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03. März 2021

Entscheidung für die Akademisierung Hic et Nunc?

Wie wird es mit der Akademisierung weitergehen? Aktuell stehen die Zeichen auf Veränderung. Und das ist gut so. Nur jetzt nicht nachlassen. Prof. Dr. Bernhard Borgetto, Sprecher des Bündnisses „Therapieberufe an die Hochschulen“, engagiert sich für die Vollakademisierung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie.

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Zum Glück braucht man kein Latein, um einen der drei Therapieberufe zu studieren. Aber es gibt eben doch Redewendungen, die sich in der deutschen Sprache etabliert haben. Und sei es nur durch Asterix. Hic et Nunc jedenfalls bedeutet: Hier und Jetzt!

Gemeint ist nicht, dass hier und jetzt entschieden werden soll (oder kann), dass die Vollakademisierung sofort umgesetzt werden soll – dafür sind mindestens zehn bis 15 Jahre anzusetzen. Aber die grundsätzliche Entscheidung dafür und die Festlegung eines Fahrplans sollten Hier und Jetzt erfolgen. Wobei Hic et Nunc doch auch etwas dehnbar ist, zumindest bis zum Abschluss eines wichtigen Gesetzgebungsprozesses.

Am 26. Februar 2021 erfolgte die erste Lesung des Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetzes (GVWG) im Bundestag. Dabei wurde auch über die Verlängerung der Modellklausel beraten. Während die Bundesregierung eine Verlängerung bis 2026 in den Gesetzentwurf geschrieben hatte, hatte sich der Bundesrat in einer Stellungnahme zu dem Gesetzentwurf für eine deutlich kürze Verlängerung ausgesprochen ­- bis Ende 2022.

Prof. Dr. Bernhard Borgetto, Sprecher des Bündnisses „Therapieberufe an die Hochschulen“

Kompromiss in Sicht?

Dem Bundestag wird üblicherweise zur ersten Lesung der ursprüngliche Gesetzentwurf des Bundeskabinetts, die Stellungnahme des Bundesrats und eine Gegenäußerung der Bundesregierung zur Stellungnahme des Bundesrats zugeleitet. Letztere steht noch aus, und wird dem Vernehmen zu einem späteren Zeitpunkt nachgereicht.

Denkbar wäre, dass die Bundesregierung bereits auf diesem Weg einen Kompromissvorschlag macht. Muss sie aber nicht, denn für das Gesetz besteht keine Zustimmungspflicht durch den Bundesrat. Als Ergebnis der ersten Lesung wurde der Gesetzentwurf zur weiteren Beratung an den federführenden Gesundheitsausschuss verwiesen.

Martina Stamm-Fibich, Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Ausschusses für Gesundheit hat sich bei der Beratung im Namen der SPD-Fraktion für eine Verkürzung der Modellklausel und für ein klares Bekenntnis zur Akademisierung ausgesprochen:

„Fangen wir mit den Modellklauseln für die Ausbildung in der Ergotherapie, Logotherapie und Physiotherapie an. Es kann nicht sein, dass die Akademisierung bzw. Teilakademisierung weiter auf die lange Bank geschoben wird. Die Verlängerung der Modellklauseln bis 2026 erschwert den Universitäten und Fachschulen völlig ohne Not die Arbeit und trägt leider auch zur Verschärfung des Fachkräftemangels in diesen Gesundheitsfachberufen bei, weil potenzielle Bewerber verunsichert sind. Obendrein wird den Studierenden die akademische Weiterentwicklung verwehrt, und die Finanzierungssituation an den Universitäten bleibt ebenfalls auf Jahre ungeklärt. Klare Perspektiven, Herr Minister, sehen anders aus! (…)

Wenn man dann noch hört, dass manche Modellprojekte teilweise seit mehr als zehn Jahren laufen und konstant positiv evaluiert werden, kann man nur noch den Kopf schütteln. (…)

Meine Fraktion fordert deshalb eine Begrenzung der Verlängerung bis maximal 2024 und ein klares Bekenntnis zur Akademisierung in der kommenden Legislaturperiode.“

Das Plenarprotokoll finden Sie hier.

