Zunehmend entscheiden sich Menschen für eine vegane Ernährungsweise. Doch was bedeutet das für die körperliche Leistungsfähigkeit? Marco Congia ist Sportphysiotherapeut, Osteopath und Heilpraktiker. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, unter anderem das Fachbuch „Echte Bullen fressen Gras“. Darin setzt er sich mit der veganen Ernährung und den Auswirkungen im Sport auseinander.

Von vielen Seiten heißt es ganz platt: Sportler brauchen eiweißreiches Fleisch und das könne durch keine pflanzenbasierte Nahrung ausgetauscht werden. Was entgegnen Sie dem?

Ich sage platt zurück, das ist nicht korrekt. Ich beziehe mich in dieser Art von Gesprächen gerne auf T. Colin Campbell der sagt, dass Proteine nicht nur in Tieren vorkommen, sondern neutral gesehen eine Ansammlung von Aminosäuren ist. Lucas Reents hat zum Thema pflanzenbasierte Proteine eine hervorragende Artikelreihe geschrieben. Die vor allem auch durch seine wissenschaftliche Quellenangabe viel Argumentationshilfestellung zu dem Thema gibt. Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass die Sportler nicht nur Protein-Aminosäuren benötigen, sondern viele weitere Nährstoffe. Ich denke, dass die Gesamtqualität der Nahrung extrem von Bedeutung ist. Und dass die Aufnahme von Mikro- und Makronährstoffen aus pflanzlicher Nahrung besser ist. Ich biete auch immer gerne einen Einblick in meinem Buch zu dem Thema an. 

Sie haben italienische Wurzeln, arbeiten europaweit und veröffentlichen und arbeiten in Deutschland. Wie kommt’s?

Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater kommt aus Italien. Ich bin sozusagen ein europäisches Meisterwerk. Meine Frau und meine Kinder sind Deutsch und ich fühle mich mit meiner Familie da wohl, wo wir zusammen sind und es uns gut geht. Ich sehe keine Ländergrenzen. Gerade heutzutage ist es wichtig, zu erkennen, dass jeder Mensch gleich ist. Egal welche Farbe seine Haut hat, aus welchem Land er kommt oder welchen Glauben er hat. Deshalb lebe ich in Deutschland und habe das Glück in der ganzen Welt arbeiten zu dürfen.

Welche Nahrungsergänzungsmittel empfehlen sich, wenn man sich als Leistungssportler vegan ernährt?

Das würde ich immer vom aktuellen Blutbild des betreuten Athleten abhängig machen. Ich würde immer im ersten Blick auf folgende Mikronährstoffe achten:

  • Vitamin B12
  • Vitamin D
  • Eisen
  • Zink
  • Jod
  • Selen
  • Kalzium

Welchen gesundheitlichen Einfluss kann der Verzicht auf Fleisch haben?

Der übermäßige Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten kann zu vielen Gesundheitsproblemen führen. Es gibt zum Beispiel Studien, die belegen, dass die Wahrscheinlichkeit höher ist, an Krebs zu erkranken. Auch der negative Einfluss auf die Wundheilung und die Regeneration ist durch Untersuchungen belegt.

Welche alternativen Proteinquellen gibt es für Veganer?

Da gibt es mehr als genug:

  • Bohnen
  • Linsen
  • Kichererbsen
  • Nüsse
  • Brokkoli
  • Hafer
  • Kartoffeln

Welcher vegane Sportler ist für Sie ein Vorbild?

Da gibt es viele z. B. Patrik Baboumian, der in seinen Strongman Wettkämpfen zeigt, dass man mit pflanzenbasierter Ernährung auch im Kraftsport an der Weltspitze Höchstleistungen zeigen kann. Athleten wie Lewis Hamilton und Venus Williams zeigen mit ihrer Power, dass vegan im Sport nicht bedeutet unterernährt und kreidebleich Schach zu spielen.

Welche Lebensmittel enthalten womöglich „versteckte“ tierische Inhaltsstoffe?

In vielen Lebensmitteln, die Sportler sowieso meiden sollten, wie in Chips oder Weingummi. Aber auch in vielen Backwaren, die aus dem sogenannten elastischen Teig gemacht sind. In vielen Produkten wird tierische Gelatine verwendet, wie in machen Müslisorten. Auch viele Multivitaminsäfte enthalten tierische Anteile. Ein anderes Beispiel sind Bananen, die mit dem Pestizid Chitosan besprüht werden. Das wird aus Chitin hergestellt. Und das wiederum wird aus Insekten und Schalentieren gewonnen.

Das Thema Milch: Es gibt ja mittlerweile massig Alternativen wie Kokos-, Hafer- und Mandelmilch. Welche würden Sie empfehlen und warum?

Die Alternative ist der persönlichen Geschmacksnote einzuordnen. Ich selbst bin kein Freund von Sojaprodukten. Soja ist ja ebenfalls ein sehr kontrovers diskutiertes Thema. Aber viel wichtiger finde ich für die Athleten den Verzicht auf Kuhmilch. Wenn meine Mutter mich doch abgestillt hat, warum sollte ich mich dann von einem anderen artfremden Lebewesen wieder „anstillen“ lassen.

Die Frage, die sich dann stellt, ist: Welches Säugetier außer der Mensch trinkt, wenn er erwachsen ist, noch Muttermilch bzw. artfremde Muttermilch? Und was sind die Folgen durch die hormonelle Überbelastung für den Athleten in Bezug auf sein Immunsystem, Regeneration und sein Bindegewebe? Welche Auswirkungen hat es auf seine Performance?

Was empfehlen Sie Personen, die ihre Ernährung im Allgemeinen umstellen möchten?

Ich empfehle der Person, dass sie sich im Vorfeld genau ihre Intention und Ziele überlegt und einen genauen Blick auf ihren momentanen gesundheitlichen Zustand hat.

Jede Ernährungsumstellung setzt ein gewisses Wissen über deren Besonderheiten voraus. Defizite von besonderen Nährstoffen müssen erkannt und ausgehebelt werden.

Welche Fehler werden häufig bei einer Umstellung gemacht?

Es wird sich meistens zu wenig Zeit für die Umstellung genommen. Ich denke auch, dass es oft an ausreichender Vorinformation mangelt.

Was empfehlen Sie, wenn jemand Veganer werden möchte?

Dass er es auf jeden Fall versuchen soll.

Vielen Dank für das Interview.

 

 

 

Marco ist Physiotherapeut, Osteopath D.O Sport, Sportphysiotherapeut und sektoraler Heilpraktiker für Physiotherapie aus Bad Driburg.

In seinem Buch  erklärt er in einer verständlichen Art und Weise, welche Vorteile eine vegane Ernährung hat und wie sie sich auf den Organismus auswirkt. Ebenso wird auf die Effekte einer pflanzlichen Ernährungsweise in Sport und Rehabilitation eingegangen. Dieses Buch stellt eine Verbindung zwischen Sportphysiotherapie und Ernährung her und bündelt somit das Fachwissen.

 

Dieses Interview führte Michelle Dian.

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