programm, das Netball KNEE Program, das Prevent injury and Enhance Performance (PEP) Programm und das ACTIVATE World Rugby Programm.

Was alle Programme gemeinsam haben, sind reguläre Kräftigungsübungen und neuromuskuläre Ansätze, wie Landing und Agility Practice.

 

Quelle: British Journal of Sports Medicine 

 

 

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