Viele Kinder und Jugendliche leiden unter einem erheblichen Bewegungsmangel – Übergewicht und gesundheitliche Probleme sind die Folgen. Um das zu verhindern, braucht es körperliche Aktivität und mehr Spaß am Sport.

Doch wie gestaltet man ein Training mit Kindern und Jugendlichen in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen? Welche Trainingsmethoden und Fitnessübungen sind motivierend, sicher und effektiv zugleich?

Sportlehrer und Physiotherapeut Patrick Hartmann gibt in seinem am 07.06.2021 erscheinenden Buch „Praxishandbuch Kinder- und Jugendtraining“ umfassende Antworten. Einen kleinen Einblick erhältst du in unserem Interview.

Wieso hast du dich dazu entschlossen, dich auf das Training mit Kindern und Jugendlichen zu spezialisieren?

Zunächst war das gar nicht mein Vorhaben. Mein Schwerpunkt war immer das Training mit Erwachsenen. Doch in Kursen zu diesem Thema stellten mir Teilnehmer immer wieder die Fragen, wie es denn bei Kindern und Jugendlichen ist. Was bei ihnen anders und speziell zu beachten ist. Darauf konnte ich oftmals für mich nur mit nicht zufriedenstellenden Antworten dienen. Also begann ich vor einiger Zeit tiefgründig zu recherchieren und das Thema hat mich gepackt.

Es gibt zu diesem Thema so viele kursierende Mythen und Unklarheiten, die in deutscher Sprache kaum fundiert beantwortet werden. Dem möchte ich entgegenwirken. Ich möchte interessierten Trainern, Übungsleitern aber auch Eltern wissenschaftliche Erkenntnisse leicht verständlich zugänglich machen. Denn das Training mit Kindern und Jugendlichen ist heutzutage wichtiger denn je. Ihre körperlichen Fähigkeiten sind seit Jahren abnehmend. Dieser Trend muss dringend umgekehrt werden, denn darunter leidet deren Gesundheit.

Worauf muss man speziell beim Training mit Kindern – im Gegensatz zum Training mit Erwachsenen – achten?

Kinder und Jugendliche sind in jedem Fall nicht einfach nur kleine Erwachsene. Sie befinden sich körperlich, geistig und sozial in einer Entwicklungsphase. Dem muss sich der Trainer bewusst sein und das Training dementsprechend gestalten.

Kinder sind aber keine zerbrechlichen Wesen, denen man kaum etwas zumuten kann. Wie Erwachsene können auch Kinder und Jugendliche in jeder Phase ihrer Entwicklung sämtliche körperliche Fähigkeiten trainieren und dabei Trainingsanpassungen erfahren. In bestimmten Altersstufen sind diese jedoch ausgeprägter als in anderen. Ein Trainer sollte daher wissen, in welchen Entwicklungsphasen welche Trainingsschwerpunkte zu setzten sind, um optimale Trainingsergebnisse zu erzielen.

Welche Rolle spielt die Eltern-Kind-Beziehung?

Eltern beeinflussen stark, wie viel ihre Kinder körperlich aktiv sind. Sind sie bewegungsfreudig, werden es mir hoher Wahrscheinlichkeit auch ihre Kinder sein. Das bildet ihre körperlichen Fähigkeiten aus, die durch ein gezieltes Training verfeinert werden können.

Kommen hingegen Kinder mit motorischen Defiziten zu einem Training, dann kommt es vor allem auf die Trainer-Kind-Beziehung an. Ein Trainer sollte es schaffen, dass sich ein Kind beim Training wohl fühlt und Spaß an der Bewegung entwickelt. So kann es gelingen, dass es zu gleichaltrigen Freunden aufschließt und langfristig aktiv bleibt.

Welche Rolle spielt die Eltern-Trainer-Beziehung?

Die Eltern-Trainer-Beziehung ist meiner Meinung nach gar nicht so entscheidend. Aber natürlich müssen die Eltern das Vertrauen haben, dass ihre Kinder in den besten Händen sind.

Hast du selbst Kinder und wie trainierst du mit ihnen?

Ja, ich habe zwei Mädchen. Mit ihnen mache ich kein spezielles Training. Wir sind zusammen aber ziemlich körperlich aktiv. Im Sommer machen wir beispielsweise Bergtouren zu Fuß, fahren Fahrrad, gehen schwimmen und spielen im Garten. Im Winter gehen wir Skifahren, Schneeschuhwandern und bauen Schneemänner. Natürlich ist der Umfang an ihr Alter angepasst. In erster Linie sollen alle diese Dinge einfach nur Spaß machen.

