​Jesper Schwarz konzentriert sich in seinem Buch „Fußball Performance Training“ einheitlich auf die speziellen Anforderungen eines Athletiktrainers im Fußball. In diesem Überblick über dessen Aufgaben und Arbeitsbereiche müssen für ihn neben der Leistungsoptimierung allerdings auch die Fragen rund um Bewegung, Lifestyle und Mindset thematisiert werden.

Jeder Fußballer möchte sich verbessern. Spitzenleistung und Verletzungsfreiheit sind das Ziel. Doch was außer hartem Training und einer Prise Verrücktheit sind dafür nötig? Jesper Schwarz, Reha- und Athletiktrainer in einem Leistungszentrum für Nachwuchsspieler, hat eine Philosophie und ein Trainingssystem entwickelt. Er lädt Trainer, Physiotherapeuten und Fußballer ein, gemeinsam Fußballtraining neu zu denken – für gesunde Spieler, eine bessere Teamkommunikation und eine neue Championship-Mentalität.

Welche Verantwortung liegt bei einem Athletiktrainer im Fußball? Welche Bereiche sollte er/sie abdecken?
​Die Hauptaufgabe jedes Trainers besteht darin, seine Spieler auf dem Platz gesund zu halten. Die Verantwortungsbereiche variieren dabei je nach Manpower und Philosophie des Vereins. In einer optimalen Welt übernimmt jeder Trainer die Verantwortung für den Bereich, in dem er/sie sich am besten auskennt, da viele der Bereiche so umfangreich und komplex sind, dass sich eine Person oder Personengruppe gar nicht in allen Bereichen adäquat auskennen kann. Daher bedarf es ein hohes Maß an Teamwork und Kommunikation.

In der Realität gibt es meiner Meinung nach, neben dem oben geschilderten, aber äußerst seltenen Fall, in der Regel zwei verschiedene Szenarien für den Bereich „Athletik“:

  1. Der Athletiktrainer ist ausschließlich für das Warm-up zuständig.
  2. Der Athletiktrainer ist eine One-Man-Show und für alle Bereiche wie Training, Ernährung, Rehabilitation, Belastungsmanagement usw. verantwortlich.

Beide vorgestellten Szenarien sind natürlich hinsichtlich der Entwicklung gesunder, verletzungsfreier und leistungsfähiger Spieler nicht perfekt. Hier bedarf es meiner Meinung nach einer optimalen Abstimmung der Aufgaben sowie einer gute Kommunikation aller Beteiligten.

Nach welchen Kriterien schätzt du ein Team oder auch den Einzelspieler ein?
Diese Frage ist ebenso komplex wie die nach der optimalen Vorbereitung. Ich denke, dass es sehr schwer ist, einen einzelnen Parameter zur Bestimmung der Leistungsfähigkeit eines Fußballers herauszusuchen.
Fußball ist immer eine sportartspezifische Kombination verschiedener Fähigkeiten – die Physis ist ein (wichtiger) Teil davon. Hier gibt es natürlich Indikatoren wie z. B. die Anzahl an Sprints oder die Anzahl und Distanzen der Läufe in hohen Intensitäten oder auch die Verletzungszahlen, die für die Bewertung herangezogen werden können. All diese Parameter müssen aber immer im Kontext der mannschaftlichen bzw. individuellen Gesamtleistung und der Vorgaben des Trainers interpretiert werden.

Wie sollte man sich auf einen Wettkampf/ein Training vorbereiten?

Das ist eine sehr komplexe Frage. Ich denke nicht, dass es hier den einen richtigen Weg oder die Wunderpille gibt. Meisterschaften wurde schon mit den unterschiedlichsten Programmen und Methoden gewonnen. Eine Erfolgsgarantie gibt es nie, daher versuche ich, Mittel und Wege zu finden, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen. Neben harter Arbeit setze ich dabei auf vier Grundpfeiler:

  • Cheftrainer mit ins Boot holen und von den eignen Ideen überzeugen eine optimale Trainingssteuerung
  • Frische Beine und frischer Kopf am Spieltag
  • Eine gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten
  • „Well-Being“ der Spieler

Welches Vorbild haben Sie? Was schauen Sie sich von ihm/ihr ab, dass Sie in Ihrem täglichen Leben beeinflusst?

Ich habe nicht das eine konkrete Vorbild. Vielmehr versuche ich, meine Augen stets offen zu halten und einen Blick über den Tellerrand zu wagen. Ich mag offene, kritische und manchmal auch unangenehme Typen, die bestehende Strukturen hinterfragen und neue Wege gehen. Besonders interessiere ich mich dabei für Trainerpersönlichkeiten wie z. B. Phil Jackson oder Pete Carrol oder „Winning Programms“ wie die der Washington Huskies, Alabama Crimson Tide oder der New England Patriots. Inhaltlich versuche ich, nicht einfach zu kopieren, sondern Dinge zu hinterfragen und wenn ich diese für gut befunden habe, auf die eigenen Rahmenbedingungen zu übertragen. Grundsätzlich finde ich aber auch, dass man einer guten Idee nicht automatisch negativ gegenüber eingestellt sein sollte, nur weil diese nicht von einem selbst stammt. Hier sollte man den Personen, die klüger sind als man selbst, Respekt für ihre tollen Ideen zollen und diese für seine Rahmenbedingungen übernehmen und anpassen.

Welche Entwicklung konnten Sie im Berufsbild Athletiktrainer im Fußball die letzten Jahre beobachten?

Mit der steigenden Bedeutung der athletischen Fähigkeiten im Fußball stieg entsprechend auch der Bedarf an qualifiziertem Personal. Daher sind in den vergangenen Jahren sowohl die Anzahl an hauptamtlichen Athletiktrainern in den Vereinen als auch die externen Angebote für die Spieler gestiegen. Im Vergleich mit anderen Nationen, und vor allem im Vergleich mit anderen Sportarten, hinken wir der Entwicklung allerdings noch weit zurück. Hier bedarf es einer steigen Weiterentwicklung.

Kannst du in deiner Freizeit noch „normal“ Fußball schauen oder analysierst du auch hier während des gesamten Spiels verschiedene Bewegungsmuster?

Tatsächlich schaue ich in meiner Freizeit relativ wenig Fußball – hier zieht es mich dann gelegentlich mal zu spannenden Spielen ins Stadion. Meistens beschäftige ich mich dann doch eher mit den eigenen Spielern und den vielen Trainingseinheiten vor dem Spieltag. Am Spieltag bzw. im Spiel selber bleibt mir dann eher die Rolle des Fans und Unterstützer und kaum Zeit für Spiele im Fernsehen.

Vielen Dank für das Interview!

Jesper ist Sportwissenschaftler und DFB A-Lizenz Inhaber. Er arbeitet seit 2013 als Reha- und Athletiktrainer in einem Nachwuchsleistungszentrum. Zudem ist er Gründer vom Trainingskonzept SoccAthletix – spielend fit werden, das die athletische Entwicklung im Nachwuchsbereich vorantreiben und verbessern will.

In seinem Buch zeigt er anhand von Trainingsplänen, wie Fußballtrainer ihre Trainingsmethodik nutzen und individuell an jeden Fußballspieler anpassen können – egal, in welcher Liga die Mannschaft spielt. Hier könnt ihr euch über sein Buch „Fußball Performance Training“ weiter informieren.

Dieses Interview führte Michelle Dian.

 

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