Roadmap für die Akademisierung

Die Spannung steigt aber nicht nur wegen der Verlängerung der Modellklausel an sich, sondern auch, weil sich abzeichnet, dass in die Beratungen des GVWG ein Antrag der Grünen eingebracht werden soll, der eine Art Roadmap der Akademisierung festlegen soll.

Maria Klein-Schmeink, Bundestagsabgeordnete und gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen dazu im Wortlaut:

„Darum fordern wir in einem Antrag, den wir zusammen mit dem Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz beraten wollen, dass ein verbindlicher Fahrplan zur Akademisierung der Berufe der Ergotherapie, der Logopädie und der Physiotherapie vereinbart wird. Die Berufsverbände und die Hochschulverbände und die Länder müssen an der Erstellung dieses Fahrplans beteiligt werden. Ziel ist, dass die regulären Studiengänge zu einem festgelegten Zeitpunkt starten können. Damit würde die weitere Verlängerung konstruktiv genutzt, das Engagement der therapeutischen Gesundheitsfachberufe liefe nicht wieder ins Leere. Und es wäre garantiert, dass es keinen weiteren Aufschub gibt.“

Eine Beteiligung der Verbände, die überwiegend Mitglied im Bündnis Therapieberufe an die Hochschulen sind, bereits an diesem politischen Schritt wäre sehr begrüßenswert.

Forderung von Roy Kühne

Am vorigen Wochenende hat sich auch Roy Roy Kühne, Bundestagsabgeordneter und Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Heilmittel, Hilfsmittel und Pflege in einem Tweet zum Thema Akademisierung zu Wort gemeldet. Kühne schreibt am 21. Februar 2021 in der für einen Tweet gebotenen Kürze unter anderem:

„Klare Forderung von mir:

(…)

4.) Akademisierung zulassen!

Gesundheits(fach)berufe können mehr!!“

Hoffen wir, dass Akademisierung zulassen auch heißt: Entscheidung jetzt zulassen, Roadmap zulassen, Übergang organisieren.

Neu auf der Bühne

Neu auf der Bühne scheint sich genau zum richtigen Zeitpunkt eine studentische Initiative zu etablieren: „HochschuleJetzt! Für eine gesunde Zukunft“. In einem über verschiedene Newsletter verschickten Flyer heißt es:

„Wir …

… sind ein frischgebackenes Netzwerk von Studierenden aus therapiebezogenen Studiengängen.

… setzen uns für die vollständige Akademisierung der Therapieberufe ein.

… beziehen aus Sicht von Studierenden Position zum Thema Akademisierung.

… möchten Ansprechpartner:innen bei hochschulpolitischen Themen sein.

… wollen größer werden!“

Auch hier wird es spannend sein, zu beobachten, wie sich das Netzwerk entwickelt. Eine Website der Initiative gibt es bislang nicht.

Wie geht es nach der ersten Lesung weiter?

Hier der aktualisierte Terminplan des Gesetzgebungsverfahrens:

  • Referentenentwurf: 23. Oktober 2020
  • Fachanhörung: 19. November 2020
  • Verabschiedung Kabinettsentwurf: 16. Dezember 2020
  • Durchgang Bundesrat: 12. Februar 2021
  • 1. Lesung Bundestag: 26. Februar 2021
  • Anhörung im Bundestag: 14. April 2021
  • 2./3. Lesung Bundestag: N.N.
  • Durchgang Bundesrat: N.N.
  • Inkrafttreten: N.N.

Es bleibt also noch viel Zeit, gemeinsam diesen Prozess zu begleiten und auf einen verbindlichen Fahrplan zur Akademisierung der Ergotherapie, Logopädie und der Physiotherapie zu drängen.

Über das Bündnis

Im Bündnis „Therapieberufe an die Hochschulen“ haben sich die mitgliederstärksten Berufs- und Ausbildungsverbände der Therapieberufe Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie zusammengeschlossen. Gemeinsam repräsentieren die Partner über 130.000 Ausübende und Auszubildende der Gesundheitsfachberufe Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie sowie die führenden Zusammenschlüsse der Hoch- und Berufsfachschulen.

Autor: Prof. Dr. habil. Bernhard Borgetto

Sprecher des Bündnisses Therapieberufe an die Hochschule

HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst

Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, Goschentor 1, D-31134 Hildesheim

www.buendnis-therapieberufe.de

E-Mail: Kontakt@buendnis-therapieberufe.de