Welche Sportart führst du selbst aus?

Ich selbst komme aus dem Ausdauersport. Schon früh als Kind bin ich über einen Lauf-Treff an unserer Schule zum Laufen gekommen. Dort konnte man goldene, silberne und bronzene Taler gewinnen, wenn man gewisse Strecken in einem bestimmten Tempo zurücklegen konnte. Das hat mich total angespornt. Etwas später hat mich dann das Mountainbiken fasziniert. Über einige Jahre bin ich viele Rennen gefahren. Ich mochte es, mich mit mir selbst und anderen zu messen.

Heute habe ich keine ehrgeizigen sportlichen Ziele mehr. Der Spaß steht für mich im Vordergrund. In meinem Keller habe ich mir einen kleinen Trainingsraum eingerichtet, in dem ich regelmäßig ein Krafttraining mache. Das ist für mich die Basis. Zusätzlich gehe ich Laufen, Mountainbiken, Skifahren und mache vieles Weitere, wenn es sich gerade anbietet.

Was sind die häufigsten Verletzungen, mit denen du zu tun hast?

Derzeit habe ich mit keinen Verletzungen bei Kindern und Jugendlichen zu tun. In der Physiotherapie arbeite ich größtenteils mit Erwachsenen.

In der Vergangenheit habe ich aber mehrere Jugendmannschaften betreut. Dort hatte ich verstärkt mit Überlastungsproblematiken des Bewegungsapparates zu tun, denn die Spieler und Spielerinnen mussten sehr viel und sehr hart trainieren. Sie spielten in einer Landes- oder Nationalauswahl Volleyball. Aber natürlich kam das eine oder andere Mal auch eine Verletzung wie ein Inversionstrauma vor.

Pflaum Verlag

Würdest du sagen, dass es schwerer oder einfacher ist mit Kindern zu trainieren?

Ich würde sagen, es ist anders und kaum vergleichbar. Kinder verspüren normalerweise einen hohen Bewegungsdrang. Bei ihnen muss eine Trainingseinheit einfach nur interessant gestaltet werden und sie sind kaum mehr zu bremsen. Aber natürlich kommt man heutzutage verstärkt auch mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt, bei denen es genau gegenteilig ist. Bei ihnen muss die Motivation durch kleine Erfolgserlebnisse erst wieder geweckt werden.

Das gleiche gilt aber auch für Erwachsenen. Es gibt solche, die sich durch ein Training sehr ehrgeizig ihren gesundheitlichen oder sportlichen Zielen nähern und andere, die sich nur schleppend motivieren können. Als Trainer ist es natürlich am einfachsten, wenn man mit hoch Motivierten zu tun hat – egal ob es Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sind.

Wie unterscheidet sich die Trainer-Sportler-Kommunikation mit Kindern?

Nur mit strikten und rationalen Anweisungen kommt man bei Kindern natürlich nicht weit. Ihnen zu sagen: „Lauft alle drei große Runden. Das stärkt euer Herz-Kreislaufsystem und reduziert euer Risiko für körperlich und geistige Erkrankungen. Auch wenn das wahr ist, interessiert das Kinder herzlich wenig – und um ehrlich zu sein, meistens auch nicht Erwachsene.

Gerade bei Kindern muss das Training in spannende Geschichten und Spiele verpackt sein. Ihnen könnte man beispielsweise zurufen: „Wer schafft es, sich vor dem hungrigen Löwen zu retten?“ während man als Trainer bzw. Löwe die Beute treibt. So laufen die Kinder auch die Strecke von drei großen Runden, jedoch mit hoher Motivation, viel Spaß und Vorfreude auf die nächste Trainingseinheit.

 

Vielen Dank für das Interview!

Dieses Interview führte Michelle Dian.

Patrick Hartmann ist Physiotherapeut sowie Sport- und Gymnastiklehrer mit der Zusatzqualifikation Sporttherapie. Er hat ein Masterstudium (M. Sc. Sports Injury Management) an der University of Brighton in England absolviert. Patrick Hartmann ist FOMT-Referent für gerätegestützte Krankengymnastik (KGG), medizinisches Aufbautraining sowie Sportphysiotherapie im In- und Ausland. Zudem ist er Fachautor verschiedener Artikel und Bücher.​

Hier geht es zur Vorbestellung des Buchs „Praxishandbuch Kinder- und Jugendtraining“. Lieferbar ab 07.06.2021.

 

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