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16. November 2021

Bewegungstherapie für Diabetiker – Handlungsfeld sucht Experten

Im Gespräch mit Christoph Anrich

Die Anzahl der von Diabetes betroffenen Menschen in Deutschland lag im Sommer 2021 bei über achteinhalb Millionen. Die Evidenzgrundlage für die Effektivität eines spezifischen Trainingsangebots ist riesig – es gibt nur noch viel zu wenige Therapeuten, die solche Programme anbieten.

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Frank Fiedler / shutterstock.com

Auf der Seite des Deutschen Diabetes Zentrum läuft eine Diabetes-Uhr. Circa alle 55 Sekunden erkrankt ein Mensch an der Stoffwechselerkrankung. Hinzu kommen noch Personen mit Prädiabetes und eine wahrscheinlich nicht zu unterschätzende Dunkelziffer an bisher unerkannten Patienten. Rund 4,6 Millionen Betroffene behandeln die Erkrankung nach Auswertungen des Robert-Koch-Instituts medikamentös. Pro Tag kommen mehr als 1.500 Personen dazu, Tendenz steigend. Eine individuell auf diese Zielgruppe zugeschnittenes Bewegungsangebot könnte für viele Betroffene wichtig sein. Es fehlt jedoch an Information und flächendeckenden Angeboten.

Wir haben bei Christoph Anrich nachgefragt. Er hat eine umfassende Recherche und Auswertung der verfügbaren Evidenz zur Effektivität von Bewegungsprogrammen für Menschen mit Diabetes vorgenommen und leitet die Weiterbildung zum „Fachsporttherapeut Diabetes mellitus IHK“.

Herr Anrich, Sie haben sich ja ein umfassendes Bild zur Evidenzlage gemacht. Wie viele Studien haben Sie denn gesichtet?

Das waren wirklich viele Studien! Ich habe mehr als 5.500 internationale Publikationen ausgewertet und für die Entwicklung des Angebots berücksichtigt. Eine sehr wichtige Erkenntnis ist, dass wir mit Diabetikern aufgrund der abweichenden Stoffwechselprozesse nicht so trainieren können, wie mit Gesunden. Die Empfehlungen aus der medizinischen Trainingslehre müssen für diese Zielgruppe unbedingt modifiziert werden.

Die Evidenzgrundlage für die Effektivität von Bewegungstherapie bei Diabetikern ist dabei sehr gut. Es steht außer Frage, dass diese Zielgruppe von einem zielgerichteten Training profitiert. Kostenträger verlangen allerdings eine Zusatzqualifikation für Anbieter.

Welche Berufsgruppen können ein solches Training anbieten und welche Zusatzqualifikationen sind nötig?

Diabetologen, Physiotherapeuten, Reha-Trainer und medizinische Trainingstherapeuten kommen in Frage. Alle müssen dann eine Zusatzqualifikation zur individuell verhaltensbezogenen Prävention nach §20 Abs. 4 Nr. 1 SGB V nachweisen – also eine Zertifizierung nach dem Leitfaden Prävention, der noch bis 2024 gültig ist. Die Leistungen werden dabei erbracht als:

  • Leistungen zur verhaltensbezogenen Prävention nach Absatz 5,
  • Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten für in der gesetzlichen Krankenversicherung Versicherte nach § 20a und
  • Leistungen zur Gesundheitsförderung in Betrieben (betriebliche Gesundheitsförderung) nach § 20b.

Die Präventionsprinzipien im Handlungsfeld Bewegungsgewohnheiten sind:

  • Reduzierung von Bewegungsmangel durch gesundheitssportliche Aktivität
  • Vorbeugung und Reduzierung spezieller gesundheitlicher Risiken durch geeignete verhaltens- und gesundheitsorientierte Bewegungsprogramme.

Welche Themen sind für die Zertifizierung wichtig?

Grundsätzlich basiert das Programm auf Grundlage aus verschiedenen Bereichen, dazu gehören natürlich Bewegungs- und Sportwissenschaft, Sportmedizin, Physiologie und Pathologie, aber auch Gehirnforschung, Psychologie und Neurowissenschaften. Der Ansatz für die Methodik, Didaktik und Praxis für die Bewegungstherapie ist sinn- und werteorientiert, integrativ sowie ganzheitlich.

Natürlich stehen im Programm zunächst die Grundlagen zum Krankheitsbild mit allen Facetten und möglichen Begleitproblemen auf der Agenda. Dann folgt ein großer Anteil mit praxisbezogenen Aspekten, zum Beispiel zentrale Fragen bei der Bewegungstherapie für Diabetiker, (Patho)-Physiologie bei der Bewegungstherapie mit dieser Zielgruppe, Wirkungen und Nebenwirkungen von körperlicher Bewegung und Sport in diesem Bereich, Aufbau von Trainingseinheiten und Kursen et cetera. Das Konzept ist bereits als Marke eingetragen und heißt „Diabetyps for two“.

Insgesamt gibt es drei Level mit je viertägigen Weiterbildungseinheiten. Zum Abschluss gibt es natürlich ein schriftlicher Abschlusstest und es muss eine Projektarbeit mit 15 bis 20 Seiten Umfang angefertigt werden, danach erfolgt die Präsentation der Ausarbeitung.

Das Programm ist komplex, genauso wie das Krankheitsbild – daher braucht es für eine effektive und sichere Bewegungstherapie mit Diabetikern speziell ausgebildete Experten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Dr. Tanja Boßmann.

Weiterführende Informationen

Diabetes Uhr des DDZ

Deutsche Diabetes Gesellschaft

Deutsche Diabetes Stiftung

Deutsche Diabetes Hilfe

Fachsporttherapeut Diabetesmellitus IHK

Previlance

Christoph Anrich Christoph Anrich

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