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29. November 2021

Forschungssymposium 2021 in digitaler Variante

Forschung fördern, Lehre entwickeln, Versorgung stärken – für die Zukunft der Physiotherapie

Das 5. Forschungssymposium fand am 26. und 27.11.2021 statt – aufgrund der Coronapandemie in digitaler Variante. Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) und die Deutsche Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft e. V. (DGPTW) hatten gemeinsam eingeladen. Viele renommierte Expertinnen und Experten trugen zum Programm bei.

Lesezeit: ca. 3 Minuten

[tb] Das diesjährige Forschungssymposium Physiotherapie stand unter dem Motto „Forschung fördern, Lehre entwickeln, Versorgung stärken – für die Zukunft der Physiotherapie“. Ziel des diesjährigen Symposiums war es, die Forschung in der Physiotherapie und deren Verknüpfung mit Lehre und Versorgung umfassend darzustellen.

Workshops

Auch in der digitalen Variante boten die Veranstalterinnen und Veranstalter eine Vielzahl an Workshops zu unterschiedlichen Themen an, zum Beispiel zu „Kopfschmerz“ von Prof. Dr. Kerstin Lüdtke (Universität zu Lübeck), zum „wissenschaftlichen Veröffentlichen in der Physiotherapie“ von Prof. Dr. Daniel Belavy (Hochschule für Gesundheit, Bochum) und Prof. Dr. Joanne Kemp (La Trobe University, Melbourne, Australien) sowie zu „Klinik und Forschung: Update Rückenschmerzen“ mit Prof. Dr. Axel Schäfer (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen). Dies ist dabei nur ein kleiner Themenauszug aus dem umfassenden Angebot des Symposiums.

Wissenschaft im Hamsterrad?

Die Keynote Lecture am Freitagabend kam in diesem Jahr von Prof. Dr. med. Ulrich Dirnagl. Er ist Gründungsdirektor des QUEST am Berlin Institute of Health (BIH) sowie Abteilungsdirektor Experimentelle Neurologie der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sein Thema: Forschen im Hamsterrad: Woran krankt unser Wissenschaftssystem, und wie können wir es heilen?

Der Experte sprach zunächst über die großen Herausforderungen in der Wissenschaft. Ein Problem seien zum Beispiel Agenturen für Forschungsfälschung. Zudem gäbe es oft Schwierigkeiten mit der Reproduzierbarkeit von publizierten Studien. Zur Sprache kam auch ein schon seit einigen Jahren bekannter Beitrag im renommierten Journal Lancet mit dem Titel „Research: increasing value, reducing waste“. Darin steht plakativ „85% of Health Research is wasted“.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind aktuell in einem Teufelskreis gefangen. Wer forscht, muss neue und vor allem positive Ergebnisse publizieren – möglichst in Journalen mit hohem Impact-Faktor. Das fördert die Karriere. Journale auf der anderen Seite müssen ebenfalls neue und vor allem positive Ergebnisse herausbringen, um den besagten Impact-Faktor zu steigern. Institutionen bevorzugen dann Wissenschaftler mit einer hohen Anzahl von Publikationen in hochrangig gelisteten Zeitschriften, Fördergeber bevorzugen Forschende, die auf der quantitativen Seite punkten können. „Wer hat, dem wird gegeben“, so lautet ein für diese Situation recht zutreffendes Zitat aus dem Matthäus-Evangelium.

Wie lässt sich etwas ändern?

Prof. Dr. med. Ulrich Dirnagl führte die Teilnehmenden nach den nachdenklich stimmenden Ausführungen durch die Geschichte unseres Wissenschaftssystems. Da wären verschiedene Stationen zu nennen, unter anderem die Erfindung der Drittmittel und die Industrialisierung der akademischen Wissenschaft nach dem 2. Weltkrieg.

Nach all den Herausforderungen formulierte der Neurologe die Frage „Was können Institutionen tun?“

Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, Anreize für verantwortungsvolle wissenschaftliche Praktiken zu schaffen. Und mit dem QUEST Center for Responsible Research gibt es unter der Leitung des Neurologen bereits eine Institution, die sich für die Verbesserung von Seriosität, Nutzen und ethischen Aspekten im Rahmen von biomedizinischer Forschung einsetzt. Auch Betroffene sollten viel mehr in die Planung und Durchführung von Forschung involviert werden. Akademische Institutionen, Fördergeber und Journale müssen nach Ansicht des Neurologen jetzt unbedingt gegensteuern. Prof. Dr. med. Ulrich Dirnagl wünscht sich nicht weniger als eine Revolution im wissenschaftlichen Publikationswesen mit Open Access, Open Peer Review, die Veröffentlichung von NULL Ergebnissen, Publikation von Studienprotokollen und vielem mehr.

Was soll unsere Profession jetzt tun?

Die jungen und auch die schon etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unserer Berufsgruppe stellen sich nun zu Recht die Frage, ob sie auf dieses Hamsterrad überhaupt noch aufspringen sollen. Vielleicht kommt uns die allgemeine Entwicklung, die Prof. Dr. med. Ulrich Dirnagl ansprach, schon bald entgegen und wir können in der Physiotherapie die neuen Wege mit beschreiten.

Die Community wächst!

Am Samstag folgte dann ein vielfältiges Fachprogramm zu den Themenblöcken Geriatrie, körperliche Aktivität, Neurologie und Intensivmedizin, Beruf Physiotherapie und Muskel-Skelett-System. Hinzu kam eine umfangreiche Reihe von Posterpräsentationen.

Die wissenschaftlich orientierte Community in Deutschland wächst und entwickelt sich – dies zeigte sich zum Symposium ganz deutlich.

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